Sonne am Ende der Krise?

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, St. Gallen 10.07.09
Bookmark and Share
Stichworte:           

Am Montag gründen ein Dutzend deutscher und Schweizer Unternehmen ein Konsortium, das in Nordafrika Strom aus Sonnenkraft erzeugen soll. Das Projekt unter der Federführung der Münchner Rück hat ein Volumen von 400 Milliarden Euro.

Da ist sie, die eierlegende Wollmilchsau. Sauberer Strom für Afrika und Europa, Süsswasser aus dem Meer, Friede und Wohlstand, kurz: Wüstensolarstrom. Seit Jahrzehnten gilt die Idee als Vision, deren Realisierung stets vertagt wurde. Mitten in der Krise wollen jetzt hauptsächlich deutsche Unternehmen 400 Milliarden Euro für diesen sauberen Strom in die Hand nehmen. Denn die Idee, Europa mit afrikanischem Strom zu versorgen, scheint genau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort reif zur Umsetzung. „Das Desertec-Projekt ist der beste Inhalt für aktuelle Konjunkturprogramme“, sagt Friedrich Führ, der Vorsitzende der Desertec-Stiftung. Wirtschaft und Politik stimmen zu. Unternehmen wie Siemens, ABB, die Deutsche Bank, E.ON und RWE werden am Montag unter Federführung der Münchner Rück die Desertec Industrial Initiative (DII) gründen. In zehn Staaten des Mittelmeerraums wollen sie Solarkraftwerke und dazugehörigen Gleichstromleitungen gen Europa finanzieren. Bis 2050 soll 17 Prozent des europäischen Energiebedarfs hierdurch gedeckt werden. Und es können noch mehr werden, sagen Wissenschaftler. Selbst Klimapapst Hans Joachim Schellnhuber , Gründungsdirektor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung, hat sich anlässlich des G8-Gipfels dafür ausgesprochen, das Projekt zu unterstützen. Die deutsche Bundeskanzlerin Merkel gibt sich begeistert.

Es rentiert sich

Die Unternehmensgruppe, in der sich auch solarspezialisierte Unternehmen wie Schott Solar oder Solar Millennium befinden, steht nicht nur aus Klima-Gründen hinter dem Mega-Projekt. Es rentiert sich. Alexander Mohanty von der Münchner Rück: „Wir haben jetzt die Initiative ergriffen, zum einen weil Umweltfragen schon lange unser Thema sind – wir tragen praktisch die Kosten der Klimafolgen durch unseren Katastrophenschutz. Zum anderen sehen wir das enorme Geschäftspotential für uns. Der Bedarf an Versicherungsschutz für all diese Kraftwerke ist riesig.“

Der Rückversicherer, der im Kontrast zu Konkurrenten wie Swiss Re bis dato relativ sicher durch die Krise geschifft ist, ist für die grosse Schubkraft verantwortlich, die die Idee nun erlebt. Nach der letztjährigen Hannover Messe kam die Münchner Rück auf die Desertec-Stiftung zu und biss an. Ihr Appell an deutsche DAX-Unternehmen hatte Erfolg und auch das politische Lobbying kam in Gang. Die von Sarkozy ins Leben gerufene Mittelmeerunion hat sich als günstiges Vehikel des Projekts ergeben. Tim Husmann, Sprecher der Stiftung: „Dass nun ein Solarplan in die Union integriert wurde, kann unter anderem als unser Erfolg verbucht werden.“ Ende Mai wurden die Bestrebungen zwischen der EU und der Arabischen Liga bekräftigt, erneuerbare Energien zu fördern. Die Energieverantwortliche der Arabischen Liga, Jamila Matar, wird neben dem Staatsminister des Auswärtigen Amts, Günter Gloser, am Montag ebenfalls nach München reisen. Politische Rückendeckung ist gegeben.

