Der heilige Mantel des Schweigens

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Geschrieben von: Roland Mischke, Berlin 26.03.10
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Der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi deckt in einem Buch die Finanzmachenschaften im Vatikan auf. Dort wurde Geld gewaschen und vor Mord nicht zurückgeschreckt. Unter dem neuen Papst versucht der Vatikan sauberer zu werden - und die Skandale zu verschweigen.

Die Katholische Kirche ist in der Bredouille. Sexuelle Missbrauchsfälle weltweit, das ominöse Finanzgebaren des Vatikans, das Infragestellen des Zölibats. Ist einfach die Zeit dafür?

 Gianluigi Nuzzi: Seitdem Joseph Ratzinger zum Papst gewählt worden ist, verändert sich vieles im Vatikan. Das System, das sein Vorgänger Johannes Paul II. geschaffen hatte, löst sich auf. Auch die finanziellen Machenschaften des Vatikans, die ich in meinem Buch behandle, haben sich nicht in jüngster Vergangenheit ereignet, sondern noch vor der Zeit des jetzigen Papstes. Dennoch gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen sämtlichen Repräsentanten der Katholischen Kirche, an der Benedikt XVI. festhält: der Mantel des Schweigens wird über alles gelegt. Damit einher gehen Erpressungen, der Gebrauch von Macht, Korruption und Geldwäsche.  

Roland Mischke: Zur Hauptquelle Ihrer Recherche wurden die Hinterlassenschaften von Renato Dardozzi. Was sind das für Dokumente?

Gianluigi Nuzzi: Monsignore Dardozzi gehörte zu den wenigen, die an den geheimen Sitzungen der engsten päpstlichen Mitarbeiter teilnahmen. Er gehörte zum innersten Kreis, wusste alles, hielt sich aber an die Schweigepflicht. Er hat jedoch zu allen von ihm untersuchten rund 4000 Finanzangelegenheiten Dokumente und Aufzeichnungen in gelben Mappen angelegt. Zum Ende seines Lebens - er starb 2003 - beschloss er: Alle sollten alles wissen.

Roland Mischke: Sie erläutern, dass die Vatikanbank von der Mafia genutzt und skrupellos für politische Machenschaften eingesetzt wurde. Lässt sich das lückenlos nachweisen?

Gianluigi Nuzzi: Ja. Nach Gesprächen, die ich für mein Buch mit Massimo Ciancimino, den Sohn des Bürgermeisters von Palermo und Sprechers des Andreotti-Flügels innerhalb der Democrazia Cristiana Siziliens, geführt habe, entschloss er sich zur Zusammenarbeit mit der Justiz. Sein Vater, Vito Ciancimino, wurde als erster italienischer Politiker wegen Zusammenarbeit mit der Mafia rechtskräftig verurteilt. Er betrieb in den sechziger Jahren während des Baubooms den „Sacco dei Palermo”, den Ausverkauf der Stadt an die Mafia, der er Milliardenaufträge zuschanzte. Ciancimino senior wurde 1984 von einem Mafia-Aussteiger enttarnt, daraufhin verhaftet, aus der Democraziana Cristiana ausgeschlossen und 2001 wegen Begünstigung und Unterstützung einer mafiösen Vereinigung zu 13 Jahren Haft verurteilt. Er starb 2002.

Roland Mischke: Wie viel Prozent der Schmiergeldzahlungen landeten denn bei der Vatikanbank?

Gianluigi Nuzzi: Rund 20 Prozent. Massimo Ciancimino sagte mir wörtlich: „Alle Transaktionen zugunsten meines Vaters liefen über die Konten und Schließfächer beim IOR.” Derzeit laufen wieder Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Rom gegen ihn wegen der Ermordung des Bankiers Roberto Calvi.

Roland Mischke: Wer nicht mehr mitmachen wollte, wurde beseitigt?

Gianluigi Nuzzi: Danach sieht es aus. Dazu das Verschleierungssystem, hergestellt durch Manipulationen. Gelder, die auf kriminelle Machenschaften zurückzuführen sind und zur Verwahrung bei der Vatikanbank vorgelegte Wertpapiere wurden an andere Banken, etwa Credito Italiano oder Banca Commerziale, weitergeleitet. Mehrere Milliarden blieben für die Staatsanwaltschaft bisher unauffindbar. Zudem ist die doppelte Rechnungslegung der Vatikanbank schwer durchschaubar. Deren Krisenstab um den Bankier Angelo Caloia, der von 1989 bis 2009 Vorsitzender des Aufsichtsrats der Vatikanbank war, erkannte bereits Anfang 1992 die Probleme und brachte sie Papst Johannes Paul II. zur Kenntnis. Von ihm kam keine brauchbare Antwort.

Roland Mischke: Wie gestaltet der Vatikan heute seine Finanzpolitik?

Gianluigi Nuzzi: Der Vatikan hat die Währungsvereinbarung mit der EU unterzeichnet und damit die Gesetze zur Verhinderung von Geldwäsche akzeptiert. Die „Financial Times” hat diese weitreichende Entscheidung des Kirchenstaates auf die Enthüllungen meines Buches zurückgeführt.

Roland Mischke: Welche Bilanzsumme befindet sich auf der Vatikanbank?

Gianluigi Nuzzi: Das ist nicht überschaubar, weil ja alles gefälscht ist. Aber wenn Sie bedenken, dass allein aus Kirchensteuern in Italien pro Jahr mehr als eine Milliarde Euro auf die Vatikanbank gelangen, können Sie sich vorstellen, wie viel Geld da lagert. Ich schätze, dass heute mindestens mehr als fünf Milliarden Euro verwaltet werden. Die Summe kann um ein Vielfaches höher sein. Bisher wurden die Gewinne daraus unmittelbar dem Papst zur Verfügung gestellt. Jetzt kann die Vatikanbank keine Offshore-Bank mehr sein, die außerhalb jeglicher Kontrollvorschriften steht. Am 1. Januar 2010 trat ein neues Abkommen in Kraft, dass die Neuordnung der Beziehung zu den Zentralbanken und eine Neuorganisation jeglicher Bankaktivitäten regeln soll. Diese Maßnahmen ergeben sich aus der Sozialenzyklika „Caritas in Veritate”, in der Papst Benedikt XVI. Finanzaktivitäten verurteilt, die dem Menschen schaden.

 

Informationen zum Buch:
Gianluigi Nuzzi: „Vatikan AG.” Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann, Petra Kaiser, Rita Seuß. Ecowin Verlag, Salzburg 2010, 336 S., 22,50 €, 39,80 CHF, ISBN 978-3-902404-89-3

Bild: Ecowin Verlag.

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