„Auf grossem Fusse leben" – der „Wahrig", das deutsche Wörterbuch erklärt die Wendung als figürlich für „verschwenderisch leben". Wir alle leben auf zu grossem Fusse, beuten die Ressourcen der Erde aus, ohne stets darüber nachzudenken, ob sie für uns oder die nachfolgenden Generationen noch reichen werden.
Doch um eine solche Frage beantworten zu können, muss man den menschlichen Verbrauch der Naturressourcen berechnen können, muss ein Äquivalent für die Ausbeutung unseres Planeten finden.
Auf grossem Fusse leben
Der Mensch hinterlässt Spuren auf der Erde, Fussabdrücke im feuchten Sand, im Gras der Wiesen. Der kanadische Sozialwissenschaftler William E. Rees und sein Schweizer Student und Mitarbeiter Mathis Wackernagel haben bereits 1994 diesen Fussabdruck ins Symbolische übertragen: Der „Footprint", den wir auf dem Planeten hinterlassen, ist das Mass für unseren Ressourcenverbrauch. Unter diesem ökologischen Fussabdruck wird die Fläche verstanden, die erforderlich ist, um unsere Bedürfnisse bei den gegenwärtigen Produktionsbedingungen zu befriedigen. Sie schliesst sowohl die Fläche für die Gewinnung der Rohstoffe, für die Produktion von Nahrung, Kleidung, für die von den Menschen benötigte Energie, aber auch jene für die Entsorgung des vom Menschen produzierten Abfalls ein. Die Berechnungen, die von den beiden Wissenschaftlern angestellt wurden, zeigen deutlich: Wir leben auf zu grossem Fusse.
Leben auf Pump der Natur
Das von Mathis Wackernagel 2003 ins Leben gerufene Global Footprint Network hat Anfang Juni zum Footprint Forum 2010 unter dem Slogan „Meet the winner of the 21st century" in die kleine toscanische Stadt Colle Val d'Elsa geladen. Das Zentrum der italienischen Kristallindustrie ist bereits zum zweiten Male Gastgeber dieser Konferenz. Wissenschaftler, Politiker, Industrielle und Journalisten trafen sich zu einem einwöchigen Gedankenaustausch darüber, wie man Fragen nach einem nachhaltigen Wirtschaften, einem nachhaltigen Leben auf diesem Planeten mit wissenschaftlichen Methoden beantworten kann. Die Teilnehmer des Forums machten darauf aufmerksam, das es keine Alternative zu einem ökologischen Nachdenken über unsere Zukunft gibt. „Andernfalls wird die Weltgesellschaft in einen Overshoot kommen, das heisst, in eine Situation, in der wir mehr verbrauchen, als überhaupt regeneriert werden kann. Dies führt dann zwangsläufig zum Kollaps." Es liegt an uns Menschen, ob wir mit einem relativen Wohlstand in die Zukunft gehen oder in eine, die von Kriegen, Katastrophen, Epidemien überschattet ist. Die von Wackernagel 2003 ins Leben gerufene Non-Profit-Organisation Global Footprint Network will einer solchen Entwicklung entgegenwirken, will Wirtschaftler, Politiker, Wissenschaftler und die Öffentlichkeit auf die kritische Entwicklung, die wir alle nehmen, aufmerksam machen. Das Footprint Forum 2010 stellte sich zum Ziel, die Kommunikation zwischen den auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit wirkenden Aktivisten zu vertiefen und zu verbessern. Verwandte Themen| { Anzahl von Hitzewellen steigt, 17.05.10 } | | { Alarm für Griechenlands Tierwelt, 01.03.10 } | | { Biodiversität braucht einen Preis, 15.02.10 } | | { Biodiversität schützen , 13.02.10 } | | { Landwirtschaft kann Klima retten, 04.02.10 } | | { Biodiversität stärken, 27.01.10 } | | { Klimawandel ist Tatsache, 04.12.09 } | | { Klimaschutz darf nicht schaden, 27.11.09 } | | { Wir brauchen anderthalb Planeten , 25.11.09 } | | { Kriegerisches Klima?, 04.11.09 } | | { Bedrohte Gletscher, 20.10.09 } | | { An Klimawandel anpassen, 15.09.09 } | | { Klimawandel trifft Wirtschaft hart, 18.06.09 } |
