Ressourcen brauchen eine Stimme

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Davos 16.09.09
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Bald ist das Wasserglas leer und keiner will es wahrhaben. Auf einer Konferenz in Davos und im japanischen Nagoya diskutieren Experten über Lösungswege, den Ressourcenverbrauch der Menschheit zu reduzieren. Ziel ist eine einheitliche Stimme und politische Aktion.

Noch richten sich nicht alle Scheinwerfer auf den Eingang des Kongresszentrums in Davos, wenn dort im spätsommerlichen September über Ressourcen getagt wird. Das ist den Teilnehmern des World Economic Forums (WEF) vorbehalten, das im Winter die Weltprominenz und –presse anzieht. Da geht es um die Ressource Geld. Auf dem Forum im Sommer geht es um alle anderen Ressourcen, die nicht einfach nachgedruckt werden können. Das World Resources Forum (WRF) findet zum ersten Mal statt und schon sind die Experten nicht minder renommiert als beim WEF: Klimavisionär Dennis Meadows, der Biologe, Physiker und Mitglied des UNEP-Ressourcen-Panels Ernst Ulrich von Weizsäcker und Co-Präsident des Club of Rome Ashok Koshla sitzen am heutigen Mittwoch im Plenum. Und das Thema ist nicht minder dringlich als die marode Weltwirtschaft. Die Zukunft der natürlichen Ressourcen wie Metallen, fossilen Energieträgern, Biomasse, Wasser und Land ist endlich.

Call for Action

Auszug aus der Deklaration des WRF
(...)
We urge political leaders to adopt a strategy of resource governance consisting of the following elements:
1. Seek international agreements world-wide on per-capita targets for natural resource extraction and consumption to be effective by 2050 at the latest, and the methodology needed to define and moni-tor them.
2. Focus research and technological development with the goal of increasing resource productivity. The resulting innovation will create space for economic growth and social development. As a side-effect, national economies will become less dependent on resource imports, in particular fossil energy carriers.
3. Seek societal consensus by 2015 on ecological and economic indicators (on micro-, meso-, and macro-levels) in tune with the laws of nature and beyond GDP. These indicators must be applied by industry and governments when reporting on the progress attained toward sustainability, and they must become the subject of learning processes at all levels of education.
4. Reshape the framework conditions for the economy to account for the scarcity of natural resources.

Wissen in Handeln ummünzen

„Es soll nicht zum hundertsten Mal wiederholt werden, was die Wissenschaft schon weiss. Wir wollen politische Aktion anstossen“, sagt Martin Birtel von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa), Mitorganisator der Veranstaltung. Deshalb tüftelt man bereits seit einem Jahr an einer Deklaration, die auf der Konferenz zur Diskussion steht. Inhalt: Handlungsempfehlungen für die Politik. 2050 soll der Pro-Kopf-Verbrauch von Ressourcen auf 6 bis 10 Tonnen im Jahr fallen. Heute sind es im Durchschnitt der Industrieländer sogar über 15 Tonnen. Verhaltensänderung allein hilft da nicht weiter: Subventionen für die Nutzung von natürlichen Ressourcen sollen fallen, nachhaltige Technologien unterstützt werden. Die Deklaration will viel, weil viel auf dem Spiel steht.

Davos, Nagoya, Berlin

Rückendeckung für die Forderung geben Wissenschaftler, die im Rahmen der Tagung R09 im Vorfeld auf das Forum tagten. Den globalen Anspruch der Deklaration unterstreicht die weltumfassende Natur der Konferenz: Im japanischen Nagoya und in Davos wird parallel diskutiert. Der IT-Konzern Cisco hat als Hauptsponsor die digitale Übertragung übernommen. Cisco-Verantwortlicher Frank Michael Horn: „Wir gestalten so zum ersten Mal eine internationale Konferenz und wollten auch Atmosphäre schaffen.“ Fragen aus dem Publikum in Japan können an die Redner in Davos und umgekehrt gerichtet werden, übertragen auf riesigen Leinwänden. Im Foyer stehen Monitore, auf denen live das Geschehen im japanischen Foyer gezeigt wird und sogar ein Gespräch mit dort Anwesenden geführt werden kann. Das deutsche Bundesumweltamt hat auch eine Übertragung nach Berlin organisiert. Der technische Aufwand ist keine Spielerei, sondern soll Zeichen setzen. Empa-Forscher Lorenz Hilty: „Schliesslich geht es um Ressourcen, da wollten wir auch eine ressourcenschonende Form des Kongresses etablieren.“

Weniger Energie, weniger Ressourcen

Die über hundert Experten haben hauptsächlich schlechte Nachrichten im Gepäck. Das ist die Natur von Konferenzen, die wachrütteln wollen. So zeigt Helga Weisz vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung den Link zwischen Klimawandel und Ressourcenverbrauch auf: „Energie heizt den Materialfluss an und das wiederum den Klimawandel.“ Sie fordert, den Energieverbrauch generell zu sanktionieren, global mit harschen Regeln gegen den Ressourcenverbrauch vorzugehen. Hierfür muss die Wissenschaft jedoch zunächst mit geschlossener Stimme sprechen. Und es muss Beispiele für geringen Ressourcen-Verbrauch geben, die Nachahmer finden. Einige bringen die Organisatoren vor das Publikum: Desktop-IT-Lösungen für Unternehmen, bei denen die Mitarbeiter keinen Computertower, sondern nur noch einen Monitor haben; Initiativen, die Elektroschrott in den Entwicklungsländern vermindern.

Streit über Ideen erwünscht

Konkrete Beispiele sind das, was Olivia Eschmann am meisten interessieren. Die 20-jährige Gymnasiastin aus Zürich ist eine von 50 Schülern, die am Forum teilnehmen. „Den Ansatz finde ich gut. Obwohl ich als Marxistin eine andere Umsetzung vorziehen würde“, sagt sie. Und schon hat sie in der Gruppe eine Diskussion losgetreten. Ihre Meinung stellen Studenten der Studentenorganisation oikos und der Schweizerischen Studienstiftung auch offen in einem Konferenz-Blog dar, der von Stiftung Mercator Schweiz initiiert wurde: Harriet Jackson von der London School of Economics beschwert sich zum Beispiel über die europazentrierte Sichtweise. „Ich würde hier gern mehr von den Menschen auf der Welt hören als nur von denen, die sie studieren.“

Mit dem ersten Forum ist der Stein ins Rollen gebracht worden. Von den Wissenschaftlern des IPCC will man lernen: Sie stellen mit dem UN-Klimabericht die Existenz eines Klimawandels wissenschaftlich nicht mehr in Frage. Auch das Wissen um Ressourcen soll mit einer Stimme die thematische Dringlichkeit betonen und konkrete Schlussfolgerungen zulassen. Im kommenden Jahr wird das Forum in China stattfinden. In der Vier-Millionenstadt Wuxi wird das Forum mit dem Schwerpunkt auf ressourcenschonenden und nachhaltigen Städtebau eingehen.

 

Foto: Dennis Meadows (Yvonne von Hunnius)

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