Die Welt steht vor einer riesigen Ölkrise, sagt Jeremy Leggett. Europas Regierungen werden bald froh sein, dass die Solarenergie die Abhängigkeit vom Ausland verringert. Die Unternehmen sollten die Regierungen zudem zwingen, ein globales Klimaschutzabkommen abzuschliessen.
Steffen Klatt: Sie sprechen gern von einer „solaren Revolution“, die im Gange sei. Derzeit sieht es aber eher nach einer Wind-Revolution aus. Warum ist die Windkraft derzeit erfolgreicher als die Sonnenenergie? Jeremy Leggett: Wind hat eine grosse Anziehungskraft. Aber wir brauchen sowohl Wind- als auch Sonnenenergie. Die Solarenergie geht derzeit durch ein Tal. Unsere Firma, Solarcentury, die am Ende der Wertschöpfungskette steht, hat allerdings derzeit eine gute Zeit. Steffen Klatt: Warum? Jeremy Leggett: Die Preise fallen. Wir haben auch nicht mehr die Lieferprobleme, die wir vorher hatten. Steffen Klatt: Warum hat die Windenergie im Vergleich mit der Solarenergie so sehr die Nase vorn? Jeremy Leggett: Ich glaube nicht, dass die Solarenergie hinterherhinkt. 2008 ist der Weltmarkt um mehr als 85 Prozent gewachsen. Wir werden diese Wachstumsraten in Zukunft auch wieder sehen. Wenn Sie mit den Analysten in Investmentbanken sprechen, dann hören Sie, dass sie in diesem Markt viel Potential sehen. Und einer der Gründe dafür ist, dass es kaum Zeichen für einer Verlangsamung der Produktion zu Beginn der Wertschöpfungskette gegeben hat, also bei der Silikonschmelze. Wir werden eher früher als später einen Gleichstand der Preise für Strom aus der Sonnenenergie im Vergleich mit Strom aus herkömmlichen Quellen erreichen. In den meisten Märkten wird das im nächsten Jahrzehnt der Fall sein. Verwandte Themen| { Solarbranche spürt den Frühling, 23.09.09 } | | { Der Atomlobby die Stirn bieten, 26.08.09 } | | { Gegenwind in Grossbritannien, 20.08.09 } | | { Windstille im Land der Winde, 14.08.09 } | | { Bald wird Sonne getankt!, 24.07.09 } | | { Spanien bei Wüstenstrom schneller, 13.07.09 } | | { Afrikas Sonne lacht für Europa, 10.07.09 } | | { Sonne am Ende der Krise?, 10.07.09 } | | { Amerika zapft die Sonne an, 02.07.09 } | | { Wales vor grüner Revolution, 04.06.09 } | | { Solarbranche wartet auf die Banken, 27.05.09 } | | { Frankreich entdeckt die Sonne, 11.05.09 } | | { Briten vor strahlender Zukunft, 16.04.09 } | | { Ab 2010 geht es weiter, 05.02.09 } | | { Die Scheichs von Schottland, 02.12.08 } | | { Spanien bremst Solarkraft, 21.11.08 } |
Steffen Klatt: Auch im schattigen Grossbritannien? Jeremy Leggett: Im Eigenheimsektor erwarten wir das für 2013. Wir setzen dabei einen normalen Preisanstieg bei Strom aus herkömmlichen Quellen voraus. Die britische Aufsichtsbehörde für den Strommarkt warnt aber vor einem Anstieg auf ein sehr viel höheres Niveau. Vor etwas mehr als zwei Wochen erklärte der Chef von BP an einer Konferenz in San Diego, dass Photovoltaik ohne einen technologischen Durchbruch nie wirtschaftlich werden könne. Das ist Unsinn. Das ist, als hätte ein IBM-Chef erklärt, es gebe auf der ganzen Welt ein Markt für bloss fünf Computer. Steffen Klatt: Wann wird die Nachfrage wieder ansteigen? Jeremy Leggett: Ich habe keine Kristallkugel. Es hängt auch vom sogenannten Aufschwung ab. Wenn er echt ist, dann steigt der Bedarf schnell wieder an. Solarcentury ist in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich um 45 Prozent gewachsen. Wir wachsen weiter. Wir konzentrieren uns auf Photovoltaik, die in die Gebäude integriert wird. Das funktioniert besonders gut in Märkten, die eine Einspeisevergütung kennen, etwa in Frankreich, wo wir stark wachsen. Merkwürdigerweise haben wir grossen Erfolg auch in Grossbritannien, wo es eine solche Einspeisevergütung nicht gibt. Steffen Klatt: Warum wachsen Sie auch dort? Jeremy Leggett: Es gibt auch andere treibende Kräfte. Das eine sind die Planungsvorgaben. Viele lokale Behörden schreiben den Immobilienentwicklern vor, Stromproduktion zu integrieren. Auch die Bauvorschriften, welche eine grössere Energieeffizienz verlangen, helfen uns. Bis 2016 muss bei Neubauten Kohlendioxidneutralität erreicht werden. Das können Sie nur mit Mikro-Stromproduktion vor Ort erreichen. Photovoltaik ist dafür der einfachste Weg. Steffen Klatt: Der Windturbinenhersteller Vestas hat seine einzige Fabrik in Grossbritannien geschlossen, weil die Akzeptanz für Windmühlen fehlt. Erleben auch Sie solchen Widerstand? Jeremy Leggett: Es gibt solche Fälle, wo Planer sich gegen Photovoltaik wehren. Aber diese Fälle werden mehr als aufgewogen durch die anderen