Natürliche Sonnencremen ohne chemische UV-Filter sind immer beliebter – und immer rarer. In der Schweiz gibt es bald nur noch ein einziges Produkt. Grund ist eine EU-Empfehlung.
Eine Naturkosmetikfirma nach der anderen stellt die Produktion von Sonnencremen ein. Der Anbieter Dr. Hauschka nimmt seine Produkte seit Anfang Juni aus den Regalen. Die Edelweiss-Sonnencreme von Weleda ist bereits seit letztem Jahr nicht mehr lieferbar und die Sonnenmilch wird dieses Jahr aus dem Sortiment genommen. Was ist passiert? Vor drei Jahren hat die EU eine Empfehlung zum Sonnenschutz herausgegeben. Darin wird unter anderem der Schutz vor ultraviolettem Licht neu definiert – auf Druck der grossen Kosmetikfirmen. Konkret muss der UVA-Schutz mindestens ein Drittel des UVB-Schutzes betragen. Wer also seine Sonnencreme mit Faktor 30 mit dem neuen UVA-Logo versehen will, muss beim UVA-Licht mindestens einen Faktor 10 aufweisen können. Damit will die EU den Menschen stärker vor den UVA-Strahlen schützen, die tiefer in die Haut eindringen. Mineralische Filter haben es schwerMit den rund zwei Dutzend erlaubten chemischen UV-Filtern kann dieses Verhältnis problemlos erreicht werden. Nur mit mineralischen Filtern ist dies aber viel schwieriger. Zur Verfügung stehen die beiden natürlichen Substanzen Titandioxyd und Zinkoxyd, die allerdings auch chemisch-synthetisch hergestellt werden. Kombiniert man Titandioxyd und Zinkoxyd, dann ist die EU-Norm auch bei hohen Schutzfaktoren einzuhalten. Lavera zum Beispiel geht so vor. Mit einem Marktanteil von rund 50 Prozent ist sie in Deutschland klar die Nummer Eins bei den Naturkosmetik-Sonnencremen. Nur: In der Schweiz ist Lavera nicht zugelassen. Zinkoxyd fungiert noch nicht als UV-Filter in der Kosmetikverordnung der EU und ist in der Schweiz nicht zugelassen. Das führt dazu, dass in der Schweiz bald nur noch eine einzige natürliche Sonnencreme mit dem neuen UVA-Label erhältlich ist. Sie stammt von der deutschen Firma Eco Cosmetics, hat Schutzfaktor 30, trägt das französische Bio-Zertifikat ecocert und wurde Mitte Mai lanciert. Die unmögliche SonnencremeDamit ist Eco Cosmetics gelungen, was laut anderen Herstellern gar nicht geht, nämlich ausschliesslich mit Titandioxyd ein natürliches Sonnenschutzprodukt zu entwickeln, welches die neuen EU-Empfehlungen erfüllt. „Das ist nicht möglich“, sagt etwa Chemiker Beat Müller von der Firma CWK in Winterthur, welche die Sonnencreme Sherpa Tensing herstellt. Gleich argumentieren Weleda und Dr. Hauschka.
Weshalb aber gelingt es dann Eco Cosmetics? Sie benutzen laut eigenen Angaben sehr viel Filterstoff. Die Hälfte der Creme ist Titandioxyd, kombiniert mit Glimmer und Magnesium. Damit die Creme die Haut nicht weiss färbt, ist Sanddornöl beigemischt. „Wie wir trotz des hohen Anteils an Mineralien eine schöne Emulsion hinkriegen, bleibt unser Geheimnis“, sagt Geschäftsführer Dieter Sorge. Dieses Geheimnis hat seinen Preis, eine Tube mit 75 Millilitern kostet im Laden 26.90 Franken. Das ist rund viermal so viel wie eine Sonnencreme mit gleichem Sonnenschutz aus chemischen oder gemischten Filterstoffen.Kunden sind verärgert„Viele unserer Kunden sind verärgert, dass wir unsere Sonnencreme nicht mehr produzieren“, sagt Michael Leuenberger, Mediensprecher von Weleda in Arlesheim. Sabine Kästner, Mediensprecherin von Laverana, Hersteller von Lavera-Produkten, sagt: „Die neue EU-Norm ist schwer zu verstehen.“ Das neue UVA-Logo führe dazu, dass Konsumenten besorgt anrufen, ob die Creme nun nicht mehr gegen UVB-Strahlen und damit gegen Sonnenbrand schütze. Sie bedauert auch den Entscheid der Schweiz, Zinkoxyd nicht zuzulassen: „Dazu gibt es keinen Grund, dieser Stoff hat sich in allen Tests bewährt.“ Tatsächlich haben die natürlichen Sonnenschutzmittel von Lavera, Dr. Hauschka und Weleda in Ökotests stets gut abgeschnitten und sich im wachsenden Naturkosmetik-Markt ein Stück vom Kuchen abgeschnitten. Petra Schönenberger von der Vertriebsfirma Bio Partner Schweiz AG spricht von „hohen zweistelligen Wachstumszahlen“ bei den natürlichen Sonnencremen. Angst vor hormonaktiven StoffenBeigetragen hat dazu einerseits der schlechte Ruf von gewissen chemischen Filtern, nachdem die Zürcher Toxikologin Margret Schlumpf vor zehn Jahren erstmals gewisse UV-Filter in der Muttermilch nachweisen konnte. Schlumpfs Forschungen über hormonaktive Substanzen sind allerdings umstritten: Die EU-Kommission hat den Filter nach intensiven Tests letztes Jahr wieder als unbedenklich zugelassen. Zudem zeigten Studien, dass weder Titandioxyd noch Zinkoxyd in Nanopartikelgrösse die gesunde Haut durchdringen. Kästner hofft deshalb, dass die EU bis Ende Jahr Zinkoxyd auf die Liste der zugelassenen UV-Filter nimmt und Lavera ihre Produkte dann wieder in die Schweiz liefern darf. Weleda und Dr. Hauschka wollen in jedem Fall auch weiterhin auf die Produktion von Sonnencremen verzichten. Bild: Yoann Serpent
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