Auch Erneuerbare haben Grenzen

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 20.02.09
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Basel – Die erneuerbaren Energien sind aus der Nische heraus. Damit können auch sie an die Grenzen der Natur stossen, die zu retten sie einst entwickelt worden sind. Darüber diskutierte der diesjährige „Natur“-Kongress, der unter dem Titel „Die Natur der Energie – die Energie der Natur“ am Rande der Natur-Messe in Basel stattfand. Die gute Nachricht: Wenn Naturschützer und Befürworter erneuerbarer Energien zusammenspannen, dann sind Lösungen möglich.

Die Schweiz kann ihre Stromversorgung vollständig aus erneuerbaren Quellen sicherstellen – und das ohne Atomstrom. Das jedenfalls ist die These von Rudolf Rechsteiner. Der sozialdemokratische Energieexperte und Basler Nationalrat stellte am Donnerstag am „Natur“-Kongress in Basel mehrere Szenarien vor, wie dieses Ziel bis 2030 erreicht werden könnte. Die wichtigste Massnahme wäre die Nutzung geeigneter Dachflächen bestehender Gebäude zur Herstellung von Solarstrom. Daneben sollte sich die Schweiz an europäischen Windparks auf dem Land und dem Meer beteiligen, so wie sie sich jetzt an französischen Kernkraftwerken beteiligt. Hinzu käme heimische Windkraft, die Verstromung von Biomasse und Biogas und die Steigerung der Energieeffizienz. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Rechsteiner nun vorlegt.

Grimsel blockiert, Graubünden funktioniert

Doch wenn die erneuerbaren Energien zu Grossindustrien werden, dann werden auch ihre Nachteile für die Umwelt sichtbar. Am sichtbarsten wird das bei der wichtigsten erneuerbaren Energie der Schweiz – und der einzigen, die hierzulande bereits zu einer Grossindustrie geworden ist -, der Wasserkraft. Am Donnerstag trugen Befürworter und Gegner eines Ausbaus des Grimsel-Wasserkraftwerks erneut ihre Kämpfe aus. Gianni Biasiutti, Chef der Kraftwerke Oberhasli, warf den Gegnern vor, den Ausbau völlig blockiert zu haben. Gallus Cadonau wiederum, Geschäftsführer der Solar Agentur Schweiz, konterte mit dem Vorwurf des versuchten Verfassungsbruchs: Der Ausbau verstosse gegen den Moorschutzartikel der Bundesverfassung. Und so dürfte auf der Grimsel weiterhin nichts gehen, wie seit Jahrzehnten.
Doch es geht auch anders. Darauf wies gerade Cadonau hin. Er habe in Graubünden erreicht, dass ein geplantes Wasserkraftprojekt die zehnfache Kapazität erreiche. Denn grössere Anlagen seien effizienter. Die Initianten des geplanten Werkes im Bündnerland hatten eine Anlage für 100 Megawatt vorgesehen. Er habe dafür argumentiert, auf bis zu 1200 Megawatt hochzugehen. Doch diese Anlage sei anders als der Grimsel-Ausbau innovativ, so Cannonau. Mit dem Strom solle eine Überbauung versorgt werden, die selber Strom produziere. Doch wie immer beim Solarstrom brauchte es einen Regelstrom, der in Zeiten der Sonnenarmut einspringen müsse – und dafür sei die Wasserkraft ideal. „Es geht bei der Wasserkraft nicht mehr um den Ausgleich im Winter, wenn viel Strom gebraucht wird, sondern um den Ausgleich innerhalb von Stunden“, sagte Cadonau. Die Wasserkraft müsse die diskontinuierliche Versorgung mit Strom aus Wind- und Solarkraft ausgleichen.

Dürfen Windräder Landschaft verschandeln?

