Zürich – Die Schweizer Armee will 2014 den Flugbetrieb auf ihrem Flugplatz Dübendorf einstellen. Das böte die Gelegenheit, in unmittelbarer Nähe zu Zürich ein Zentrum der Nachhaltigkeit mit globaler Ausrichtung zu errichten, sagen die Vertreter der „Swiss Sustainability Initiative“. Am Donnerstag stellten sie am Rande des Jahrestreffens der Alliance for Global Sustainability ihre Ideen vor.
Bastien Girod ist von der Idee überzeugt. „Die Schweiz braucht ein neues wirtschaftliches Zugpferd“, sagt der grüne Nationalrat aus Zürich. Die Schweiz sollte dem Vorbild Masdars bei Abu Dhabi folgen und eine Ökostadt errichten. „Wir sollten dazu den Mut aufbringen“, sagte der 28-Jährige bei einer Podiumsdiskussion der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich am Donnerstag. Gegenstand der Diskussion, die am Rande des Jahrestreffens der Alliance for Global Sustainability stattfand, war die Idee einer Ökostadt auf dem heutigen Militärflugplatz Dübendorf. Vorbild Masdar Hinter dieser Idee steht die Wirtschaftsinitiative Nachhaltigkeit Schweiz (Swiss Sustainability Initiative, SSI), die gemeinsam vom WWF Schweiz und der Foundation for Global Sustainability (FFGS) gegründet worden ist. Die FFGS ist auch Herausgeberin des Portals www.nachhaltigkeit.org. Die SSI schlägt vor, auf dem heutigen Militärflugplatz Dübendorf ein Zentrum der Nachhaltigkeit mit globaler Ausstrahlung einzurichten. Im Zentrum ständen Umwelttechnologien und erneuerbare Energien. Schweizer und internationale Unternehmen und Hochschulen sollten hier forschen und entwickeln können. Zudem sollten hier auch bestimmte Produktionen stattfinden. Dübendorf könnte damit dem Beispiel der Ökostadt Masdars bei Abu Dhabi folgen. Allerdings soll Dübendorf keine Kopie Masdars werden. Das verhindert bereits die Grösse: Während Masdar 6,5 Quadratkilometer zur Verfügung stehen, umfasst der Militärflugplatz 265 Hektaren. Wie in Masdar soll das neue Gelände autofrei sein, die benötigte Energie selbst erzeugen und keinen Abfall hinterlassen. Wohnen und Arbeiten soll hier gemischt sein, wie Diego Salmeron von der Planungsfirma LEP Consultants sagte, einem Spin-off der ETH Zürich. Schweiz soll Führung übernehmen Abu Dhabi macht vor, wie das geht. Das ölreiche Emirat baut derzeit mit Masdar eine Ökostadt für 22 Millarden Dollar, von denen es 15 Milliarden selbst aufbringt. Es hat sich dafür die Unterstützung zahlreicher global tätiger Unternehmen sichern können. Gemeinsam mit dem Massachusetts Institute of Technology betreibt Masdar eine eigene Technische Universität, in der bereits im Herbst die ersten Nachdiplomstudenten das Studium aufnehmen werden. Das Emirat beabsichtigt, dank Masdar eine führende Rolle auch in den erneuerbaren Energien der Zukunft zu spielen. Universitäten für Nachhaltigkeit
Die Alliance for Global Sustainability ist ein Zusammenschluss der ETH Zürich, des Massachusetts Institute of Technology, der Universität Tokio und der Chalmers Universität Göteborg. Ziel ist die Erarbeitung wissenschaftlicher Grundlagen für eine nachhaltige Entwicklung, die Einflussnahme auf Entscheidungen in Politik und Wirtschaft sowie die Vorbereitung einer neuen Generation von Verantwortungsträgern. Die vier Universitäten arbeiten in der Forschung zusammen, geben seit 2001 eine Serie von Büchern zum Thema heraus und fördern die Zusammenarbeit der Studenten in diesem Bereich. Das sollte auch in der Schweiz möglich sein, sagt Nick Beglinger, Präsident der SSI. Beglinger ist Managing Partner des Zürcher Planungsunternehmens Maxmakers, das als erste ausländische Firma die Entwicklung Masdars begleitet hat. „2009 wird zum Jahr der Nachhaltigkeit“, sagt Beglinger und verweist auf das Klimaabkommen, das Ende des Jahres in Kopenhagen vereinbart werden soll. „Die Schweiz kann dabei die Führung übernehmen.