Der Bauernhof im Hochhaus

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Wädenswil 26.05.09
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Dickson Despommier, Vertical Farm, WädenswilDie Landwirtschaft soll künftig in Hochhäusern mitten in den Städten betrieben werden, schlägt Dickson Despommier vor. Die freiwerdenden Flächen sollen mit Wald bepflanzt und der Natur überlassen werden. Damit will der New Yorker Wissenschaftler den Klimawandel rückgängig machen. Nur die Viehzucht fände dann noch ausserhalb der Städte statt.

Steffen Klatt: Wenn man an Landwirtschaft denkt, denkt man normalerweise an Landschaft. Was ist falsch daran?

Dickson Despommier: Wenn Sie in Afrika, in Südasien oder auch in Südostasien reisen oder selbst in den Vereinigten Staaten, dann treffen Sie immer wieder auf Bauern, die nicht mehr weiter wissen, aus verschiedenen Gründen. Der wichtigste Grund ist der schnelle Klimawandel. Schauen Sie nach Indien. Dort ist der Monsun im Dezember nur noch kurz, die Regenfälle aber heftig. Der Boden kann nicht mehr wie früher den Regen aufnehmen und ein ganzes Jahr lang behalten. Der Punjab verlor vor zwei Jahren 90 Prozent seiner Weizenernte in einem Unwetter zwei Wochen vor der Ernte. In jenem Jahr musste Indien erstmals Weizen importieren, und das ausgerechnet aus Australien, wo damals Buschbrände brannten.

Steffen Klatt: Bedeutet der Klimawandel, dass die Erde nicht mehr genug zu essen hat für die Milliarden von Menschen, die zu den heutigen 6 Milliarden hinzukommen werden?

Dickson Despommier: So ist das. Über die heutige Landwirtschaft kann man drei Dinge sagen: Sie ist entweder schon gescheitert. Oder sie scheitert gerade. Oder sie wird scheitern, garantiert.

Steffen Klatt: Das erinnert mich an Thomas Malthus, der bereits vor zwei Jahrhunderten gesagt hat, die Erde habe nicht genug für alle zu essen. Damals lebte keine Milliarde Menschen auf der Erde. Heute kann sie über sechs Milliarden ernähren.

Dickson Despommier: Heute haben wir genügend Nahrung für alle, sie wird nur ungleich verteilt. Zu Malthus‘ Zeiten war es ein richtiger Gedanke, dass ohne Änderungen in der Landwirtschaft die wachsende Zahl von Menschen nicht mehr zu ernähren sein würde. Malthus hatte dennoch unrecht, weil innerhalb von 20 Jahren das Dynamit, der Verbrennungsmotor und der Traktor entwickelt und Öl entdeckt wurde. All das hat die Landwirtschaft industrialisiert.

Steffen Klatt: Können nicht auch heute völlig neue Entwicklungen die Landwirtschaft in einer Weise verändern, dass sie weitere Milliarden Menschen ernähren kann?

Dickson Despommier: Das ist richtig. Es gab zwei Revolutionen der Ernährung. Die eine geschah vor mehreren tausend Jahren: Vor 15000 Jahren gab es nicht einen einzigen Bauernhof. Vor 10000 Jahren gab es überall auf der Erde Bauernhöfe. Bis 1950 sah die Landwirtschaft einigermassen gleich aus, trotz der Industrialisierung. Dann aber brach der grosse Frieden aus. Die Bevölkerung wuchs, die Nachfrage nach Nahrungsmitteln stieg. Die Wissenschaft entwickelte Dünger, Unkrautvernichtungsmittel und Pestizide. Sie zwang die Erde zu etwas, was die Natur nie gekannt hat: Monokulturen. Die Natur ist gemischt. Plötzlich führten die Menschen Monokulturen ein. Das veränderte für immer das Leben auf der Erde. Plötzlich war der Klimawandel ein Thema, weil er nicht mehr durch die Wälder aufgehalten wurde.

Steffen Klatt: Wie wollen Sie das Problem lösen?

