Das Meer versauert

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Geschrieben von: Anna van Ommen, London 30.04.09
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Riff, Australien, Meer, VersauerungWissenschaftler schlagen Alarm: Treibhausgase schaden nicht nur dem Klima, sondern zunehmend dem Meer und damit ganzen Ökosystemen. Das versauernde Meer entzieht kalkproduzierenden Organismen wie den Korallenriffs die Lebensgrundlage. Eine fünf Jahre dauernde britische Studie soll jetzt die Ausmasse der Meeresversauerung analysieren.

Wer wissen möchte, welche Auswirkung die zunehmende Versauerung der Ozeane auf Meeresorganismen hat, braucht nur an den heimischen Wasserkessel zu denken. Kalk lässt sich bekanntlich mit Essig oder Zitronensäure entfernen. Gut für den verkalkten Kocher, schlecht für Korallen und zahllose Meeresorganismen. Denn: Im Meer spielt sich ein ähnlicher Prozess ab. Die Ozeane nehmen Kohlendioxid auf und verwandeln es in Kohlensäure. Doch weil die Ozeane immer mehr Kohlendioxid verarbeiten müssen, können die Meere nicht mehr den nötigen Ausgleich schaffen: Das Wasser wird sauer.

„Eine der grössten Herausforderungen”

Die britische Regierung will dem Problem nun auf den Grund gehen: Sie steckt 11 Millionen Pfund (12,3 Millionen Euro/ 18,6 Millionen Franken) in die Erforschung der Meeresversauerung. Die auf fünf Jahre angelegte Studie konzentriert sich auf Ökosysteme im Atlantik, der Antarktis und den arktischen Meeren. Die Forscher erhoffen sich dabei auch Aufschlüsse über mögliche Folgen für Mensch und Wirtschaft. „Die Versauerung der Meere wird in diesem Jahrhundert eine der grössten Herausforderungen für die Umwelt mit weit reichenden Folgen stellen”, erklärte der für die Meere zuständige Minister im Umweltministerium, Huw Irranca-Davies. „Wir müssen viel besser verstehen, wie sich Kohlendioxid-Emissionen auf unsere Meere und Marineorganismen auswirken.”

Drohende Katastrophe im Meer

Damit entspricht die britische Regierung einem Anliegen von 220 Forschern aus 32 Ländern, die Anfang des Jahres die „Monaco-Konvention” unterzeichnet haben. Die Experten warnten vor einer drohenden Umweltkatastrophe, die ebenso gefährlich sei wie die Erderwärmung. In den letzten 200 Jahren haben die Meere 50 Prozent des Kohlendioxids geschluckt, das von Menschen beim Verbrennen fossiler Stoffe verursacht wird. Dies hat zu einer Senkung des PH-Werts der Ozeane geführt. Seit der Industrialisierung ist der Säuregrad des Oberflächenwassers um 30 Prozent gestiegen. Das ist die schnellste Veränderung der Meereswasserchemie seit 65 Millionen Jahren.

Die Wissenschaftler befürchten ein Massensterben. Vor allem Kalk bildende Organismen wie Muscheln, Seeigeln und Seesterne sind bedroht. Bei der Korallenproduktion am Great Barrier Reef in Australien sind die Auswirkungen bereits zu erkennen. Die Korallenriffe aber schützen die Küsten vor Flut und Erosion. Sie bieten Fischen Wohnstätten und sind damit wichtig für Fischfang und Ernährung. Darüber hinaus bringt das Reef dem Tourismus jährlich Einnahmen in Millionenhöhe ein.

Meer als Kohlendioxid-Müllhalde

Die Wissenschaftler sind sich einig, dass die Reduzierung von Treibhausgasen weltweit unerlässlich ist. Sie befürchten, dass das Meer als Kohlendioxidpumpe der Welt überfordert wird: Die Meeresströme lassen warmes Wasser an der Wasseroberfläche in Nord-Südrichtung strömen und nehmen dabei Kohlendioxid auf. Das Kohlendioxid löst sich dabei zu Kohlensäure. In der Nähe der Pole kühlt sich das Wasser ab, wird schwerer und sinkt auf den Meeresgrund. Das mitgeführte Kohlendioxid kann Jahrhunderte lang dort verbleiben, bis es wieder an die Meeresoberfläche gelangt. Doch der Anstieg des Kohlendioxids in der Meereschemie erschwert es, einen Ausgleich für den höheren Säuregehalt zu schaffen. In Ermangelung von Karbonat aus Meeresbodensedimenten holt sich das Meer daher vermehrt Kalk aus anderen Quellen - eben den Muscheln und Korallenriffen.

Kalk ins Meer schütten?

Das wachsende Problem der Meeresversauerung wurde bislang stiefmütterlich behandelt, die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Inzwischen befasst sich das europäische Forschungsprojekt EPOCA mit dem Thema. Auch US-Präsident Barack Obama hat Gelder für Studien bereitgestellt. Unterdessen gibt es Lösungsvorschläge: So meinen Wissenschaftler, man könne Kalk ins Meer schütten, um das Meer zu entsäuern. Kalk gebe es schliesslich genug, in den Alpen und im Jura. Die „Cquestrate”-Idee stammt von dem Londoner Unternehmensberater Tim Kruger und wird bereits von Unternehmen wie dem Ölkonzern Shell untersucht. Ein Haken dabei: Der Kalkstein müsste zunächst zu Kalziumoxid umgewandelt werden. Dabei wird Energie verbraucht, zudem setzt der chemische Prozess Kohlendioxid frei. Kruger hat berechnet, dass sich durch den Prozess doppelt so viel Kohlendioxid binden liesse, wie bei der Gewinnung von ungelöstem Kalk entsteht. Eine ähnliche Idee wurde bereits in den 90er Jahren nicht zuletzt aus Kostengründen verworfen. Wie sich solche sporadischen Kalkzufuhren auf die Meeresbiologie auswirken könnten, ist noch völlig unerforscht. Nina Jensen, Marinebiologin beim WWF Norwegen, begrüsst neue Ansätze. Sie nannte diese Idee allerdings „ein lebensgefährliches Experiment”.

 

Bild: Durch die Versauerung der Meere ist auch das Grosse Riff vor Australien bedroht (australia.com)

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