Taï (Elfenbeinküste) - Westafrikas letzter Urwald soll mit neuen Strategien gerettet werden. Gesucht werden Geldgeber, deren Fonds auf dem Finanzmarkt angelegt würden. Mit den Erträgen soll der Betrieb des Nationalparks finanziert werden. Gebraucht werden eine Million Euro pro Jahr. Langfristig könnten die Einnahmen auch über die Gebühren erzielt werden, die für die wirtschaftliche Nutzung der Eigenschaften von Pflanzen des Urwalds erhoben werden.
„Wald, Wald, Wald! Bäume von fünfzig, sechzig, siebzig Metern Höhe, dunkelgrün, lianendurchflochten, über braunrotem Sumpf, ein blütenloses Blätterdach und dumpfstickige, lichtlose Luft.“ So schilderte der deutsche Ethnologe Leo Frobenius zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Eindrücke in Westafrikas riesigen Primärwaldgebieten, die er bei einem Aufenthalt kennengelernt hatte. Damals war allein in der Elfenbeinküste eine Fläche von 16 Millionen Hektar mit Regenwald überzogen. Seit 1972 Nationalpark Von diesem üppigen Waldreichtum ist kaum etwas übrig geblieben. Der einzige zusammenhängende Dschungel des Landes und der gesamten Region erstreckt sich im Taï-Nationalpark an der Grenze zu Liberia. Der über 5000 Quadratkilometer umfassende Wald, seit 1978 Biosphärenreservat, gehört zu den zehn Prozent Primärwaldfläche, die von den Rodungen der vergangenen Jahrzehnte verschont geblieben sind. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 hat die Waldvernichtung in der Elfenbeinküste, die sich lange Zeit als wirtschaftlich erfolgreiches Land behaupten konnte, ein selbst für Westafrika ungewöhnlich hohes Ausmass angenommen. Ohne zu zögern opferte man Urwälder, um Anbauflächen für Kakao, Kaffee, Palmöl und Getreide zu gewinnen. Auf einem Teil der gerodeten Gebiete pflanzte man Teakbäume und exportierte das Holz. Schon während der Kolonialzeit unter besonderen Schutz gestellt, blieben die Verhältnisse im Taï, seit 1972 Nationalpark, relativ stabil. Während der 70er und 80er Jahren nahm die Bevölkerung in diesem Gebiet des ivorischen Südwestens gewaltig zu: Durch staatliche Ansiedlungsprogramme stieg die Bewohnerzahl von ursprünglich etwa 10 000 Menschen auf rund eine Million an. Durch den Bedarf an Ackerflächen vor allem für den Anbau von Kaffee, Kakao und Kautschuk nahm der Druck auf den Naturwald enorm zu. Die Schäden hielten sich dennoch in Grenzen. Seit 2000 wurden keine neuen Rodungen mehr vorgenommen. „Flächen mit degradierter Vegetation gehen kontinuierlich zurück“, entnimmt man einem Monitoring-Bericht der UNESCO von 2006. Kopfzerbrechen bereitet den Verantwortlichen allerdings die nach wie vor praktizierte Wilderei, der in erster Linie Schimpansen und Kleinantilopen zum Opfer fallen. Seit 25 Jahren Welterbe Selbst den mehrjährigen innenpolitischen Konflikt, der inzwischen beigelegt wurde, hat der Taï ohne nennenswerte Schädigungen überstanden. Maßgeblichen Anteil daran hat die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), die während der Konfliktperiode als eine der wichtigsten Kooperationseinrichtungen im Land geblieben war und sich gemeinsam mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau seit Mitte der 90er Jahre kontinuierlich für den Park einsetzt. Bei der lokalen Bevölkerung, die zu Beginn wenig Interesse am Waldschutz zeigte, „hat unterdessen ein beachtlicher Meinungswandel eingesetzt,“ informiert GTZ-Büroleiter Frank Bremer und fährt fort: „Die Mehrheit hat eingesehen, dass dank des Mikroklimas im Südwesten, im Gegensatz zu waldarmen Gebieten der Elfenbeinküste, problemlos Landwirtschaft betrieben werden kann“. Deswegen beteilige sich die Bevölkerung nun aktiv am Parkschutz. Als wesentliches Motiv für diese Zusammenarbeit beurteilt Bremer den Wiederaufbau der Infrastruktur in der westlichen Anrainerzone. Sie war 2003 durch liberianische Banden zerstört und