Japan erwartet für die nächsten Jahrzehnten ein Monsterbeben. In der erdbebenreichsten Region der Welt könnten bis zu drei Beben gleichzeitig stattfinden. Am Mittwoch wurde daher die bisher grösste Notfallübung durchgeführt.
Um 7 Uhr morgens dröhnen die Sirenen. Soeben gab es ein Erdbeben der Stärke 8,7 auf der Richterskala. Zwei weitere Beben mit ähnlicher Stärke folgen kurz darauf. Premierminister Naoto Kan und sein gesamtes Kabinett eilen zu einer Krisensitzung. Sofort setzen sie eine Notfallkommission ein, die sich binnen Sekunden mit allen lokalen Behörden in Verbindung setzt und das Ausmass der Schäden erfasst. Mehrere Hunderttausend Bürger suchen Schutz unter Tischen und Türrahmen und wandern ordentlich in Reih und Glied zu den Evakuierungsplätzen in ihrer Nachbarschaft. Feuerwehr, Polizei und Militär und sogar Teile der in Japan stationierten US-Truppen sind als Retter im Grosseinsatz.
Drei grosse Beben gleichzeitig
Alles läuft wie am Schnürchen – aber es ist nur eine Übung. Seit dem verheerenden Erdbeben, das im Jahr 1923 Tokio in Schutt und Asche gelegt hat, finden in ganz Japan am 1. September, dem Jahrestag des Tokio-Bebens, gross angelegte Katastrophenübungen statt. Doch so gross wie in diesem Jahr war die simulierte Katastrophe noch nie. Diesmal ereigneten sich laut Drehbuch mit dem Tonankai, dem Nankai- und dem Tokai-Beben gleich drei Mega-Beben, die seit Jahrzehnten überfällig sind. Ganz abwegig scheint dieses Horror-Szenario mit drei simultanen Monsterbeben nicht zu sein.
25.000 Tote erwartet
Immer mehr Seismologen kommen zu dem Schluss, dass das Tonankai-Beben tatsächlich so heftig sein wird, dass es die beiden anderen Mega-Beben auslösen kann. Die Regierung schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Tonankai-Beben in den nächsten zehn Jahren ereignet und dass es stark genug sein wird, um die beiden anderen Monsterbeben auszulösen, auf 20 Prozent. In den nächsten 30 Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit bei 60 bis 70 Prozent. Nach offiziellen Berechnungen werden dann in der drittgrössten Wirtschaftsmacht der Welt bis zu 25.000 Menschen sterben und etwa 550.000 Gebäude einstürzen.
Sekunden vorher gewarnt
Seit Jahrzehnten investiert die Regierung in Forschungsprojekte, die eine Vorhersage dieser Horrorbeben ermöglichen soll – bislang ohne Erfolg. Das erdbebenreichste Land der Welt setzt voll auf Hochtechnologie, um der Naturgewalt Herr zu werden. Ein landesweites Frühwarnsystem der staatlichen Wetterbehörde schlägt Alarm sobald ein Netz von mehr als tausend Seismometern die ersten Erdbebenwellen erfasst. Die Warnung wird automatisch an Fernsehsender und Mobilfunkbetreiber weitergeleitet, so dass Handy-Nutzer und Fernsehzuschauer im besten Fall wenige Sekunden, bevor die Erde unter ihnen bebt, Bescheid wissen. Bei den letzten grösseren Erdbeben hat das System immerhin so gut funktioniert, dass viele Menschen später berichteten, sie hätten es dank der Warnung wenigstens geschafft, sich rechtzeitig vor herabfallenden Gegenständen in Sicherheit zu bringen.
Bild: Am 1.September 1923, wurde die Kanto Ebene von einem der tödlichsten Erbeben in der Geschichte der Menschheit getroffen. Tokyo und Yokohama wurden weitgehend zerstört, und etwa 140 000 Menschen kamen dabei ums Leben (August Kengelbacher/www.japan-guide.com).
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