Planer. Wir stehen eher vor der Herausforderung, unser Wachstum in den Griff zu bekommen. Im April tritt die britische Einspeisevergütung in Kraft. Unsere Firma hat Investoren aus Amerika und Investoren mit Verbindungen in den Mittleren Osten. Sie wünschen sich, dass wir in die USA – wo wir bereits sind - und in den Mittleren Osten gehen, wo es hervorragende Bedingungen für Solarenergie gibt. Steffen Klatt: Erwarten Sie in der Photovoltaik in der nächsten Zeit technologische Durchbrüche? Jeremy Leggett: Wir erwarten keine grossen Brüche. Was Dünnfilm und kristalline Photovoltaik angeht, setzen wir nicht auf die eine oder die andere Technologie, sondern auf beide. Es wird auch bei beiden eine Verbesserung bei der Effizienz geben. Gibt es einen Durchbruch durch organische Photovoltaik? Ich weiss es nicht. Bei Solarcentury haben wir das Glück, dass wir uns nicht zwischen den verschiedenen Technologien entscheiden müssen. Steffen Klatt: Wo beziehen Sie Ihre Solarmodule? Jeremy Leggett: Von überall her, China, Europa, den USA, Japan. Steffen Klatt: Wird sich das ändern? Werden die asiatischen Produzenten den Markt überrollen? Jeremy Leggett: Wenn alles so bleibt, wie es heute ist, dann wird die Produktion fast vollständig oder vollständig nach Asien gehen. Aber ich denke nicht, dass alles so bleiben wird, und zwar wegen der Probleme mit der Energiesicherheit. Ich gehöre zur wachsenden Zahl von Leuten, die glauben, dass wir in der ersten Hälfte des kommenden Jahrzehnts eine riesige Ölkrise erleben werden. Das wird die Regierungen zwingen, heimische Energiequellen zu entwickeln. Deshalb werden protektionistische Massnahmen hineinkommen. Die Länder werden dazu neigen, eine voll integrierte heimische Produktion haben zu wollen, statt auf Lieferungen vom anderen Ende der Welt angewiesen zu sein. Steffen Klatt: Europäische Hersteller wie etwa Q-cells werden also dank dieses Protektionismus überleben? Jeremy Leggett: Q-cells verlagert bereits Produktion in Billiglohnländer. Aber ich sage voraus, dass Unternehmen wie Q-cells im Jahr 2020 eine voll integrierte Produktion in Europa haben werden, wenn nicht sogar in Europa. Die Folgen von „Peak Oil“ (des Höhepunkts der Ölproduktion, nach dem die Produktion von Öl weltweit zurückgehen wird, stk) werden sehr weit reichen. Steffen Klatt: Sie werden am Weltklimagipfel als Vertreter des Global Observatory teilnehmen. Erwarten Sie eine echte Einigung? Jeremy Leggett: Es ist ernüchternd. Die Leute ziehen sich schon jetzt zurück und sagen, es werde in Kopenhagen kein Abkommen geben. Ich hoffe, dass sie wenigstens in der Lage sind, eine echte Einigung zu erzielen. Wir leben in einer Welt, in der die Regierungen 4000 Milliarden Dollar aufbringen können, um verantwortungslose Leute in Banken zu retten, und in der die gleichen Regierungen diese Banken nachher nicht einmal ordentlich regulieren. Und die gleichen Regierungen sind nicht imstande, etwas mehr als 100 Milliarden Dollar für die Entwicklungsländer aufzubringen. Wenn die Klimaverhandlungen nicht wieder auf den Weg kommen, werden sich viele Leute darüber Gedanken machen, was das bedeutet. Denn wir schlittern in eine Welt hinein, in der wir schneller Wohlstand zerstören, als wir ihn schaffen können. Viele Leute verstehen das. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir stille sitzen und das geschehen lassen. Steffen Klatt: Braucht es eine Art politisches Wunder? Jeremy Leggett: Das System ist selbstmörderisch. Es wird starke Reaktionen des progressiveren Teils der Wirtschaft geben. Es wird Unternehmen geben, die sagen, dass sie etwas tun müssen. Steffen Klatt: Sollten Unternehmen wie Ihres versuchen, stärkeren politischen Einfluss auszuüben? Jeremy Leggett: Ja. Unternehmen sollten Organisationen sein, die Kampagnen machen. Meine Investoren mögen es nicht, wenn ich es sage: Aber für mich ist mein Unternehmen eine Kampagne für den Umweltschutz. Wir brauchen mehr Unternehmen, welche die Kerze hochhalten. Zur Person: Jeremy Leggett, Jahrgang 1958, ist Gründer und Chef von Solarcentury. Das 1998 gegründete Unternehmen ist in Grossbritannien der grösste Anbieter von Solarenergielösungen für Gebäude. Der Geologe hat zunächst in den 80er Jahren für Ölunternehmen gearbeitet und wechselte dann als deren Kritiker zu Greenpeace International. Der Umweltaktivist und Unternehmer ist im Rahmen der Tage der Technik an der Universität St. Gallen aufgetreten. Die Veranstaltung ist vom Good Energies Lehrstuhl für das Management erneuerbarer Energien organisiert worden.
|