geplündert worden. Schon 1983 hatte die UNESCO den Wald als außergewöhnliches Beispiel für biologische und ökologische Evolutionsvorgänge und wegen seiner gewaltigen Biodiversität, die auf die Vielfalt der Lebensräume zurückgeht, in ihre Welterbeliste aufgenommen. Der Wald spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung des regionalen Klimasystems, trägt darüber hinaus zur Reinhaltung der Atmosphäre bei, speichert Kohlenstoff und birgt ein gigantisches Archiv an genetischen Informationen. Zuckerersatz aus dem Urwald Zu den bekanntesten Substanzen aus dem Taï Nationalpark zählt Thaumatin. Es dient als Zuckerersatz und ist fünftausend Mal so süß wie herkömmlicher Zucker. Bei Prospektionen während der 80er Jahre im Taï-Wald entdeckt, wurde das genetische Material still und heimlich aus der Elfenbeinküste herausgeschafft. Diesem Akt der Biopiraterie verdankt das dafür verantwortliche Unternehmen einen Profit zwischen 25 und 35 Millionen Euro. Von den insgesamt 1300 Pflanzenarten, die im Taï vorkommen, sind 150 endemisch, sie wachsen also nur hier. Gleichfalls trifft man 28 der 230 Vogelarten und 47 der 54 Säugetierarten in der Elfenbeinküste nur in dem Nationalpark an. Auch die selten gewordenen Waldelefanten, Zwergflusspferde, Büffel und Schimpansen leben in dieser biologischen Schatzkammer. Sie leben in einer für uns fremdartigen Welt, an die wir uns erst gewöhnen müssen. Kaum Licht Kaum ein Sonnenstrahl fällt je auf den laubbedeckten Boden im Nationalpark. Das Atmen fällt schwer, nach wenigen Minuten ist die Kleidung schweißdurchtränkt. Urwaldriesen mit einer Dicke von mehr als zwei Metern spannen ein Dach über diese Kathedrale der Natur, die ihre Besucher mit einer betörenden Vielfalt exotischer, bisweilen unangenehmer Gerüche empfängt. Um die Mittagszeit herrscht gespenstische Stille. Schon ein abgestorbenes Blatt, das mit einem leichten Rascheln auf dem modrigen Waldboden landet, jagt den Besuchern einen Schrecken ein. Das Schweigen lässt schnell ein Gefühl der Beklemmung aufkommen. Mit Einbruch der Dämmerung erhebt sich ein anschwellendes Konzert aus Vogelstimmen, Affenschreien und Froschquaken. Je weiter man sich über aufgeweichte und steil abfallende Pfade durch tiefe Schluchten und Bäche zum dunklen Herzen des Nationalparks vorkämpft, desto unheimlicher wird die Szenerie, in der ein umgestürzter Baum auf den anderen folgt. Alle Geschöpfe des Regenwaldes verbergen sich vor den Eindringlingen, die auch von den Vögeln selten mehr als einen flüchtigen Schatten zu Gesicht bekommen. Während weit entfernt ein Ibis heisere, an langgezogene Klagelaute erinnernde Rufe ausstößt, ertönt hoch in den Kronen ab und zu ein Rattern, das dem Lärm einer Dampflokomotive ähnelt. Es wird von aufgeschreckten Hornvögeln verursacht, die sich, mit ihren kurzen Flügeln wild flatternd, in Sicherheit bringen. Schimpansen an Menschen gewöhnt Als die GTZ vor über einem Jahrzehnt im Taï tätig wurde, hatte man ein Konzept erarbeitet, um die Erfordernisse des Naturschutzes mit den ökonomischen Bedürfnissen der Bewohner in den zahlreichen Anrainerdörfern in Einklang zu bringen. Damals wurden auch die Grundlagen für den vorgesehenen Ökotourismus gelegt. Eine der grössten Attraktion des Parks sind seine Schimpansen. Unter Federführung der GTZ begann damals ein Würzburger Biologe, ausgewählte Primatenfamilien an die Anwesenheit von Menschen zu gewöhnen. Dabei folgte man dem Vorbild der englischen Primatenforscherin Jane Goodall, die im tansanischen Nationalpark Gombe seit den 60er Jahren Schimpansengruppen an die Präsenz von Menschen gewöhnt hat. Für diese Angewöhnung wählte man einen Abschnitt im landschaftlich abwechslungsreichen Süden, den bis 1991 alle Bewohner verlassen mussten. An den Standort eines früheren Dorfes erinnert noch ein moosüberzogener Felsbrocken, an