Banker als Herdentiere

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Rüschlikon 17.09.09
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James SurowieckiFinanzmärkte sollen riesige Mengen von Informationen transparent in Preisen abbilden. Doch in Zeiten von Blasen und Krisen versagen sie, sagt James Surowiecki. Viele Banker und Vermögensverwalter haben Mühe, unabhängig zu denken und eigene Schlüsse zu ziehen. Das dürfte sich auch nach der Krise nicht ändern.

Steffen Klatt: Ist diese Krise das Ergebnis von Herdenverhalten?

James Surowiecki: Ich glaube nicht, dass sie vollständig das Ergebnis von Herdenverhalten ist. Es gab ein paar objektive Faktoren wie das unglaublich billige Geld in den USA. Es gab in den USA die Annahme, dass die Häuserpreise ständig steigen würden. Das hat eine Wirkung darauf gehabt, wie die Leute sich verhalten haben.

Herdenverhalten hat in zweierlei Hinsicht eine Rolle gespielt. Erstens war es insbesondere auf den Finanzmärkten schwer, etwas anderes zu tun, als alle andern getan haben. Denn wer etwas anderes getan hätte, der hätte weniger Gewinn gemacht. In der Folge hätten Investoren ihr Geld abgezogen. Wer 2004 oder 2005 entschieden hätte, sich aus dem Geschäft mit den Schrottimmobilien herauszuhalten, dessen Zahlen wären schlechter gewesen als diejenigen der anderen Mitspieler auf dem Finanzmärkten. In einer solchen Situation hilft es nicht zu sagen, dass man in vier Jahren bankrott sein könnte, wenn man bei den Schrottimmobilien mitmacht. Einige Banken wie JP Morgan haben sich zurückgezogen. Der Chef der Citigroup, Charles Prince, hat einmal gesagt: „Solange die Musik spielt, tanzen die Banker.“

Der zweite Aspekt des Herdenverhaltens hat mit der Annahme zu tun gehabt, dass die Häuserpreise nie im ganzen Land sinken würden. Diese Annahme wurde so mächtig, dass die Leute sie nicht mehr hinterfragt haben.

Steffen Klatt: Sind Finanzmärkte für Herdenverhalten anfälliger als andere Wirtschaftszweige, weil die Preise so transparent sind?

James Surowiecki: Das ist ein Paradox. Der Finanzmarkt ist eine Art von kollektiver Entscheidungsfindung. Der Preis repräsentiert in einer Zahl zusammengefasst, was alle im Markt wissen. Aber für kollektive Intelligenz, und darum handelt es sich hier, ist es besser, wenn es wenig Imitationen gibt. Für sie ist es besser, wenn die Leute selber denken und sich dabei auf sich selber verlassen. Auf dem Finanzmarkt ist es leicht zu sehen, was andere tun, und man wird gleichsam hineingesaugt, es ähnlich zu tun.

Die Explosion von Finanzinformationen in den vergangenen 20 Jahren macht es nicht nur viel einfacher, solche Informationen zu sammeln. Sie macht es auch leichter zu sehen, was andere Leute auf dem Finanzmarkt tun. Das macht es für die Leute schwieriger, selber zu denken.

Steffen Klatt: Mit dieser These untergraben Sie das Selbstbild, das der Finanzmarkt von sich hat, nämlich dass er eine Fülle von Informationen richtig im Preis darstellt.

James Surowiecki: In normalen Zeiten ist der Preis ein ziemlich guter Indikator für den Wert etwa eines Unternehmens. In normalen Zeiten arbeitet der Markt ganz gut so, wie er arbeiten sollte. Aber wenn Märkte in die Irre gehen, dann neigen sie dazu, ganz stark in die Irre zu gehen. Wir haben noch nicht herausgefunden, wie wir das vermeiden können.

Steffen Klatt: Wird überhaupt versucht, das herauszufinden? Alan Greenspan, der ehemalige Chef der US-Notenbank, hat gesagt, dass man eine Blase erst dann erkennen könne, wenn sie platze.

James Surowiecki: Diese Haltung ändert sich derzeit wohl. Wir haben jetzt zwei Blasen innerhalb eines Jahrzehnts erlebt. Notenbanker werden künftig wohl aggressiver sein, um Blasen zu erkennen, bevor sie ein so grosses Ausmass annehmen.

Steffen Klatt: Wie können Banken und andere Finanzinstitutionen die Informationen, die sie haben, so nutzen, dass sie die richtigen Antworten geben?

James Surowiecki: Das eine ist, dass sie ihre Leute dazu bringen, unterschiedliche Informationsquellen zu nutzen, unterschiedliche Methoden anzuwenden und unterschiedliche Meinungen zu haben. Das ist nicht schwer zu machen. Das andere ist, dass die Leute in ihrem Denken auch unabhängig sein müssen. Es gibt durchaus Mittel, um näher an dieses Ideal heranzukommen. Ein Mittel wäre, wenn die Leute die Möglichkeit hätten, mit ihren Anlagen für und gegen bestimmte Werte zu wetten. Das würde die Unterschiedlichkeit der Meinungen fördern. Während der Immobilienblase etwa war es schwer, auf fallende Preise zu setzen. Ein anderes Problem ist es, dass die Vermögensverwalter immer auf ihre Quartalsergebnisse schauen müssen. Das fördert die Kurzsichtigkeit. Auch die Dauerbeschallung mit Finanzinformationen ist nicht zwingend nützlich. Wenn Leute auch mal Zeit hätten nachzudenken, würden sie nicht ständig nur auf das reagieren, was andere tun.

Steffen Klatt: Kann die Finanzindustrie Lehren aus der Krise ziehen?

James Surowiecki: Das ist eine gute Frage, aber ich kenne die Antwort nicht. Ich denke, der Untergang von Institutionen wie Lehman Brothers wird die Leute ein bisschen bescheidener machen. Aber in Wirklichkeit darf man nicht zu viel Veränderung erwarten. Auch nach dem Platzen der New-Economy-Blase im März 2000 gab es viel Kritik an der Wall Street und viel Selbstkasteiung. Aber es gab keine Veränderung. Diesmal haben die Bemühungen um eine stärkere Regulierung des Finanzmarktes vielleicht eine Chance.

Steffen Klatt: Das hiesse, dass die Musik zwar wieder beginnen und die Banker wieder tanzen könnten, es aber nicht mehr die gleiche Melodie wie vorher wäre?

James Surowiecki: So ist es. Die Musik wird anders sein. Ich wäre überrascht, wenn die Leute wieder in diesem Ausmass wie vorher Risiken eingingen – mit einem Verhältnis von 1 zu 20 oder 30 zwischen Eigenmitteln und Fremdmitteln. Aber wenn die Musik beginnt, dann wird auch wieder getanzt.

 

Zur Person:

James Surowiecki, Jahrgang 1967, ist Finanzkolumnist des New Yorkers. Der Journalist schreibt auch in Medien wie dem Wall Street Journal und Wired. Zu seinen  wichtigsten Büchern gehört „The Wisdom of Crowds“ (2004). Darin zeigt er auf, dass das kollektive Urteil oft sehr gut ist. Voraussetzung aber ist, dass die Mitglieder der Kollektive unterschiedliche Meinungen haben und eigenständig denken. Je mehr die Mitglieder der Kollektive einander nachahmen, desto stärker werde aus der Weisheit der Menge der Wahnsinn der Menge.

Surowiecki ist am 10. International Sustainability Leadership Symposium aufgetreten, das das Sustainability Forum Zürich Mitte September in Rüschlikon veranstaltet hat.

 

 

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