Wenn die deutsche Regierung die Einspeisevergütung für Photovoltaik weiter drastisch senkt, ist die Branche in ihrer Existenz bedroht, sagt Rainer Gegenwart. Damit würden auch die Investitionen gefährdet, die in den vergangenen zehn Jahren getätigt wurden, so der Chef von Masdar PV. Das Unternehmen aus Ichtershausen bei Erfurt verzichtet zunächst auf den geplanten Bau einer zweiten Fabrik im Emirat Abu Dhabi. Die wesentliche Voraussetzung für den Bau dort ist die Einführung von gesicherten Einspeisevergütungen, so dass sich der regionale Markt entwickeln kann und die Masdar-Produkte in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten- vertrieben werden können. Damit reagiert es auch auf die Verzögerung beim Bau der dortigen Ökostadt Masdar, die von einem Schwesterunternehmen von Masdar PV errichtet wird.
Steffen Klatt: Die deutsche Bundesregierung will die Einspeisevergütung nochmals stark kürzen. Ist aus Ihrer Sicht die Industrie schon bereit zu einer solchen Kürzung? Rainer Gegenwart: Das ist in der Weise, wie es jetzt vorgestellt wird, überhaupt nicht richtig. Schauen wir uns an, was in der Vergangenheit passiert ist und was der Sinn des EEG (Erneuerbare Energiengesetz, stk) ist: Der Sinn des EEG ist, dass mit jährlich gestuften Rückgängen der Einspeisevergütung den erneuerbaren Energien der Weg zur sogenannten Gridparity (Wettbewerbsfähigkeit mit Strom aus herkömmlichen Quellen, stk) geebnet wird. Bislang ist es der Industrie immer gelungen, die geforderte Senkung um 9 bis 10 Prozent pro Jahr zu gewährleisten. Im vergangenen Jahr hatten wir erhebliche Preisrückgänge, zum Teil erzeugt durch ein Überangebot, zum Teil durch einen Rückgang des spanischen Marktes, der zu einem Rückgang der Modulpreise für die Hersteller um 30 Prozent geführt hat. Diese Preisrückgänge muss man auffangen, über Kostenreduktionen, über Effizienzsteigerung und dergleichen. Wir haben zusätzlich den Rückgang der Einspeisevergütung um 9 Prozent im Januar gehabt. Jetzt spricht (Umweltminister Norbert) Röttgen von weiteren 15 Prozent, so dass wir netto bei knapp 25 Prozent liegen. Welche Industrie kann insgesamt über 50 Prozent Reduktion in einem Jahr wegstecken? Es ist unrealistisch anzunehmen, dass dies ohne erhebliche Auswirkungen am Markt geschehen kann. Das trifft zuallererst die Kleinen wie die Installateure. Komponentenhersteller können zunächst noch in andere Märkte ausweichen, wenn der deutsche Markt wegbricht. Aber am Ende trifft das uns über Preise. Verwandte Themen| { Sonnenlicht am Ende des Tunnels, 19.01.10 } | | { Asien entdeckt die Sonne, 23.11.09 } | | { Mit der Sonne die Welt verändern, 09.11.09 } | | { Solarbranche spürt den Frühling, 23.09.09 } | | { US-Photovoltaik boomt, 22.09.09 } | | { Spanien bei Wüstenstrom schneller, 13.07.09 } | | { Afrikas Sonne lacht für Europa, 10.07.09 } | | { Sonne am Ende der Krise?, 10.07.09 } | | { 400 Milliarden für ein Sonnenbad, 16.06.09 } | | { Solarbranche wartet auf die Banken, 27.05.09 } |
Steffen Klatt: Wie stark werden Sie als Komponentenhersteller es spüren? Rainer Gegenwart:Wir werden es dadurch spüren, dass unsere ohnehin schon sehr eng gewordenen Margen gegebenenfalls negativ werden. Das wird dazu führen, dass einige der Anbieter vom Markt verschwinden. Installationsbetriebe werden ebenso betroffen sein wie Komponentenhersteller. Steffen Klatt: Werden billigere Anbieter aus China den Markt übernehmen? Rainer Gegenwart:Das kann man erwarten. Das wäre allerdings eine indirekte Folge. Derzeit ist Deutschland als Hersteller- wie als Abnehmermarkt einer der stärksten Solarmärkte auf der Welt. Wir haben sehr erfolgreich, unterstützt vom EEG, eine Industrie aufgebaut, die weltweit führend ist: qualitativ, vom Volumen wie von der Variabilität der Produkte. Will man diese Führungsrolle durch die jetzt angestrebte Kürzung gefährden? Dann werden auch die bereits getätigten Investitionen überflüssig gemacht. Will man diese Führungsrolle erhalten, auch die 54000 Arbeitsplätze in der Branche, dann sollten wir den eingeschlagenen Weg mit der jährlichen Reduktion