“ Sie habe in vielen Bereichen der Nachhaltigkeit noch immer eine Spitzenstellung und verfüge auch über das nötige Geld. Chance im Wettbewerb Die Reaktionen auf die Idee einer Ökostadt in Dübendorf sind gemischt, wie die Podiumsdiskussion an der ETH Zürich gezeigt hat. „Wir müssen die Lehren aus Masdar ziehen“, sagt Thomas Vellacott, Mitglied der Geschäftsleitung des WWF Schweiz. „Abu Dhabi zeigt Mut. Die Schweiz könnte das auch.“ Ähnlich klingt es bei Kathy Riklin, Zürcher CVP-Nationalrätin und wie Bastien Girod Mitglied des Beirats der SSI. „Dübendorf ist eine grosse Chance, wir sollten sie nutzen.“ So sieht das auch Jürg Steinmann von Oerlikon Solar. „Masdar ist beeindruckend. Das sollte auf die Verhältnisse der Schweiz übersetzt werden.“ Dübendorf und der Raum Zürich brächten alles mit, was es für Investitionsentscheidungen der Wirtschaft braucht: gut an die Welt angeschlossen, viele Talente, genug Kapital und gute gesetzliche Rahmenbedingungen. Mit der Ökostadt als ein Zentrum der erneuerbaren Energien könne sich die Schweiz gut im internationalen Wettbewerb positionieren. Footprint zieht es nach Zürich
Das Global Footprint Network (GFN) wird in Zürich ein Büro einrichten. Das teilte der Exekutivdirektor der Organisation, Mathis Wackernagel, während der Veranstaltung an der ETH mit. Das GFN wird sich die Büros mit der Foundation for Global Sustainability teilen. Vertreter der GFN in der Schweiz ist bereits bisher Martin Kärcher. Der Architekt und Spezialist für Entwicklungsfragen war vor seiner Tätigkeit für GFN unter anderem Partner der Architekturgenossenschaft Bauplan in Zürich. Das GFN wurde 2003 gegründet mit dem Ziel, eine nachhaltige Entwicklung für alle zu ermöglichen. Es verwendet das von Wackernagel entwickelte Konzept des ökologischen Fussabdrucks, mit dem der Verbrauch der natürlichen Ressourcen gemessen wird. Das GFN hat seinen Sitz im kalifornischen Oakland und ein Büro in Brüssel. Anders Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Bereits Masdar nutze wenig, da der Golfstaat sich trotz der Ökostadt auf nichtnachhaltige Weise weiterentwickle. In Dübendorf sollten der bestehende Gebäudebestand saniert statt neue Gebäude auf die grüne Wiese gestellt werden. Skeptisch ist auch Daniel Wachter, Sektionschef Nachhaltige Entwicklung im Bundesamt für Raumentwicklung. „Die Schweiz ist im wesentlichen gebaut. Das grosse Problem ist die Sanierung der Gebäude.“ Zur Idee einer Ökostadt in Dübendorf habe er noch wenig gehört über die soziale Dimension und die Integration der neuen Stadt in die Region. Kanton erarbeitet Nutzungsplan Die Armee will die Flüge bis 2014 fortführen. Ausser ihr sind unter anderm auch die Rega, Skyguide und Bertrand Piccard auf dem Flugplatz präsent. Die Stadt Dübendorf hat sich bereits 2002 dafür ausgesprochen, dass künftig nur ein Drittel des Geländes bebaut werden sollten. Der Flugplatz liegt allerdings nur zur knappen Hälfte auf Dübendorfer Gebiet. Wangen-Brüttisellen und Volketswil teilen sich die andere Hälfte. Derzeit arbeitet der Kanton Zürich einem Nutzungsplan für die Zeit nach dem Abzug der Armee. Ausser der SSI bemüht sich auch der Verein Machbarkeit Stiftung Forschung Schweiz um den Zürcher Nationalrat und FDP-Vizepräsidenten Ruedi Noser um das Gelände. Sie will in Dübendorf ein Forschungszentrum errichten, allerdings ohne die Konzentration auf Nachhaltigkeit. In der engen Schweiz ergibt sich eben nur selten die Chance, dass für ein so grosses und gut erschlossenes Gelände in Bundesbesitz eine neue Nutzung gesucht werden muss.
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