Zürich - In der Umwelttechnologie und in der Medizinal- und Gesundheitsindustrie liegt in der Schweiz Exportpotential brach. Der vom Staat mandatierte Exportförderer Osec will helfen, die Kräfte zu bündeln, sagt sein Chef Daniel Küng. In der Gesundheitsbranche soll der im November gegründete Verein Swiss Health die Schweiz als globalen Standort positionieren. In der Umwelttechnologie und den erneuerbaren Energien soll die Swiss Village Association das „Schweizer Dorf“ in der Ökostadt Masdar City in Abu Dhabi zu einem Schaufenster der Schweiz machen.
Steffen Klatt: Die Exporte sind in den vergangenen Monaten eingebrochen. Wie reagiert die Osec darauf? Daniel Küng: Wenn die Exporte eingebrochen sind, heisst das, dass wir unseren Kunden stärker behilflich sein müssen, noch ungenutzte Exportchancen zu nutzen. Wir sehen zum Beispiel im Sektor Umwelttechnologie, bei den erneuerbaren Energien und der effizienten Energienutzung, dass es in der Schweiz viele Unternehmen gibt, die bisher noch nicht exportiert haben. Sie sind vielleicht dafür zu klein gewesen oder zu fragmentiert aufgetreten. Wir müssen zusätzliche Anstrengungen unternehmen, um diese Firmen in den Export zu bringen. Damit stemmen wir uns antizyklisch gegen den Rückgang der Exporte. Steffen Klatt: Sind diese Firmen bereit und fähig zu exportieren? Daniel Küng: Es gibt Firmen, die bisher nicht exportiert haben, weil sie vielleicht nicht die Kapazitäten dafür gehabt haben. In den vergangenen Jahren haben sich aber die Märkte globalisiert. Deshalb stand für viele Unternehmen die Frage ganz oben auf der Agenda, in welchen Ländern sie sich engagieren wollen. Aus Kapazitätsgründen konnten sie das vielleicht nur in einem Land tun, aber nicht mehr in einem anderen. Mit dem jetzigen Einbruch können wir ihnen helfen, auch in anderen Märkten tätig zu sein. Steffen Klatt: Wie kann die Osec dabei helfen? Daniel Küng: Wir können helfen, indem wir über andere Märkte informieren oder indem wir Geschäftspartnerschaften für diese Firmen in andern Ländern aufbauen. Ein Beispiel: Wir sind dabei, das Swiss Village in Abu Dhabi mit Rat und Tat zu unterstützen, damit wir mehr Schweizer Firmen dazu bringen können, sich für Masdar City zu interessieren. Wir wollen damit ein Schaufenster für die Schweizer Umweltindustrie schaffen. Das machen wir gerade vor dem Hintergrund des momentanen Exporteinbruchs. Steffen Klatt: Was kann ein Swiss Village irgendwo am Golf der Schweizer Wirtschaft bringen? Daniel Küng: Wenn Schweizer Firmen sich an diesem Swiss Village in Masdar City beteiligen, sind sie bestens positioniert für die anderen Infrastrukturinvestitionen in Masdar und in der Golfregion. Wenn es uns jetzt zum Beispiel gelingt, den Minergiestandard in dieses Swiss Village reinzubringen, dann besteht die Möglichkeit, den Minergiestandard in ganz Masdar City zu verankern. Das heisst zusätzliche Exporte für Schweizer Lieferanten. Das würde zudem zu einem Schaufenster für andere Grossinvestitionen am Golf werden. Das hätte einen Multiplikatoreffekt. Steffen Klatt: Haben Sie den Eindruck, die Schweizer Wirtschaft würde ein solches Projekt mittragen? Daniel Küng: Sie ist bereit, und sie trägt es auch mit. Es gibt in der Umwelttechnologie in der Schweiz eine hohe Innovationskraft, aber fast nur kleine Firmen. Eine kleine Firma hat aber grosse Mühe, sich in einem grösseren Markt zu etablieren. Wenn es uns gelingt, diese kleinen Firmen unter einer gemeinsamen Marke – etwa Swiss Environment Technology oder Swiss Green Tech – zu sammeln und an Ausstellungen zu bringen, dann haben wir das