Ohne Vielfalt keine Zukunft

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 20.05.10
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Die Ernährung kann auf Dauer nur gesichert werden, wenn die Arten- und vor allem die Sortenvielfalt gestärkt wird, sagt Tina Goethe von SWISSAID. Dabei sind sowohl die Politik als auch die Konsumentinnen und Konsumenten gefordert. Die internationale Saatgutkarawane, die ab Dienstag durch die Schweiz zieht, will das Thema ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

Steffen Klatt: Ab nächster Woche zieht die Saatgutkarawane durch die Schweiz. Mit welchem Ziel?

Tina Goethe: Die Saatgutkarawane möchte die Bedeutung der Saatgutvielfalt zu einem öffentlichen Thema machen.

Steffen Klatt: Warum?

Tina Goethe: Vielfalt heisst einmal verschiedene Gemüse- und Getreidearten wie Rüben, Randen, Roggen oder Kartoffeln. Doch es geht auch um die Vielfalt innerhalb der Arten, also um viele verschiedene Kartoffel- oder Bohnensorten. Es braucht diese Vielfalt, weil jede Sorte besondere Eigenschaften hat. Die Züchtung ging in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in Richtung auf hohe Erträge. Angesichts des Klimawandels ist es aber wichtig, auch Eigenschaften wie Resistenz gegen Dürre und erhöhte Temperaturen, gegen mehr Feuchtigkeit und gegen andere neue Phänomene zu züchten. Hier muss sich die Landwirtschaft anpassen.

Eine Karawane durch die Schweiz

Während Jahrtausenden haben Bauern ihr eigenes Saatgut gezüchtet und verbessert und daraus neue Sorten gewonnen. Doch heute propagieren die grossen Agrochemie-Konzerne eine industrielle Landwirtschaft, die auf wenigen, teilweise gentechnisch veränderten Sorten basiert: Bereits 90 Prozent der Sortenvielfalt sind von den Äckern verschwunden. Im UNO-Jahr der Biodiversität schlagen SWISSAID, der Schweizer Bauernverband, IPSuisse und Bio Suisse Alarm und lancieren eine Saatgutkarawane quer durch die Schweiz. Start ist am 25. Mai in Genf, am 4. Juni kulminiert die Karawane mit einem «Vielfaltsfest» auf dem Bundesplatz in Bern. Bauern und Saatgut-Expertinnen aus Indien, Nicaragua, Niger und Guinea-Bissau sind mit von der Partie und berichten, wie sie sich in ihren Ländern für den Erhalt des traditionellen Saatgutes einsetzen.

Steffen Klatt: Wozu braucht es dazu Vielfalt? Reichen nicht auch die paar Sorten, die jeweils am besten geeignet sind?

Tina Goethe: In vielen Ländern des Südens ist die Landwirtschaft noch heute sehr vielfältig. Nehmen Sie den Bauern in den Anden in Ekuador. Er baut ganz verschiedene Kartoffelsorten an, um sich gegen Risiken abzusichern. Wenn er in einem Jahr Frost hat, gehen nicht alle Kartoffeln zugrunde. Umgekehrt werden bei zu viel Regen einige Sorten überleben. Das gleiche gilt für den Schädlingsbefall: Ein Teil der Sorten wird überleben.

Steffen Klatt: Die Landwirtschaft in Europa hat andere Wege gefunden, sich gegen diese Risiken abzusichern. Braucht sie also diese Art von Vielfalt nicht mehr?

Tina Goethe: Die Landwirtschaft in Europa ist zu einem grossen Teil sehr energie- und chemiehungrig. Man versucht mit Kunstdünger, Pestiziden und Herbiziden der Probleme Herr zu werden. Damit wird die Umwelt einer Hochertragssorte angepasst, die im Labor gezüchtet worden ist. Das ist eine sehr gefährliche Form der Landwirtschaft. Diese Form der Energieintensität werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können. Hinzu kommt: Wir brauchen eine grosse genetische Vielfalt für neue Züchtungen. Diese genetische Vielfalt steckt in der Vielfalt der Sorten. Selbst die Gentechnologie, die wir eigentlich ablehnen, braucht das genetische Material, um neue Sorten produzieren zu können.