Buchhaltung über den Verbrauch
Kernthema des in Colle Val d'Elsa abgehaltenen Forums war die Situation im Mittelmeerraum. Wie William E. Rees darstellte, ist der mediterrane Raum ein signifikantes Beispiel für den weltweiten Ressourcenverbrauch. Aufgrund seiner Lage zwischen den Kontinenten Afrika, Asien und Europa, dem Vorhandensein grosser Metropolen, dem Ressourcentransfer zwischen den Kontinenten eignet sich der Raum als Modell für den ökologischen Footprint einer ganzen Region. Aus den hier gewonnenen Daten lassen sich dann Rückschlüsse auf die ökologische Buchhaltung unseres Planeten ziehen. Angewandte Projekte nachhaltigen Wirtschaftens, Bauens, des Organisierens ganze Lebensräume lassen sich durchaus auch in andere Regionen der Welt „exportieren" – der Erfahrungsaustausch zwischen den Aktivisten aus den Teilnehmerstaaten trug dazu positiv bei. Unter den Kongressteilnehmern waren ausser den Organisatoren vom Global Footprint Network (Kalifornien/USA) und von der Universität von Siena (Italien) Experten aus Argentinien, Australien, Belgien, Brasilien, Chile, China, Dänemark, Deutschland, Euador, Frankreich, Ghana, Grossbritannien, Indonesien, Israel, Italien, Kanada, Kolumbien, Luxemburg, Mexiko, Neuseeland, den Niederlanden, Österreich, Portugal, Schweden, Schweiz, Tschechien, der Türkei, Ungarn, aus den USA sowie von den Vereinten Nationen und der Unesco ebenso vertreten, wie Umweltaktivisten des WWF und anderer Non-Government-Organisationen.
Hoffnung auf weitere Teilnehmer
Wurden an den ersten drei Kongresstagen Fragen zum aktuellen Ressourcenstand, zum Verbrauch der Länder und Kontinente, zur Entwicklung der Bevölkerungsstrukturen, zu Massnahmen, die zu ergreifen sind, um den ökologischen Footprint zu verbessern, diskutiert, so stand der vierte Tag ganz im Zeichen des Mittelmeerraums. Repräsentanten der Anliegerstaaten analysierten den Istzustand und berichteten über einzelne Projekte unter anderem zur Verbesserung der Lebenssitutation in städtischen Ballungszentren. Dieser öffentliche Kongresstag fand grossen Anklang auch im näheren Umfeld, so berichteten Bürgermeister der in der Organisation „Cittaslow" („langsame Stadt", ein Städtebund, dem mittlerweile 123 Kommunen aus 20 Staaten angehören) über den ökologischen Umbau und Aktivitäten in ihren Gemeinden. Parallel zu den grösseren Veranstaltungen fanden am dritten und vierten Tag des Forums wissenschaftliche Kolloquien statt, an denen Umweltexperten von wissenschaftlichen Einrichtungen aller Kontinente teilnahmen. Ein zweitägiges technisches Seminar, auf dem die wissenschaftlichen Methoden zur Bestimmung und Analyse des ökologischen Footprints vermittelt wurden, beschloss das diesjährige Forum. Mathis Wackernagel, Präsident des Global Footprint Network, zeigte sich am Ende des Forums zufrieden mit dem Echo. Selbstkritisch schätzte er jedoch ein, dass es noch nicht gelungen war, alle Anrainer des Mittelmeerraums zu Teilnahme am Footprint Forum bewegt zu haben. Vor allem in Staaten der südlichen Anrainer sei man noch auf eine Reihe bürokratischer Barrieren gestossen, die eine effektive Zusammenarbeit hinderten. Aus bereits vorhandenen Kontakten schöpfte er jedoch die Hoffnung, dass auch diese Länder sich in naher Zukunft anschliessen.
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