Dickson Despommier: Wir können gute Nahrungsmittel in Gebäuden herstellen, die nicht einstöckig sind wie die heutigen Gewächshäuser. Sämtliche technischen Elemente dafür existieren bereits. Wir setzen sie nur in einem wesentlich grösseren Massstab ein, und das innerhalb der Städte selbst.

Steffen Klatt: Steht dann mitten im Quartier anstelle eines Wohnblocks ein „Landwirtschaftsblock“ mit einer Gewächshausetage über der anderen?

Dickson Despommier: Genau das. So einfach ist die Idee. Der Hauptgrund für eine geschlossene Landwirtschaft ist es, die Land wieder an die Natur zurückzugeben, damit sie das Kohlendioxid aus der Atmosphäre zurückholen kann. Wenn wir das jetzt nicht freiwillig tun, dann müssen wir es in 50 Jahren gezwungenermassen tun. Denn dann wird man draussen auf dem Land keine Landwirtschaft betreiben können, wenn wir das Kohlendioxid nicht mehr einbinden.

Wir brauchen die geschlossene Landwirtschaft aber auch, um die zusätzlichen drei Milliarden Menschen zu ernähren, die in den nächsten Jahrzehnten hinzukommen werden. Heute beanspruchen wir ein Gebiet von der Grösse Südamerikas, um die Menschheit zu ernähren. Für die zusätzlichen Menschen brauchten wir ein zusätzliches Gebiet von der Grösse Brasiliens. Es gibt aber auf der Welt kein solches Gebiet mehr. Nur Brasilien könnte uns den grössten Teil des zusätzlichen Gebiets zur Verfügung stellen. Aber dann gäbe es keinen Regenwald mehr. Und auf dem Gebiet könnten wir vielleicht noch drei Jahre lang Nahrungsmittel anbauen, dann wäre Schluss. Wir könnten theoretisch die Welt mit Dünger, Unkrautvernichtungsmitteln und Pestiziden zwingen, uns Nahrungsmittel für 10 Milliarden Menschen zu geben. Aber dann könnte die Natur kein Kohlendioxid mehr binden. Das wäre das Ende jedes Ökosystems auf der Welt.

Vertikal in Masdar

Dickson Despommiers Unternehmen Vertical Farm Technologies hat mit Masdar bei Abu Dhabi eine Absichtserklärung unterzeichnet. Danach wird das Unternehmen in der Ökostadt ein vierstöckiges Gewächshaus realisieren. Das Emirat Abu Dhabi baut vor den Toren seiner Hauptstadt eine Stadt für 50000 Bewohner und 90000 Arbeitsplätze, die ihre Energie selber aus erneuerbaren Quellen produziert, kein Kohlendioxid ausstösst und kein Abfall produziert.

Auch das US-Landwirtschaftsministerium dürfte es Despommier ermöglichen, einen Prototyp seiner „vertikalen Landwirtschaft“ zu errichtet. Dieser Prototyp ist auf dem Gelände des Hauptquartiers des Landwirtschaftlichen Forschungssystems des Ministeriums in Beltsville, Maryland, vorgesehen.

Steffen Klatt: Es gibt ganz praktische Fragen: Wie wollen Sie Sonnenlicht in Ihre Gewächshausplantagen bringen?

Dickson Despommier: Waren Sie schon einmal im Eden Project?

Steffen Klatt: In Cornwall? Ja.

Dickson Despommier: Dann wissen Sie, wie es geht. Dort werden lichtdurchlässige Abdeckungen verwendet, die mehr Licht hereinlassen als Glas und nur ein Prozent des Gewichts von Glas wiegen. Damit wurden Lebensräume für bedrohte tropische Pflanzen geschaffen. Mit solchem Material möchte ich leichte, modulare Gebäude schaffen, in denen ich Nahrungsmittel anbauen kann. Es können vertikale Gewächshäuser gebaut werden, die völlig effizient sind und Vorteile aus neuen Materialien ziehen können.

Steffen Klatt: Sie meinen also, dass sich alle praktischen Probleme – etwa Sonnenlicht und Wasser hineinzubringen – lösen lassen?

Dickson Despommier: Das alles wird nicht leicht sein, aber machbar.

