Räume verdichten

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Geschrieben von: Nathalie Schoch, St. Gallen 21.06.10
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Der Primärenergiebedarf in der Schweiz beträgt heute 6.000 Watt pro Person. Die heutige Gesellschaft lebt auf Kosten kommender Generationen. Um diesem Negativtrend entgegenzuhalten, braucht es rigorose Anstrengungen. Diese liegen laut Energieplaner Conrad U. Brunner vor allem im Privatverkehr und der elektrischen Energie.

Nathalie Schoch: Welche Rolle spielen die Städte, um eine 2000-Watt-Gesellschaft zu erreichen?

Conrad Brunner: Die Urbanisierung, also mehr Leute in verdichteten Räumen, Städten oder Agglomerationen sind ein wichtiger Treiber der gesellschaftlichen Entwicklung. Und die Städte sind Träger von Wirtschaft und Kultur. In diesem Sinne ist die Auseinandersetzung mit den Städten wichtig, um eine Entwicklung zur Nachhaltigkeit zu fördern.

Nathalie Schoch: Die Stadt Zürich hat die Ziele einer 2000-Watt-Gesellschaft vor 4 Jahren in ihrer Gemeindeordnung verankert. Über welche Hürden ist man da gestolpert?

Conrad Brunner: Die Hürden waren viel früher da. Die Stadt Zürich hat eine 30-jährige Entwicklung in dieser Thematik hinter sich, wo man zuerst mit Wärmeeffizienz, dann mit Stromeffizienz, dann mit grauer Energie - und schliesslich mit nachhaltiger Planung und Mobilität gearbeitet hat. Ich glaube, die Hürde war damals, das Thema in die Köpfe der Politiker und Politikerinnen zu bringen und dann von der Politik in die Köpfe der Bevölkerung. Heute ist das fest verankert. Es gibt Gesetze dazu, klare Zielsetzungen, es gibt Investitionsmittel, beauftragte Stellen und sogar bereits Koordinatoren.

Nathalie Schoch: Dann ist der Erfolg bereits sichtbar. Oder gibt es noch mehr?

Conrad Brunner: Wenn man Zürich mit anderen Städten vergleicht, dann sind unsere Erfolge durchaus sichtbar. Zum Beispiel im Rahmen der Energiestadt in der Schweiz oder dem European Energy Award. Laut einer neuen Studie hat Zürich einen hohen ökologischen Qualitätswert im Vergleich zu vielen anderen internationalen Städten. Und Zürich hat einen weit entwickelten öffentlichen Verkehr.

Nathalie Schoch: Hat die Stadt Zürich auch negative Seiten?

Conrad Brunner: Zürich schneidet meines Erachtens im Bereich des Fuss- und Veloverkehrs noch schlecht ab. Die Barrieren sind hoch. Die verfügbaren Räume dafür wurden vom Auto aufgefressen und diese müssen nun von der Human Powered Mobility mühsam wieder zurückerobert werden. Und Zürich hat als mittelalterliche und im 20. Jahrhundert stark expandierte Stadt immer noch sehr viele alte Bauten – die werden nicht besser mit der Zeit. Sie brauchen Pflege, gewisse müssen ersetzt oder mit relativ kostspieligen Aufwendungen energetisch verbessert werden.

Nathalie Schoch: Welche Anstrengungen sind nötig, um in die Richtung einer 2000-Watt-Gesellschaft zu gelangen?

Conrad Brunner: Zum einen betrifft das vor allem den Privatverkehr. Zum anderen die elektrische Energie. Was bereits gut läuft, ist die Gebäude-Entwicklung. Hier bestehen bereits gesetzliche und Fördermassnahmen. Im elektrischen Bereich stehen wir noch am Anfang. Noch steigt der elektrische Verbrauch durch die Multiplizierung im Dienstleistungsbereich, der Informationstechnologie, aber auch im privaten Konsum. Unsere Spielzeuge sind ja zunehmend elektrisch oder haben Batterien – und das muss ja irgendwie geliefert werden. Ich sehe einen Schwerpunkt in der elektrischen Nutzung, die tatsächlich einen grossen Schritt braucht, und zwar in Richtung Effizienz, aber auch hin zur Suffizienz. Wir werden lernen müssen, mit weit weniger Verbrauch auszukommen und auf einigen elektronischen Unsinn zu verzichten.

Nathalie Schoch: Auch im Bereich Mobilität steht man vor grossen Herausforderungen. Die da wären?

Conrad Brunner: Die Stadt Zürich hat ein pulsierendes öffentliches Verkehrsnetz, das sehr komfortabel und bis in die ganze Schweiz hinaus gut ausgebaut ist. Auch andere Städte und Regionen können da mithalten. Ein grösseres Problem stellen ältere Menschen dar, die nicht mehr unbedingt in der Lage sind, den öffentlichen Verkehr zu nutzen und weitere Strecken zu Fuss oder mit dem Velo zurückzulegen. Hier braucht es sicher noch ein neues Element, das ältere Menschen in Bezug auf eine nachhaltige Mobilität versorgen kann.