Steffen Klatt: Sie haben gesagt, dass die europäische Landwirtschaft auf hohen Ertrag ausgerichtet ist. Heisst dies umgekehrt, dass wir für echte Vielfalt gar nicht mehr genug Platz auf den Feldern haben?

Tina Goethe: Nein. Der Ertrag wird weiterhin eine Rolle spielen. Auch traditionelle Sorten, die gegen die Folgen des Klimawandels resistent sind, müssen im Ertrag weiter gesteigert werden. Aber es geht um ein Zusammenspiel. Eine vielfältige Landwirtschaft hat eben nicht nur viele Sorten, sondern auch viele Arten. Es ist eben nicht nur eine Maismonokultur, wie wir sie in grossen Teilen Süddeutschlands oder Ostdeutschlands haben. Es braucht verschiedene Getreidearten und Gemüsearten und darf sich nicht nur auf eine Art abstützen. Damit kann die Produktion gesteigert werden.

Steffen Klatt: Wird die Kleinteiligkeit der Schweizer Landwirtschaft in dieser Hinsicht zu einem Vorteil?

Tina Goethe: Sie ist auf jeden Fall ein Vorteil. Eine kleinteilige Landwirtschaft braucht weniger Energie. Denken Sie an die Landwirtschaft in Ländern wie den USA, Argentinien und Brasilien: Da sind nicht nur Traktoren, sondern auch Flugzeuge im Einsatz. Die Kleinteiligkeit bietet auch für die Umwelt um die Landwirtschaft herum – Vögel, Insekten, Würmer und dergleichen – mehr Raum. Hecken als Rückzugsraum, die Fruchtfolge und dergleichen haben einen positiven Einfluss auf die Biodiversität.

Steffen Klatt: Wie nehmen die Vertreter der Schweizer Bauern Ihr Anliegen auf?

Tina Goethe: Eigentlich positiv. Bereits zum vierten Mal in Folge arbeiten wir mit dem Schweizer Bauernverband, IP Suisse und Biosuisse zusammen, um aufzuzeigen, dass Bauern im Norden und in den Entwicklungsländern vor den gleichen Problemen stehen. Es ist nicht so, dass die „reichen" Bauern im Norden auf Kosten der Bauern im Süden leben. Der Gegensatz verläuft vielmehr zwischen einer bäuerlichen und einer industriellen Produktion, und das sowohl im Süden als auch im Norden. Es gibt auch im Süden industrielle Grossbetriebe, die eine diversifizierte kleinbäuerliche Landwirtschaft konkurrenzieren. Uns geht es also gemeinsam um die Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft weltweit. Uns geht es auch darum, den Konsumentinnen und Konsumenten zu zeigen, wie wichtig lokale und regionale Produktion ist. Wenn sie im Supermarkt Bohnen aus Kenia kaufen, dann unterstützen sie eben nicht die Kleinbauern dort, im Gegenteil. Diese Bohnen werden unter Bedingungen hergestellt, die den Kleinbauern in Kenia schaden: Das sind grosse, wasserintensive, energieintensive Plantagen, die auf Kosten der Kleinbauern gehen.

Steffen Klatt: Die Vielfalt auf den Feldern liegt also im Interesse der Schweizer Landwirtschaft?

Tina Goethe: Auf jeden Fall. Die Vielfalt auf den Feldern liegt im Interesse der Schweizer Landwirtschaft, aber auch im Interesse der Landwirtschaft im Süden. Die Idee der Karawane ist es, den Austausch zwischen den Bauern im Süden und im Norden zu fördern.

Steffen Klatt: Was können denn Schweizer Bauern von Bauern im Süden lernen?