Steffen Klatt: Kann man alles in solchen übereinander gestapelten Gewächshäusern anbauen, unabhängig von Jahreszeiten und regionalen Besonderheiten?

Dickson Despommier: Wenn Sie Vegetarier sind, können Sie dort alles anbauen, was Sie brauchen. Sie können die besten Salate mit Avocado, Spargel, vier verschiedenen Sorten Spinat und so weiter anbauen. Aber wenn Sie ein Steak essen wollen, so wie ich es gern tue, dann müssen Sie das Vieh ausserhalb der Städte halten. Aber das stört mich nicht. Wichtig ist, dass Reis und Getreide nicht länger anstelle von Wäldern wachsen.

Steffen Klatt: Sie sehen die vertikale Landwirtschaft als Mittel gegen den Klimawandel an. Wie kann Ihre Landwirtschaft den Ausstoss von Kohlendioxid verringern?

Dickson Despommier: Für jeden Hektar Anbau in geschlossenen Gebäuden können Sie mehrere Hektar in der offenen Landwirtschaft einsparen. Nehmen Sie den extremen Fall, Erdbeeren: Ein Hektar im Gewächshaus spart 30 Hektar in offener Landwirtschaft. Dieses Land kann an die Natur zurückgegeben werden. In Amerika erstreckte sich der Wald vom Atlantik bis zum Mississippi. Dieser Wald enthielt mehr Kohlendioxid als heute in der Atmosphäre ist. Selbst wenn nur ein Zehntel dieser Menge wieder eingefangen werden könnte, würde die Kohlendioxidbilanz der Atmosphäre wieder ins Gleichgewicht kommen. Wenn die Bundesstaaten Indiana und Ohio wieder mit Wald bedeckt wären, würde der Klimawandel umkehren. Die Frage ist, wie man das erreichen kann. Die Bauern müssen dafür bezahlt werden, Bäume zu pflanzen. Dafür braucht es bloss ein paar gute Beispiele. Vielleicht wird Kanada den Anfang machen.

Steffen Klatt: Was passiert mit den anderen Bauern? Werden sie alle in die Städte abwandern?

Dickson Despommier: Manche werden das tun. Andere werden Bäume anpflanzen. Und wieder andere werden versuchen, so weiterzumachen wie bisher. Aber in dem Augenblick, in dem sie ihre Produkte verkaufen wollen, werden sie feststellen, dass die Nahrungsmittel aus den Städten nur halb so teuer sind. Denn heute geht die Hälfte der Nahrungsmittel auf dem Feld oder während des Transports auf die Teller verloren. In den Entwicklungsländern sind es sogar bis zu 80 Prozent. Dieses Problem haben Sie bei der vertikalen Landwirtschaft nicht.

Steffen Klatt: Sie haben mit der schwierigen Lage der Landwirtschaft in Afrika und Asien angefangen. Heisst das, dass Europa die vertikale Landwirtschaft nicht braucht?

Dickson Despommier: Fragen Sie einen Winzer aus dem Bordeaux-Gebiet. Ich wurde gebeten, vor der Jahresversammlung der Bordeaux-Winzer einen Vortrag zu halten. Ich zögerte hinzugehen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie das interessiert. Nach dem Vortrag kamen Winzer zu mir und sagten, dass sie in Schwierigkeiten seien. Die guten Jahre würden immer seltener.

Steffen Klatt: Wann beginnt Ihre vertikale Landwirtschaft?

Dickson Despommier: Es braucht mehr Forschung. Es braucht einen Prototyp. Dann könnte man Wettbewerbe etwa zwischen landwirtschaftlichen Schulen organisieren.


Zur Person:

Der Mikrobiologe Dickson Despommier, geboren 1940 in New Orleans, ist seit 1982 Professor für Gesundheitswesen an der Columbia Universität in New York. Seit Ende der 90er Jahre propagiert er den Gedanken der vertikalen Landwirtschaft. Die Idee entstand während eines akademischen Projekts, bei dem die Wirkung von Dachgärten auf die Sommerhitze in New York untersucht wurde.


Bild: Steffen Klatt

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