Technisch dürfte die Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid machbar sein, sagt Peter Viebahn. Die offenen Fragen bei der Abscheidung, dem Transport und der Lagerung werden wohl in den nächsten Jahren beantwortet. Kritisch ist allerdings, ob genügend Kapazität an CO2-Speichern zur Verfügung stehen wird. Ob die neue Technologie auch wirtschaftlich sein wird, ist jedoch offen. Das hängt auch davon ab, wie rasch die Produktionskosten für Strom aus erneuerbaren Energien sinken.Steffen Klatt: Sind Sie überrascht, dass in Deutschland das Gesetz über die Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid blockiert ist?
Peter Viebahn: Es hat mich überrascht, weil es bisher zumindest von den grossen Parteien, SPD und Union, keinen Widerstand gegeben hat.
Steffen Klatt: Von den Befürwortern wird die neue Technologie als eines der wichtigsten Mittel gegen den Klimawandel bezeichnet. Ist das gerechtfertigt oder übertrieben?
Peter Viebahn: Wir sehen sie nicht als eines der wichtigsten Mittel an. Aber sie könnte eine von mehreren Möglichkeiten sein. Es ist jetzt aber noch nicht erwiesen, ob sie überhaupt – über die gesamte Kette - funktioniert. Es werden auch verschiedene Zeitpunkte genannt, an denen sie kommerziell verfügbar sein könnte, 2020, 2025, oder auch erst 2030.
Steffen Klatt: Wo liegt das Problem?
Peter Viebahn: Es liegt an allen drei Bereichen der Kette. Das ist erstens die Abscheidung selbst. Im Labormassstab funktioniert sie, im Pilotmassstab soll sie nun erprobt werden. Es gibt kleinere Anlagen in den USA. Ob das aber auch bei grossen Kraftwerken mit 600 oder sogar 1500 Megawatt funktionieren wird, muss sich in den nächsten zehn Jahren zeigen.
Steffen Klatt: Welche Probleme stellen sich bei der Leitung von Kohlendioxid quer über das Land?
Peter Viebahn: Technisch wird das kein Problem sein, weil es dem Transport von Erdgas sehr ähnlich ist. Aber es müssen neue Stähle entwickelt werden, weil Kohlendioxid sehr sauer ist. Die jetzigen Erdgasleitungen können dafür nicht verwendet werden, weil das CO2 die Legierungen angreifen würde. Diese neuen Materialien werden derzeit entwickelt. Es müssen auch Vorkerungen für mögliche Unfälle getroffen werden, da Kohlendioxid, wenn es austreten sollte, nicht sichtbar und auch nicht riechbar ist und sich in Senken ansammelt. Hier kann es bereits bei einer geringen Konzentration zum Tode führen.
Steffen Klatt: Ist die sichere Endlagerung machbar?
Peter Viebahn: Die Speicherung ist das grösste Problem des Verfahrens. Es gibt noch kaum Pilotprojekte, in denen CO2 eingespeichert worden ist und bei denen gemessen wird, wohin es sich im Untergrund bewegt und ob es irgendwo wieder herauskommt. Derzeit werden einige kleine Pilotanlagen gebaut, zum Beispiel in Ketzin bei Berlin. Dort wurde vor einem Jahr die Einspeicherung von CO2 begonnen. Die Messverfahren sollen während mehrerer Jahren laufen. Aber selbst wenn es in Ketzin funktioniert oder im norwegischen Sleipner-Feld, dann ist nicht gesagt, dass es auch anderswo geht, etwa in Schleswig-Holstein. Selbst die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sagt, dass jeder Speicher einzeln untersucht werden muss. Jeder Speicher ist anders. Daher können auch jetzt noch keine verlässlichen Zahlen über mögliche Speicherkapazitäten für Deutschland genannt werden.
Steffen Klatt: Das Erdgas war während Jahrmillionen im Untergrund gespeichert. Warum soll das nicht auch mit Kohlendioxid gehen? Man müsste einfach die Löcher wieder stopfen.
Peter Viebahn: Ausgeförderte Erdgasspeicher sind eine andere Möglichkeit. Davon gibt es aber nur relativ wenige, die auch eine entsprechende Grössenordnung aufweisen. Es gibt in Deutschland und in den Niederlanden z.B. viele kleinere Erdgaslagerstätten – für CCS werden jedoch Speicher mit einer Kapazität von mindestens 100 Millionen Tonnen benötigt, die selten sind. Ich habe vorher von salinen Aquiferen gesprochen. Ketzin ist ein solcher Aquifer-Speicher. Erdgasspeicher sind in der Vergangenheit sicher gewesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch in Zukunft sicher sein werden, ist recht hoch. Aber die Porosität kann sich ändern, wenn das Erdgas ausgefördert wurde. Ausserdem müssen die Bohrlöcher absolut dicht sein. Für grosse Erdgaslagerstätten wurden schnell mal hundert Bohrlöcher gebohrt. Der Beton, der bisher zur Abdichtung benutzt wurde, hält das saure Kohlendioxid nicht unbedingt zurück. Bei Erdgasspeichern dürften aber die wenigsten Probleme zu erwarten sein.
Steffen Klatt: Grosse internationale Konzerne wollen daher auch Kohlendioxid zu den Förderregionen von Erdgas zurück verschiffen...
