Zürcher wollen Fisch vom Dach

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Zürich 28.01.11
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Auf Zürcher Dächern sollen Rüebli gedeihen und sich Fische vermehren. Das Startup-Unternehmen „Urban Farmers” will die ökologische Selbstversorgung der Stadtbevölkerung ankurbeln. Es ist Teil des Gründerraums „Hub Zürich”, der am Wochenende eröffnet wird.

Balsamiko-Pflanzen auf dem Balkon sind ihnen zu wenig. Sie wollen Fischbecken und Treibhäuser auf die Dächer grosser Gebäude, auf brachliegende Flächen und in zeitweilig ungenutzte Gebäuden bringen. Sie wollen, dass Städter sich selbst versorgen können. Und die „Urban Farmers” in Zürich sind keine Öko-Spinner. Der Ökonom Roman Gaus, einer der federführenden Initianten, sagt bei der Vorstellung am Mittwoch in Zürich: „Ich will wieder mehr teilhaben an der Nahrungsmittelproduktion und da bin ich nicht der einzige.”

Innerhalb von fünf Jahren soll eine Amortisation einer Anlage möglich sein, hat er mit seinen Mitstreitern berechnet. Mit der Idee treffen sie den Puls der Zeit, die durch Dioxin- und BSE-Skandale geprägt ist, in der der Wunsch nach mehr Mitbestimmung und Miteinander laut wird und Profit nicht mehr nur ökonomisch definiert wird. Als Teil des „Hub Zürich”, eines Ortes für nachhaltig denkende Gründer, der am kommenden Samstag eröffnet wird, stehen sie für eine neue Art des Wirtschaftens.

Abfall war gestern

Die Idee sei Cleantech des 21. Jahrhunderts, sagt Gaus: „Das Abfallkonzept gehörte dem 20. Jahrhundert an, wir verwerten neu.” Denn bei der Fischzucht fallen als Abfallprodukte genau die Nährstoffe an, die manche Gemüsesorten zum Wachsen brauchen. Im Rahmen des sogenannten Aquaponic-Systems wird somit Fisch und Pflanze in einer Anlage gezüchtet und es entsteht ein fast geschlossener Kreislauf, der wenig Wasser benötigt und umweltfreundlich ist.

Ort für verantwortungsvolles Unternehmertum

Der Hub Zürich bringt Unternehmer und gute Ideen zusammen, um so einen Nährboden für gesellschaftliche Innovationen zu schaffen. Am 29. Januar findet der offizielle Startschuss statt. Hierbei wird auch der Gewinner des Hub Zürich Fellowship-Programms für unternehmerische Initiativen im Bereich Klima und Nachhaltigkeit gekürt, das von WWF Schweiz und Ashoka Schweiz unterstützt wird.
Als Plattform für Social Entrepreneurship steht der Hub für Menschen offen, die soziale oder ökologische Herausforderungen auf unternehmerische Art und Weise zu lösen versuchen. Hub Zürich bietet in zwei Bögen „im Viadukt” am Bahnhof Hardbrücke in Zürich Raum mit flexibler Nutzung von Arbeitsplätzen, Seminar- und Veranstaltungsräumen. Die Idee des Hubs ist 2005 in London entstanden, so dass der Hub Zürich heute Teil eines weltweiten Netzwerkes von rund 20 Hubs ist.

Dass das funktioniert, beweist eine Anlage in Wolhusen bei Luzern, sagt der wissenschaftliche Kopf der Urban Farmers, Andreas Graber. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zürcher Hochschule für Angewandten Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil und Aquaponic-Spezialist. „In Wolhusen gedeihen bereits seit 2004 gemeinsam Pflanzen und Fische auf mehreren hundert Quadratmetern”, sagt Graber. Die Anlage setzt der Überfischung der Meere sowie CO2- und energieintensiven Transportwegen von Nahrungsmitteln ein funktionierendes System entgegen.

Raum und Ressourcen besser nutzen

Doch die Urban Farmers gehen weiter und wollen mit ihrer Idee eine Antwort auf weitere drängende Fragen bieten. Denn während weltweit nur noch eine Erschliessung von weiteren fünf Prozent Agrarland möglich ist und bereits über die Hälfte aller Menschen in Städten leben, schreitet die Welt auf eine Hungerkrise zu. Es gilt vorhandenen Raum zu nutzen und neues Bewusstsein für Lebensmittel zu schaffen. Deshalb setzt die Initiative auf die Unterstützung der Basis - auf Städter, die gleichzeitig Investoren, Kunden, Vermarkter und Stadtbauern sind. Möglich sein sollen zum einen kleine Anlagen, sogenannte „U-Farms”, die beispielsweise in Containern untergebracht sind. Zum anderen wollen die Initianten Flächen zur Zwischennutzung finden. All das gibt es bereits. Komplett neu hingegen ist die Idee der Dachanlagen auf grossen Gebäuden, an deren Umsetzbarkeit die Stadtbauern nicht zweifeln. Und weil Probleme wie das der Lebensmittelknappheit in der Schweiz weniger präsent als ärmeren Staaten auftritt, ist für Andreas Graber klar, dass Zürich nur ein Testballon ist: „Ich will, dass das Prinzip hier funktioniert. Dann kann man es auch weltweit einsetzen.”

Dafür, dass eine schlüssige Wertschöpfungskette entsteht, trägt unter anderem der Mitstreiter Andreas Schläpfer sorge. Als Management-Berater und Nachhaltigkeits-Experte ist er für viele ein weiterer Garant dafür, dass Urban Farmers nicht auf Sand bauen.

Preisverdächtige Bauern

Zürich scheint ein guter Startpunkt. Zum einen, weil die Unternehmer hier unter anderem im Rahmen des „Hub Zürich”-Netzwerkes Unterstützung finden. Sie sind unter den Finalisten für zahlreiche Preise wie des „Hub Zürich Fellowship” und des „Prix Nature”. Zum anderen weil Zürich der Idee positiv gegenübersteht. Anita Martinecz von der Standortförderung des Kanton Zürich sagt: „Mit Sicherheit stehen zwischen Konzept und Wirklichkeit noch einige Bewilligungshürden. Doch da das Prinzip sich bereits andernorts bewährt hat, sind diese überwindbar.” Sie fasziniert an der städtische Faktor vor allem auch der integrative Faktor. Denn schliesslich wollen die Urban Farmers am Ende des Tages nicht nur auf den ökonomischen, sondern auch auf den ökologischen und sozialen Gewinn schauen. Ob es hierfür auch finanzielle Unterstützung aus öffentlichen Kassen gibt, ist noch offen.

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