der Einspeisetarife von 8 bis 9 Prozent fortsetzen. Steffen Klatt: Kann die Politik in Deutschland nicht argumentieren, dass sie der Branche 20 Jahre geholfen hat, jetzt müsse sie endlich erwachsen werden? Rainer Gegenwart:Die Politik hat uns nicht 20 Jahre geholfen. Anfang 90er Jahre gab es das 1000-Dächer-Programm, das sehr marginal war. Damals wurden kaum Mittel in Forschung und Entwicklung gesteckt. Erst mit dem Erneuerbaren Energiengesetz Anfang 2000 hat die Branche richtig abgehoben. Damals sind viele der erfolgreichen Unternehmen gegründet worden oder stark gewachsen. Steffen Klatt: Wie lange brauchen Sie noch eine Förderung? Rainer Gegenwart:Man rechnet damit, dass wir der Gridparity in Deutschland in drei bis fünf Jahren nahe kommen. Das kann mit steigenden Stromkosten schneller erreicht werden und sich mit sinkenden Stromkosten etwas verschieben. Es gibt andere Regionen, in denen wir sie fast erreicht haben, denken Sie an Kalifornien, den Süden Arizonas und einige italienische Regionen. Steffen Klatt: Das sieht nach einem greifbaren Zeithorizont aus. Rainer Gegenwart:Das ist absolut greifbar. Wir haben einen klaren Fahrplan gehabt, wie wir das in Deutschland erreichen. Sowohl die Industrie als auch die Politik sind diesen Weg gegangen, haben Kapazitäten ausgebaut, Tarife moderat angepasst, Kosten und Preise gesenkt wie im EEG vorgesehen. Es ist verantwortungslos, das jetzt abzubrechen, wenige Jahre vor dem Ziel. Steffen Klatt: Ihre Botschaft an die Politik heisst also: Gebt uns noch einige Jahre Zeit, dann stehen wir auf eigenen Beinen. Rainer Gegenwart:Ja, das ist heute die Botschaft an die Politik. Steffen Klatt: Welche Art von Solarindustrie kann in Deutschland langfristig überleben? Rainer Gegenwart:Die Art von Solarindustrie kann langfristig überleben, die weitgehend automatisiert arbeitet. Deutschland zeichnet sich dadurch aus, dass wir hochqualifizierte Arbeitskräfte und ein sehr gutes technologisches und Lieferantenumfeld haben. Schauen Sie auf die Dünnschicht-Technologien: Die haben einen sehr hohen Automatisierungsgrad. Die direkten Personalkosten liegen bei 6,5 Prozent. Eine solche Branche kann in Deutschland sehr erfolgreich sein und den Weltmarkt beliefern. In den indirekten Personalkosten, etwa im Ingenieurbereich, bietet Deutschland eine sehr hohe Qualität. Wenn man diese hohe Qualität im Ausland haben will, dann kostet das dort mehr. Denn für das gleiche Geld geht niemand aus Deutschland weg. Vergessen Sie auch nicht: Mittelfristig werden die Transportkosten wegen der steigenden Energiepreise in den automatisierten Bereich in die Grössenordnung der direkten Lohnkosten kommen. Damit ist es nicht mehr interessant, in Billiglohnländern oder in Ländern mit billiger Energie zu produzieren. Dann ist es interessanter, in den Märkten selbst zu produzieren. In dem Mass, wie Deutschland ein Markt bleibt, bleibt es auch als Produktionsstandort interessant. Steffen Klatt: Heisst das, dass die Produktion sich auf der ganzen Welt verteilen wird, statt dass sie sich wie heute in Sachsen-Anhalt und Thüringen konzentriert? Rainer Gegenwart:Absolut. Heute stellt Europa mit knapp 80 Prozent den grössten einzelnen Markt der Welt dar. Darunter ist Deutschland wiederum der grösste. 2012 dürfte Europa nach heutigen Erwartungen bei etwas über 30 Prozent liegen und USA und China jeweils bei 20 Prozent. Aber nur die Marktanteile werden sich verschieben. Die Märkte selbst werden enorm wachsen, sofern die Rahmenbedingungen dafür stimmen. China selbst wird dabei für die deutschen Hersteller von geringer Bedeutung sein, denn es wird ein geschlossener Markt sein: China wird nur fördern, was in China hergestellt wird. USA wird offener sein, aber tendentiell US-Produkte kaufen. Europa ist traditionell ein offener Markt. Steffen Klatt: Die Solarbranche ist vor einem guten Jahr in ihre erste ernste Krise gerutscht. Das hat zu einem grossen Teil deutsche Unternehmen getroffen. Ist das ein Zufall? Rainer Gegenwart:Nein, das muss kein Zufall sein. Wenn aber in einer schwierigen Zeit, so wie jetzt, die