Problem der Fragmentierung gelöst. Die Firmen nehmen das sehr dankbar auf. Ein Unternehmen wie MyClimate, das ebenfalls in Abu Dhabi gewesen ist, kann ein solches Projekt allein gar nicht vorantreiben. Aber irgendjemand muss die Führungsrolle übernehmen. Steffen Klatt: Heisst das, Sie sehen die Umwelttechnologien als einen Zweig mit grossem Exportpotential an? Daniel Küng: Das ist so. Um auf den Anfang zurückzukommen: In diesem Bereich ist ein ungenutztes Exportpotential vorhanden, weil es so fragmentiert ist. Wir können helfen, indem wir das Potential bündeln. Das machen wir auch im Gesundheitsbereich. In vielen Ländern höre ich, dass ein Bedarf an Schweizer Medizinaltechnologien, Spitalmanagement und Gesundheitsdienstleistungen besteht. Die Schweiz ist bekannt für Qualität, viele reiche Leute verbringen ihre Sommer in der Schweiz, kennen die Schweizer Kliniken. Und sie fragen uns, warum wir nicht auch bei ihnen zu Hause anbieten. Wir haben rund 120 Kliniken, die in der Lage wären, ihre Dienstleistungen zu exportieren. Aber jede für sich ist zu klein dafür. Wir haben deshalb einen Verband Swiss Health gegründet. Wir haben Operatoren damit beauftragt, die Schweizer Gesundheitsindustrie im Ausland zu vermarkten. Wir unterstützen das solange, bis der Verein selber fliegen kann. Steffen Klatt: Welche Märkte haben Sie im Blick? Daniel Küng: Auf dem Gesundheitssektor sind das zum Beispiel Russland, die Golfstaaten und Indien. Bei den Umwelttechnologien sind das China, ebenfalls die Golfstaaten und Kanada. Steffen Klatt: Sind Gesundheit und Umwelt die beiden wichtigsten Bereiche, in denen Sie der Schweizer Wirtschaft helfen wollen zu exportieren? Daniel Küng: Das sind für uns momentan die beiden wichtigsten Bereiche, aber nicht die einzigen. Wir versuchen die Kräfte zu bündeln und die Firmen zusammen in diese Märkte zu bringen. Steffen Klatt: Sind diese Firmen finanziell dazu in der Lage? Auch diese Firmen werden von der Krise berührt. Daniel Küng: Diese Firmen sind weniger dazu in der Lage als andere. Aber wenn sie sehen, dass ein starker Partner das vorantreibt, dann machen sie mit. Wenn wir das Projekt in Masdar City unterstützen, dann stellen wir die Finanzierung für zwei, drei Monate sicher und gehen gleichzeitig ein paar Grossfirmen an. Zwei, drei Grosse werden mitmachen, und dann werden sich auch die Kleinen engagieren. Steffen Klatt: Wollen Sie also diese Krise nutzen, um den Marktanteil Schweizer Unternehmen in diesen beiden Bereichen auf dem Weltmarkt zu erhöhen? Daniel Küng: Ganz eindeutig. Das ist unsere Aufgabe. Wenn es dann wieder aufwärts geht, und es uns gelungen ist, in der Krisenzeit die Umwelttechnologien und die Gesundheitsindustrie zu positionieren, dann wird das nachhaltige Auswirkungen auf die Schweizer Exporte auch in guten Zeiten haben. Steffen Klatt: Die grossen Exportbranchen sind die Schweiz sind Chemie und Pharma, Maschinenbau und Uhren. Brauchen diese Branchen Ihre Hilfe nicht, weil sie durch grosse Unternehmen geprägt sind, die ihre Exportmärkte bereits gut entwickelt haben? Daniel Küng: Das ist so. Zur Person: Daniel Küng ist seit Mitte 2004 Chef der Osec, der 1927 gegründeten offiziellen Schweizer Exportförderungsorganisation. Zuvor war Küng Managing Partner von Beratungsunternehmen in Portugal und eines Agrarberatungsunternehmens in Brasilien. Seine berufliche Laufbahn hat der Abgänger der Hochschule St. Gallen bei Mercedes-Benz in Brasilien begonnen. Osec ist seit Anfang 2008 auch für das Standortmarketing der Schweiz zuständig.
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