Langer Weg einer Idee

Schliesslich ist die Basis des Projektes nicht nur kapitalintensiv, sondern auch renommiert. Die Grundidee wurde von TREC, einem weltweiten Netzwerk von Experten, erarbeitet. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik war genauso beteiligt wie Wissenschaftler um den Physiker Michael Düren an der Justus-Liebig-Universität Giessen. Der deutsche Club of Rome rührte die Werbetrommel für die Idee und konnte illustre Unterstützer wie Prinz El Hassan bin Talal von Jordanien von der Idee überzeugen. Der Reifungsprozess währte denn auch lange. Bereits nach den Ölkrisen in den 70er Jahren wurde darüber diskutiert, ob Afrika verstärkt zu einem Energielieferanten für Europa werden könnte. „Jetzt muss es kommen, denn das Energieproblem ist nicht wegzudiskutieren“, sagt Michael Düren. Langfristiges Ziel ist eine Ablösung fossiler Brennstoffe. Düren: „Um fossile Brennstoffe zu ersetzen, brauchte man 13.000 Atomkraftwerke weltweit und selbst harte Atombefürworter unterstützen nicht den Bau von Anlagen in sensiblen Regionen.“

Technik im Griff

Die Technik steht zur Ablösung bereit. Schon 1985 wurde in Nevada das erste solarthermische Kraftwerk in Betrieb genommen. Bei diesen Anlagen wird die Sonnenenergie durch Spiegel auf eine Leitung gelenkt, durch die Spezialöl und in Zukunft Wasser verläuft. Diese erwärmte Flüssigkeit treibt ein gängiges Turbinenkraftwerk an. Die Abwärme kann zur Entsalzung von Meerwasser verwendet werden. Das Desertec-Konzept umfasst auch die Förderung von Windkraft und Bioenergieanlagen. Doch der Vorteil der Solaranlagen ist, dass hier die Wärmeenergie gespeichert werden kann. Achillesferse der Idee waren lange Zeit fehlende geeignete Leitungen, um die Energie nach Europa zu transportieren. Doch Siemens und ABB verlegen inzwischen in China schon Gleichstromleitungen über 2000 Kilometer – bei einem Verlust von 7 Prozent. Kritikern, die allzu auffällige Mastkonstruktionen vermuten, entgegnet Düren: „Wer keine Freileitungen mag, kann auch Erdleitungen nehmen, das ist zwar teurer aber immer noch billiger als Erdgaspipelines.“

Wie viele Kraftwerke wo gebaut werden, das müssen die Gründungsmitglieder erst festlegen. Tunesien böte sich an, sagt Stiftungssprecher Husmann: „Tunesien hat bereits mit Italien Projekte in diesem Gebiet.“ Ägypten steht ganz oben auf der Liste, denn hier findet ebenso schon bald ein Spatenstich für ein Kraftwerk statt. Doch Mohanty von der Münchner Rück hält sich bedeckt: „Für uns ist zunächst mal jede Wüste gleich gut. Hauptsache die Verhältnisse sind stabil und die Distanz zu Europa ist nicht allzu gross.“

Bringt Solarstrom Stabilität?

Stabilität ist relativ in diesem Zusammenhang. Welcher südlich an das Mittelmeer grenzende Staat ist schon lupenrein stabil? Befürworter setzen in Desertec die Hoffnung, Wohlstand und Stabilität in das entsprechende Land zu transportieren. Denn für den Bau nur eines Kraftwerks werden bis zu drei Jahre lang tausende von Arbeitsplätze geschaffen. Der Strom soll nicht nur nach Europa fliessen, sondern zunächst lokalen Bedarf decken. Alles andere als kolonialistisch soll Europa auftreten, so der Plan. Gegner befürchten eine neue Energieabhängigkeit. Düren: „Die Kraftwerke sollen in zehn Staaten gebaut werden. Dass sich alle einig sind, Europa den Hahn zuzudrehen, ist unrealistisch.“

 

Bild: Desertec

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren