Urwälder sind unverzichtbar

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Geschrieben von: Kaspar Meuli 18.08.10
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20 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen gehen auf die Zerstörung des Kohlenstoffspeichers Regenwald zurück – mehr, als der weltweite Transportsektor verursacht, sagt der Träger des Alternativen Nobelpreises und Biologe René Ngongo. Und für den Kongolesen ist klar: Die Abholzung ist auch eine kulturelle Gefahr.

Kaspar Meuli: Sie sind vor kurzem in Stockholm mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden. Wie wirkt sich dieser Preis auf ihren Kampf für die Regenwälder aus?

René Ngongo: Man hört mir viel mehr zu als früher! Ich halte Vorträge, gebe Interviews und werde zu Diskussionsrunden eingeladen. Ein Preis wie der Right Livelihood Award stellt eine
einmalige Plattform dar, um auch international auf unsere Anliegen aufmerksam zu machen und der Welt zu zeigen, was auf dem Spiel steht, wenn die Rodungen im Kongo und anderswo weitergehen.

Kaspar Meuli: Zeigt das internationale interesse an ihrem Engagement schon konkrete Folgen?

René Ngongo: Ja. Die Botschafter der EU-Länder im Kongo zum Beispiel haben sich kürzlich auf einer zweitägigen Exkursion die Problematik der unkontrollierten Abholzung vor Ort erklären lassen. Das ist ein wichtiger Schritt, da sich in der EU im Moment politisch einiges zum Schutz der Regenwälder tut. Schnelles Handeln ist dringend nötig: Durch die oft illegale industrielle Waldwirtschaft gehen bei uns 13 Millionen Hektar Regenwald im Jahr verloren.

Kaspar Meuli: Wer ist dafür verantwortlich?

René Ngongo: Die grosse Bedrohung geht von den multinationalen Firmen aus. Diese sind zwar nur an wenigen Baumarten interessiert, vor allem an Afromosia, bauen aber, um diese Bäume zu fällen, neue Strassen durch den Urwald. Diese wiederum erleichtern den kleinen Bauern und Holzfällern, die durch Brandrodung Ackerflflächen gewinnen wollen, den Zugang zu den Wäldern. Afromosia ist übrigens ein Baum, der durch das Artenschutzabkommen CITES geschützt ist.

Kaspar Meuli: Wie müssen wir uns die kongolesischen Wälder vorstellen?

René Ngongo: Im Kongobecken liegt der zweitgrösste Regenwald der Welt nach dem Amazonasurwald. Wir nennen ihn "die zweite Lunge der Erde". Die Biodiversität ist enorm. Es gibt zahllose Tier- und Pflflanzenarten, die sonst nirgends auf der Welt vorkommen. Von den Okapis bis zu den Bonobos, einer Schimpansenart. Aber auch viele Vogelarten leben ausschliesslich hier.

Kaspar Meuli: Und deren Überleben ist durch die Rodungen in Gefahr?

René Ngongo: Ja, aber der Regenwald spielt nicht nur für Tiere und Pflflanzen eine zentrale Rolle, sondern auch für 40 der 65 Millionen Kongolesen, die direkt oder indirekt von den Wäldern leben. Bei uns kaufen viele Menschen ihre Lebensmittel nicht im Supermarkt, sondern ziehen in die Wälder und kommen dann mit gefüllten Körben zurück. Sie sammeln Raupen oder Pilze, gewinnen Honig und jagen Wild. Zudem ist der Wald eine Apotheke. Viele Krankheiten werden bei uns ausschliesslich durch Medizinalpflflanzen behandelt und nicht durch die moderne Medizin. Diese Pflanzen sind bei vielen Krankheiten sehr effizient, und es gibt für sie in der modernen Medizin keinen Ersatz.

Kaspar Meuli: Sie sprechen von einzelnen Volksgruppen, die abgelegen im Wald leben ...

René Ngongo: Nein, nein! Auch die Städter haben eine direkte Verbindung zum Wald. Die sieben Jahre Bürgerkrieg haben im Kongo das soziale und wirtschaftliche Gefüge zerstört. Viele Firmen mussten schliessen, und noch immer haben viele Menschen keine Arbeit. Sie müssen sich von den Früchten des Waldes ernähren. Auf den wenigen noch befahrbaren Strassen sind dauernd Lebensmitteltransporter zwischen den Waldgebieten und den Städten unterwegs. Im Gegensatz zu den importierten Waren können sich die Leute diese Produkte leisten. Auch die Städte hängen also vom Wohlergehen des Waldes ab.

Kaspar Meuli: Die Abholzung der Regenwälder, so erklären Sie in ihren Vorträgen, ist nicht nur ein ökologisches Desaster, sondern auch eine kulturelle Bedrohung. Weshalb?

René Ngongo: Für die Dorfgemeinschaften sind die Wälder nicht nur Ernährungsgrundlage, sondern auch Teil der traditionellen Lebensweise. Im Wald finden zum Beispiel die Initiationsriten statt, wenn aus den jungen Frauen und Männern Erwachsene werden. Und es gibt viele heilige Stätten, die für diese Gemeinschaften wichtig sind. Durch die industrielle Ausbeutung der Wälder werden viele dieser Orte zerstört, und es kommt zu Konfl ikten zwischen der lokalen Bevölkerung und den multinationalen Holzfirmen. Die Menschen wollen nicht mit ansehen, wie Stätten entweiht
werden, an denen ihre Vorfahren begraben sind.

Kaspar Meuli: Im Zuge der globalen Erwärmung wird von der Bedeutung des Regenwaldes für das Klima gesprochen. Wie sehen Sie das?

René Ngongo: Die Urwälder sind für den Klimaschutz unverzichtbar. 20 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen gehen auf die Zerstörung des Kohlenstoffspeichers Regenwald zurück – das ist mehr, als der weltweite Transportsektor verursacht. Die reiche Artenvielfalt unserer Wälder könnte uns und unseren Kindern auch helfen, sich an die rasanten Klimaveränderungen anzupassen. Niemand weiss, welche Pflanzenarten unter künftigen klimatischen Bedingungen für den Menschen noch von grossem Nutzen sein könnten. Es wird uns aber nur gelingen, die Wälder zu erhalten, wenn wir lokal, national und international zusammenarbeiten.

Kaspar Meuli: Was braucht es konkret zum Schutz der Wälder?

René Ngongo: Wir müssen Alternativen zu ihrer Abholzung entwickeln. Viele Menschen im Kongo kochen mit Holzkohle – auch das bedroht die Wälder. Ihnen müssen wir Zugang zu Elektrizität  verschaffen. Bei der industriellen Ausbeutung der Wälder braucht es bessere Kontrolle. Zwar haben wir durchaus Gesetze zum Schutz der Wälder, aber solange es keine wirklichen Kontrollen gibt, sind sie nichts wert. Dazu braucht es eine Verwaltung, die in der Lage ist, ihre Kontrollfunktion wahrzunehmen. In der Provinz Equateur etwa, die so gross wie Frankreich ist und wo die Holzfirmen aktiv sind, hat der Chef der Forstverwaltung nichts als ein Velo, um sich fortzubewegen. Wie soll er da je kontrollieren, ob die Ausbeutung im gesetzlichen Rahmen erfolgt?

Kaspar Meuli: Welche Rolle spielen die Konsumenten bei uns in der Schweiz beim Schutz der Regenwälder?

René Ngongo: Auch sie tragen eine Verantwortung. Wer Möbel, Parkett, Fenster oder andere Holzprodukte kauft, sollte sicher sein, dass dieses Holz legal gefällt wurde und aus nachhaltiger Waldwirtschaft stammt. Dies garantiert z. B. das FSC Label, auch wenn wir dies im Kongo noch nicht anbieten können. Und schliesslich sollten die Menschen von ihren Politikern verlangen, dass die Einfuhr von illegal geschlagenem Holz verboten wird. Im EU-Parlament wird bereits ein entsprechendes Gesetz diskutiert.

Kaspar Meuli: Wir haben viel von Wirtschaft und Politik gesprochen. Was bedeutet Ihnen der Regenwald?

René Ngongo: Ich liebe seinen charakteristischen Geruch – und erst die Geräusche! Und ich spüre immer wieder, dass die Natur im Wald ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Der Wald steht auch für eine ganz besondere Lebensform. Ich bewundere die Pygmäen und ihre Art, in völligem Einklang mit der Natur zu leben. Für sie ist der Wald alles: Garten, Apotheke, Kirche, Lebensraum. Aus Erlebnissen mit diesen Menschen schöpfe ich meine Energie für den Kampf gegen die Zerstörung der Wälder.

 

Zur Person:
René Ngongo: (48) ist Biologe und kommt aus der Demokratischen Republik Kongo. Für seinen langjährigen Einsatz für Urwaldschutz und soziale Gerechtigkeit ist er mit dem Alternativen Nobelpreis Right Livelihood Award 2009 ausgezeichnet worden. Ngongo hat 1996 die Organisation Concertée des Ecologistes et Amis de la Nature (OCEAN) gegründet. Heute arbeitet er als Berater für Greenpeace. René Ngongo lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Kinshasa.

Bild: Scanderberg / Sauer

 

Das Interview ist zuerst im Bio- und Nachhaltigkeits-Magazin Verde von Coop erschienen.

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