Nathalie Schoch: Es gibt aber auch Städte, die nicht nachhaltig funktionieren. So zum Beispiel die Autostadt St.Gallen. Mit dem Bus hat man 45 Minuten, um von West nach Ost zu gelangen, in vielen Teilen der Stadt gibt es keine separaten Busspuren. Wie geht man in einem solchen Fall vor?

Conrad Brunner: Wir haben tatsächlich festgestellt, dass in gewissen Teilen der Schweiz der Individualverkehr stärker ausgeprägt ist. Unter anderem eben die Ostschweiz, aber auch die Romandie, das Tessin oder Graubünden. Das hat mit dem Umfeld zu tun. Die Agglomeration Zürich mit etwa einer Million Einwohnern sitzt so, dass sich Wohnen und Arbeiten mit einer Tagespendlerei im öffentlichen Verkehr sehr gut einrichten lässt. Aber wenn Sie in Appenzell wohnen und in der Stadt St.Gallen arbeiten, ist es zum Teil nicht möglich, den öffentlichen Verkehr zu nutzen, weil es ökonomisch nicht vertretbar wäre. Der öffentliche Verkehr hat nur dort Erfolg, wo es dichte Metropolen gibt.

Nathalie Schoch: Das würde bedeuten, dass man immer mehr auf die Verdichtung von Siedelungen zusteuert?

Conrad Brunner: Ja. Da ist auf der einen Seite die Urbanisierung, dieser Prozess läuft. Andererseits die Ausgestaltung der urbanen Regionen, der Kernstädte und Agglomerationen. Sie müssen eine kritische Grösse haben für die ökonomische Dimension, die kulturelle Dimension und um eben auch das Mobilitätsproblem besser anzugehen.

Nathalie Schoch: Wie kam es eigentlich zur Definition der 2000-Watt-Gesellschaft?

Conrad Brunner: Da gibt es verschiedene Theorien. Ich denke, es ist grundsätzlich gar nicht so wichtig. Wir haben eine gesellschaftliche Vision, die heisst 2000-Watt-Gesellschaft. Das wichtigste Wort ist Gesellschaft, gefolgt von Watt, das heisst Energie und Leistung und das Unwichtigste ist die Zahl. Die Zahl in den Köpfen heisst nur, es geht um ein quantifizierbares Element. Die Schwierigkeit ist, diese Quantifizierung in der Schweiz, in Europa oder in China nach einer einheitlichen Methode festzumachen. Hat man mit 2000 Watt die erneuerbaren oder nicht erneuerbaren Energien, fossile oder nicht fossile Träger etc. gemeint? Das lässt viel Interpretationsspielraum offen.

Aber die Idee ist die, dass wir in unserer hoch entwickelten Gesellschaft den Energieverbrauch runterfahren müssen. Dies gelingt uns mit einem einheitlichen Ziel und einem damit verbundenen Begriff. Es wird uns aufzeigen, dass Gesellschaften in Europa und USA mit hohem Energieverbrauch runterschrauben müssen, damit andere wie in Asien, Afrika und Südamerika, die unter diesem Wert liegen, mehr verbrauchen können. Somit heisst unser Ziel nicht 2000 Watt, sondern Konvergenz: Alle Gesellschaften nähern sich kontinuierlich einem ähnlichen Verbrauchswert.

Nathalie Schoch: Glauben Sie, die Gesellschaft kann dazu getrimmt werden, ihren Energieverbrauch zu senken?

Conrad Brunner: Im Moment ist die 2000-Watt-Gesellschaft eine Vision. Der Realisierungszeitraum ist unklar. Ich glaube aber, dass wir in einer Zeit von Verknappung, Katastrophen, Energie-Kriegen und Preisexplosionen doch lernen werden, zurückzuschrauben. Und ich bin relativ zuversichtlich, dass neben Ölbohr-Explosionen und Fehlentwicklungen in anderer Richtung mittelfristig eine Einsicht Überhand nehmen wird, dass wir nur einen Planeten haben, jedoch etliche Möglichkeiten, den zu beheizen und zu bewirtschaften und damit gut zu leben.

 

Zur Person:
Conrad U. Brunner ist Dipl. Arch. ETH/SIA und Energieplaner in Zürich. Daneben ist er Vorstandsmitglied von S.A.F.E, der Schweizerischen Agentur für Energieeffizienz. Der Verein hat einen Leistungsauftrag des Programms EnergieSchweiz und trägt mit ihren Projekten dazu bei, die gesetzlichen Vorgaben umzusetzen.

 

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