Margen sinken, dann ist man auf seine Banken angewiesen ist – wenn man nicht wie in unserem Fall einen starken Gesellschafter hat. Davon sind deutsche Firmen stärker betroffen als chinesische, bei denen der Staat gegenüber den Banken Garantien für die Unternehmen abgibt. Wir wissen aber, dass auch einige gute chinesische Unternehmen für einige Zeit Werke stilllegen mussten. Die Banken haben aber zu ihnen gestanden. Steffen Klatt: Haben die deutschen Banken die Solarbranche fallenlassen? Rainer Gegenwart:Nein, man kann auf keinen Fall sagen, dass die Banken schuld sind. Die Banken haben ihre Regeln. Das kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen. Sondern das ist eine Systemfrage: Wie weit tritt der Staat als Garantieleister ein? Steffen Klatt: Ist das Ende der Finanzierungsklemme absehbar? Rainer Gegenwart:Ich sehe das Ende noch nicht. Wir sind komplett eigenkapitalfinanziert. Unser Gesellschafter lehnt sich allerdings nicht zurück und betrachtet das ganze gelassen. Die Berichterstattung an unseren Gesellschafter ist keinen Strich einfacher als die Berichterstattung an eine finanzierende Bank. Aber unser Gesellschafter gewährleistet Stabilität. Steffen Klatt: Wo steht die Produktion in Ichtershausen? Rainer Gegenwart:Sie steht nicht, sie läuft. Wir haben 2008 begonnen zu bauen, sind im September 2009 in Produktion gegangen, haben das Volumen von 2009 verkauft und installiert. Die volle Kapazität von zunächst 60 Megawatt werden wir im 3. Quartal 2010 erreichen. Steffen Klatt: Wo wird die Produktion verkauft? Rainer Gegenwart:Deutschland, Italien, Frankreich, Abu Dhabi und Kanada. Steffen Klatt: Sie sind also unabhängig vom Kunden Masdar? Rainer Gegenwart:Es ist natürlich beabsichtigt gewesen, einen bestimmten Anteil der Produktion auch an Masdar zu verkaufen. Das wird auch geschehen. Aber für uns ist das kein geschlossener Markt. Unser Angebot an unsere Schwestergesellschaft Masdar muss genauso konkurrenzfähig sein wie das an jeden anderen Kunden. Wir spüren den selben Konkurrenzdruck wie alle und müssen zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten. Ziel ist es, ein Viertel bis ein Drittel unserer Produktion in die Golfregion zu liefern, den Rest nach Nordamerika und Europa. Steffen Klatt: Was bedeutet die Verzögerung des Baus der Ökostadt Masdar für Sie? Rainer Gegenwart:Das bedeutet Verzögerungen in der Abnahme der Module. Steffen Klatt: Wann beginnt die Produktion in Abu Dhabi? Sie sollte 2010 beginnen. Rainer Gegenwart:Wir haben die Produktion noch nicht begonnen, weil der Markt noch nicht entstanden ist. In dem Mass, in dem der Markt entsteht, werden wir wieder über die Aufnahme der Produktion entscheiden. Die Fabrik in Taweelah (zwischen Abu Dhabi und Dubai, stk) ist geplant, die Anlagen sind disponiert. Aber den Baubeginn haben wir vorerst zurückgestellt. Diese Entscheidung haben wir gemeinsam mit unserem Gesellschafter getroffen. Steffen Klatt: Kann es also sein, dass Masdar PV eine thüringische Firma bleibt? Rainer Gegenwart:Das kann sein, ist aber abhängig von der weiteren Marktentwicklung. Wir fühlen uns in Thüringen wohl. Wir haben ein Grundstück, auf dem wir unsere Kapazität mehr als verdoppeln können. Wir können also bis auf 300 bis 350 Megawatt ausbauen. Mit diesem Volumen sind wir aber auf dem Weltmarkt mit einem Volumen 2012 von 24 Gigawatt, davon ein Drittel Dünnschicht, ganz klein. Bis dahin müssen wir unsere Wachstumsszenarien umgesetzt und unsere Produktion in den dann größten Solarmärkten aufgebaut haben. Denn sonst wären wir mit einem Marktanteil von 5 Prozent zu klein.
Zur Person: Rainer Gegenwart ist seit 2008 Vorstand und Geschäftsführer von Masdar PV. Vorher war er Vizepräsident bei der Reinecke & Pohl Sun Energy, der heutigen Colexon Energy. 2003 war er Mitbegründer und erster Geschäftsführer der Deutschland-Niederlassung von First Solar. Seine Karriere begann er im Anlagenbau bei Leybold in Alzenau, das später von Oerlikon übernommen wurde und heute zu Applied Materials gehört.
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