Tina Goethe: Sie können etwa lernen, dass Bauern selber verantwortlich für ihr Saatgut sind. Vor einigen Jahrzehnten war das auch in der Schweiz so. In Nicaragua machen sich heute Gemeinden Gedanken, wie sie ihr Saatgut sichern können. Da gibt es beispielsweise Gemeindesaatgutbanken. Im Süden gibt es Initiativen, das eigene Saatgut bekanntzumachen und den Konsumenten nahezubringen. Bauern im Süden identifizieren sich mit ihrem Saatgut, das die Grundlage ihres Überlebens ist. Davon sind Bauern und erst recht die Konsumenten in der Schweiz weit entfernt.
In Indien gibt es zudem seit Jahren Auseinandersetzungen mit Agrarkonzernen, welche die Gentechnik durchdrücken wollen. Auch in der Schweiz gibt es einen starken Widerstand gegen die Gentechnik. Da gibt es einen spannenden Austausch.

Steffen Klatt: Wieviel Vielfalt gibt es heute in der Schweiz?

Tina Goethe: Es gibt ziemlich viele Sorten in der Schweiz. Bei den Kartoffeln sind es knapp hundert. Davon stehen aber nur neun oder zehn auf den Feldern. Es gibt mehrere hundert Apfelsorten. Angebaut und konsumiert wird aber nur ein halbes Dutzend. Die Schweiz steht ganz gut da, die Sorten zu inventarisieren und zu beschreiben. Es gibt auch verhältnismässig viele Organisationen wie Pro Specie Rara, die sich dafür einsetzen, dass diese Vielfalt erhalten bleibt. Aber es gibt eine grosse Lücke zu dem, was dann wirklich angebaut und konsumiert wird.

Steffen Klatt: Wer ist für diese Lücke verantwortlich?

Tina Goethe: Das ist durchaus die Politik. Sie hat Anreize geschaffen, durch die vor allem die ertragreichen Sorten gefördert werden. Sie unterstützt für viele Kulturen keine eigene Züchtung mehr. Noch vor zwei Jahrzehnten gab es staatliche Züchtungsprogramme, die inzwischen ausgelagert worden sind. Derzeit gibt es nur noch beim Getreide eine eigene Züchtung. Und nur bei einer eigenen Züchtung hat man noch Einfluss darauf, welche Sorten angebaut werden. Es sind aber auch die Konsumenten, die immer nur das gleiche nachfragen. Der Staat muss aber wieder in die Verantwortung genommen werden. Saatgut ist die Grundlage, wie die Vielfalt und die Ernährung der Zukunft gesichert werden.

Steffen Klatt: Was kann ich als Konsument tun? Ich kann im Supermarkt nur kaufen, was es gibt.

Tina Goethe: Das ist so. Es gibt einige Initiativen. Coop bietet einige Sorten von Pro Specie Rara an. Wenn ich auf den Wochenmarkt in Bern gehe, dann sehe ich erfreulich viele Tomatensorten. Wenn die Nachfrage da ist, wird auch mehr produziert. Es kommen immer wieder aufs Neue alte Sorten ins Programm. Wenn sie konsumiert werden, haben sie eine Chance. Als Bürgerin kann ich fordern, dass das Saatgut wieder eine zentrale Rolle für die Politik spielt.

Steffen Klatt: Wann würden Sie die zweiwöchige Saatgutkarawane als Erfolg bezeichnen?

Tina Goethe: Wir wollen viele Besucher haben. Wir würden es als Erfolg ansehen, wenn wir viele Leute erreichten, die sich bisher nur wenig mit dem Thema beschäftigt haben. Wir wollen das Thema in der Schweiz sichtbar machen, und sei es auch nur für kurze Zeit.

 

Zur Person:
Tina Goethe ist im Hilfswerk Swissaid in Bern zuständig für den Schwerpunkt Entwicklungspolitik und Ernährungssicherheit.

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