Peter Viebahn: Verschifft werden würde Kohlendioxid wohl nicht. Aufgrund der grossen Menge, die bei der Abscheidung anfällt, würden Pipelines verwendet werden. In Norwegen wird das Kohlendioxid bereits bei der Förderung abgetrennt und wieder zurück in das Sleipner-Feld zurückgepumpt. Dann gibt es noch die „Enhanced Oil Recovery“ oder die „Enhanced Gas Recovery“, bei der Kohlendioxid bereits während der laufenden Förderung wieder zurückgepumpt wird. Das wird bereits seit Jahren gemacht, um die Druck und damit die Förderquote zu erhöhen. Allerdings wird ein Teil des Kohlendioxids bei der Förderung wieder freigesetzt.
Steffen Klatt: Dabei wird Kohlendioxid also nur als Druckgas benutzt, um mehr Öl oder Gas zu fördern?
Peter Viebahn: Genau. Das trägt auch nicht unbedingt zum Klimaschutz bei. Bei diesem Verfahren kam es zudem bisher nicht darauf an, dass das Kohlendioxid dauerhaft im Untergrund verbleibt. Nur eine höhere Ausbeute war bisher das Ziel. Und die ist klimapolitisch ein Problem: Mit CCS wird Öl oder Gas zusätzlich gefördert, das sonst in der Erde verblieben wäre. Die Nutzung dieser Mehrausbeute (im Verkehr oder in Kraftwerken) setzt erheblich mehr CO2-Emissionen frei als während der Mehr-Förderung gespeichert würde.
Steffen Klatt: Das alles hört sich nach horrenden Kosten an. Es braucht neue Anlagen bei Kraftwerken, neue Leitungen und Endlager. RWE rechnet allein für die Pilotanlage im Rheinland mit 2 Milliarden Euro. Stehen Aufwand und Nutzen in einem Verhältnis zueinander?
Peter Viebahn: Das RWE-Kraftwerk in Hürth ist ein Pilotkraftwerk, und Pilotanlagen sind generell teurer. Wenn es kommerzialisiert wird, dürften die Kosten laut Berechnungen der Unternehmen zwischen 30 und 60 Euro pro Tonne Kohlendioxid betragen; hinzu kommen noch die Kosten für den Transport und die Lagerung. Das würde die Stromherstellung um 40 bis 80 Prozent verteuern.
Steffen Klatt: Derzeit werden Emissionszertifikate für weniger als 15 Euro gehandelt.
Peter Viebahn: Im Augenblick würde deshalb auch kein Energieversorger CCS wirklich machen. Wenn dagegen ein Emissionszertifikat 50 Euro kosten würde und CCS nur 40 Euro pro Tonne, würde sich CCS lohnen.
Steffen Klatt: Allein in Deutschland werden derzeit zwei Dutzend Kohlekraftwerke geplant oder gebaut, also ohne CCS. Kann man sie später nachrüsten?
Peter Viebahn: Im Prinzip ist das möglich. Jede Nachrüstung ist allerdings teurer, als die Anlage gleich in den Bau zu integrieren. Wichtig ist, dass die Fläche freigehalten wird. Die CCS-Anlage braucht praktisch noch einmal so viel Fläche wie das Kraftwerk selbst. Bei Neubauten wird diese Fläche jetzt freigehalten. Die Frage ist allerdings, wann nachgerüstet wird. Laut einer Studie von McKinsey lohnt es sich nicht mehr nachzurüsten, wenn das Kraftwerk älter als zwölf Jahre ist. Dann könnten die Kosten sich nicht mehr amortisieren. Wird CCS in 2020 verfügbar sein, könnten die jetzt im Bau befindlichen Kraftwerke nachgerüstet werden – wird das erst in 2025 sein, dürften alle jetzt und in der nahen Zukunft neu zu bauenden Kraftwerke ohne CO2-Abscheidung weiterlaufen.
Steffen Klatt: Wird mit der politischen Blockade in Deutschland die Entwicklung der Technologie aufgehalten?
Peter Viebahn: Das deutsche Gesetz stellt die Umsetzung einer entsprechenden EU-Richtlinie dar, die im Mai 2009 veröffentlicht wurde. Seit Mai haben die Mitgliedstaaten nun zwei Jahre Zeit. Nur in Grossbritannien ist ein nationales Gesetz bisher in Arbeit. Wir stimmen deshalb dem Sachverständigenrat für Umweltfragen zu, dass es diese Eile nicht braucht.
Steffen Klatt: Kommt CCS auf jeden Fall?
Peter Viebahn: Das hängt von sehr vielen Faktoren ab.
Steffen Klatt: Kann diese Technologie also noch scheitern, bevor sie kommerziell eingeführt wird?
Peter Viebahn: Technisch wird sie wohl nicht scheitern. Die Pilotprojekte werden sehr wahrscheinlich laufen. Wenn es scheitert, dann an den Kosten dieser Technologie im Verhältnis zu den Kosten der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien. Photovoltaik soll in vier Jahren in Deutschland die „grid parity“ erreichen. Die Kosten von Strom aus Photovoltaik-Anlagen wären dann für einen Haushalt gleich wie Strom aus herkömmlichen Kraftwerken. Wenn die Kosten für erneuerbare Energien immer weiter fallen, dann wird der Wettbewerb die Entscheidung treffen.
Zur Person:Dr. Peter Viebahn ist Programmleiter Systemanalyse des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Er gehört der Forschungsgruppe Zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen an und hat über die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid veröffentlicht. 2002 bis 2007 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Stuttgart. Er hat Mathematik an der Universität Siegen und Angewandte Systemwissenschaft an der Universität Osnabrück studiert und an beiden Universitäten als Wissenschaftliche Hilfskraft und in Osnabrück als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet.
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