Doch auch die wichtigste neue erneuerbare Energie, die Windkraft, entzweit Naturschützer. Es brauche Regeln, wo Windräder aufgebaut werden dürfen, sagte Raimund Rodewald, als Geschäftsleiter der Stiftung Landschutzsschutz dienstältester Naturschützer der Schweiz. In dieser Hinsicht sei es ein Vorteil, dass die Schweiz ein Nachzügler sei. Das fördere die Gesprächskultur. „Auch in Deutschland gibt es Kriterien, wo Windanlagen gebaut werden dürfen.“ Ähnlich sieht es Tiana Angelina Moser, Umweltwissenschaftlerin und Nationalrätin der Zürcher Grünliberalen. Man müsse die erneuerbaren Energien überall dort einsetzen, wo dies möglich sei. Aber es gebe auch Schattenseiten. „Die Windenergie etwa beeinträchtigt das Landschaftsbild.“ Man dürfe aber verschiedene Umweltanliegen nicht gegeneinander ausspielen.

Agrotreibstoffe entzweien

Noch heftiger wird über Agrotreibstoffe gestritten. Geri Müller, Aargauer Nationalrat der Grünen, ist da kategorisch: „Agrotreibstoffe sind der falsche Weg.“ Die erste Generation zumindest könne man abhaken. Statt Rohstoffe für Agrotreibstoffe anzubauen, solle man sich die Armut in der Welt bekämpfen. André Hoffmann dagegen will die Agrotreibstoffe nicht völlig abschreiben. „Jetzt muss man sich auf die zweite Generation konzentrieren“, sagt der Vizepräsident des WWF International. Der Vizepräsident des Verwaltungsrates des Basler Pharmariesen Roche sprach dabei als Vertreter des Global Footprint Network. Agrotreibstoffe seien dort möglich, wo die Rohstoffe auf marginalen Flächen angebaut werden könnten und nicht in Konkurrenz zu Nahrungsmitteln träten. Christoph Frei, beim World Economic Forum für Energie zuständig, verwies auch auf Schwächen der Stromautos, die als die bessere Alternative für die fossile Mobilität gälten. So gebe es womöglich nicht genug Lithium für die Batterien, um das Stromauto überall durchzusetzen. Und generell: „Bei der Strommobilität wird derzeit die Umweltbelastung ausgeblendet.“
Doch in einem waren sich alle einig: Energieeffizienz ist eines der wichtigsten Mittel, um eine Energiewende zu erreichen. „Wir müssen zuerst das Paradigma zerstören, dass mehr Energie mehr Wohlstand bedeutet“, sagte der deutsche Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker, bis 2005 SPD-Bundestagsabgeordneter. Das Gegenteil sei richtig: „Hohe Energieeffizienz ist ein Zeichen hoher Entwicklung.“ Das beste Mittel, die Energieeffizienz zu steigern, sei die kontinuierliche Erhöhung der Energiepreise.

Krise als Herausforderung

Der Natur-Kongress, organisiert vom Basler Umweltbüro Ecos Daniel Wieners, hat bereits zum vierten Mal stattgefunden. Diesmal allerdings zum ersten Mal in der Krise. „Es ist eine herausfordernde Zeit“, sagte Claude Martin, ehemaliger Chef von WWF International und neuer Präsident der „Natur“ Die Krise drohe die Entwicklung in die falsche Richtung zu lenken. „Heute wird der Konsum als Lösung für die Wirtschafts- und Finanzkrise gesehen. Das ist ein Fehler.“ Doch auch der Konsum kann nachhaltig sein. Darauf machte Sibyl Anwander als Vertreterin des diesjährigen Hauptsponsors aufmerksam. „Es geht nicht um Verzicht, sondern um nachhaltigen Lebensstil“, sagte die Leiterin Wirtschaftspolitik und Nachhaltigkeit des Einzelhandelsriesen Coop.

 

Bild: Mobilität der Zukunft? Stomauto Think der Kraftwerke Oberhasli an der Natur-Messe in Basel (Steffen Klatt)

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