dem die Bewohner einst einmal im Jahr eine Schale Reis mit Palmöl opferten, um die guten Geister des Regenwaldes für sich zu gewinnen. Gegen Ende der 90er Jahre verzeichnete man immerhin schon jährlich im Schnitt rund 500 Besucher, die überwiegend aus der französischsprachigen Gemeinschaft der Hauptstadt Abidjan stammten. Während ihres zwei- bis viertägigen Aufenthalts wurden sie im damals erbauten Ecotel untergebracht und von ausgebildeten einheimischen Führern betreut. Die mit bescheidenen Annehmlichkeiten ausgestattete Lodge bestand aus zwölf strohgedeckten Rundhäusern aus Zementsteinen. Ökotourismus stockt Während der Krisenjahre geplündert und nicht mehr instand gehalten, stehen die Unterkünfte nun schon seit Jahren leer. Die Angewöhnung der Schimpansen hatte man damals eingestellt, nach wie vor widmen sich jedoch Angehörige der Stiftung Wild Chimpanzee Foundation im Taï der Primatenforschung. Zusammen mit dem WWF (World Wide Fund for Nature) werden Daten zum Zustand des Ökosystems erhoben, um auf dieser Grundlage den Naturschutz sicherzustellen. In insgesamt fünf Waldsektoren gilt es, die dortige Infrastruktur für die Überwachung – Orientierungspunkte, Gebäude und die für die Parkbesucher geschaffenen Pfade – kontinuierlich in Schuss zu halten. In der Anrainerzone um den Park herum laufen gegenwärtig über fünf Dutzend Kleinprojekte auf den Gebieten Fisch- und Viehzucht sowie Gemüse- und Reisanbau. „Damit gibt es eine Alternative zur illegalen Nutzung des Naturwaldes. Dank dieser Tätigkeiten haben die Menschen jetzt die Möglichkeit, Einkommen zu erzielen“, berichtet GTZ-Büroleiter Frank Bremer. Wann der Ökotourismus wieder aufgenommen werden kann, steht gegenwärtig noch nicht fest. „Diese Strategie liegt zurzeit auf Eis“. Jetzt sei man auf der Suche nach einem Privatinvestor, der die Renovierung und den Betrieb des Ecotels übernimmt. Geschäftspläne und Finanzkonzepte Unterdessen hat die Regierung mit der GTZ ein Zukunftsszenario für Westafrikas letzten Regenwald entworfen. Auf der Grundlage eines Gesetzes entstand schon 2004 die Stiftung „Fondation Ivoirienne des Parcs et Réserves“, die eine privatwirtschaftlich geprägte Struktur mit Geschäftsführer und Verwaltungsrat aufweist. Ihr Stiftungsziel ist die Finanzierung einer effizienten und langfristig angelegten Verwaltung sämtlicher Naturparks und Schutzgebiete. Gegenwärtig bemüht sich die Stiftung darum, Gelder einzuwerben, um sie auf den Finanzmärkten anzulegen. Mit den Einnahmen aus dem angelegten Kapital sollen die Kosten für die Parkverwaltung beglichen werden. Welcher Betrag benötigt wird, um das Management des Taï angemessen zu finanzieren, geht aus dem ebenfalls schon erarbeiteten Geschäftsplan hervor: Er bewegt sich alles inklusive bei einer Million Euro und entspricht der Summe, die GTZ und KfW bisher jährlich beigesteuert haben. Der für die GTZ tätige Geograf Suhel al-Janabi hält in diesem Zusammenhang das Access-and-Benefit-Sharing-Abkommen (ABS) für ein geeignetes Finanzierungsinstrument, das sich für die nach Einlagen Ausschau haltende Stiftung als hilfreich erweisen könnte. Dieses Abkommen über den Zugang zu genetischen Informationen und den gerechten Ausgleich für Vorteile daraus wurde in der Biodiversitätskonvention festgelegt. Demnach sind Ursprungsländer, auf deren Territorium begehrte genetische Ressourcen vorhanden sind, bei deren wirtschaftlicher Nutzung finanziell gerecht am Gewinn zu beteiligen. Mehr Informationen: Plattform des deutschen Bundesamtes für Naturschutz über den Zugang zu genetischen Informationen und den gerechten Ausgleich der Vorteile daraus Informationsseite zum internationalen Übereinkommen über die biologische Vielfalt Bild: Frauen im Tai-Nationalpark bei der Aufbereitung der Kakao-Ernte (gtz)
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