In der Krise müssen sich viele Unternehmen auf kurzfristige Themen konzentrieren, um ihr Überleben zu sichern. Nachhaltigkeit bleibt aber ein strategisches Thema, sagt Björn Stigson, Präsident des Weltwirtschaftrats für Nachhaltige Entwicklung (WBCSD). In diesem Jahr steht der Abschluss eines Nachfolgeabkommens für das Kyoto-Protokoll am Kopenhagener Weltklimagipfels Ende des Jahres ganz oben auf der Tagesordnung der Organisation mit Sitz in Genf.
Steffen Klatt: Der Weltwirtschaftsrat für nachhaltige Entwicklung besteht seit fast zwei Jahrzehnten. Wie hat sich die Welt und vor allem die Geschäftswelt seither verändert? Björn Stigson: Wir haben vor der Konferenz von Rio begonnen. Das war eine Konferenz über die Umwelt und über Entwicklung, aber es war noch keine Konferenz über nachhaltige Entwicklung. Der dritte Pfeiler der Nachhaltigkeit, die soziale Komponente, kam erst Ende der 90er Jahre hinzu, also vor zehn Jahren. Erst 2002 am Weltgipfel in Johannesburg wurde die nachhaltige Entwicklung ein echtes Thema. Die drei Elemente (Umweltschutz, Wirtschaft und Soziales, die red.) wurden dann mehr und mehr integriert. Es ist interessant zu sehen, dass 1992 in Rio zwei internationale Konventionen vereinbart wurden, diejenige über die Biodiversität und diejenige über das Klima. Beide spielen noch heute eine wichtige Rolle. Steffen Klatt: Der WBCSD ist eine Organisation von Chefs von Unternehmen. Wie hat sich die Haltung der Unternehmen während dieses Zeitraums verändert? Björn Stigson: Zu Beginn ist Nachhaltigkeit klar ein Minderheitenthema unter Unternehmern gewesen. Bei uns haben zu Beginn etwa 50 Chefs von Unternehmen mitgemacht. Viele von ihnen mussten erst überzeugt werden, dass dies etwas war, das sie selbst betraf. Es war sehr schwer, Vertreter des Finanzsektors zu gewinnen. Die Wirtschaft konzentrierte sich auf den Umweltaspekt der Nachhaltigkeit. WBCSD Der Weltwirtschaftsrat für Nachhaltige Entwicklung (WBCSD) ist ein Zusammenschluss der Chefs von 200 Unternehmen in über 35 Ländern. Er geht zurück auf eine Initiative des Schweizer Unternehmers Stephan Schmidheiny, der am Vorabend des Gipfels von Rio 1992 auch die Stimme der Wirtschaft in die Verhandlungen einbringen wollte. 1995 vereinigte sich seine Organisation mit dem Weltindustrierat für Umwelt zum WBCSD mit Sitz in Genf. Schwerpunkte der Arbeit sind Energie und Klima, Entwicklung, die Rolle der Wirtschaft und Ökosysteme. Heute ist die Situation völlig verschieden. Die Leute sehen jetzt, dass die drei Aspekte der Nachhaltigkeit strategische Themen sind. Dabei geht es sehr stark, aber nicht nur um Vertrauen und den eigenen Ruf. Heute müssen wir nicht mehr so viel Zeit damit verbringen, das Bewusstsein zu wecken. Heute geht es um Lösungen. Steffen Klatt: Ändert die Krise daran etwas? Viele Chefs von Unternehmen müssen sich darauf konzentrieren, das Überleben ihrer Firmen zu sichern. Björn Stigson: Es ist wahr, dass es derzeit für Unternehmenschefs Themen gibt, die wichtiger sind als nachhaltige Entwicklung. Viele Unternehmen entlassen Tausende von Mitarbeiter, die Unternehmen müssen den Zufluss von flüssigen Mitteln sichern und dergleichen. Aber die Nachhaltigkeit ist nun derart in stark in die Wirtschaft eingeflossen, dass sie nicht mehr verschwinden wird. Das ist aber normal. Es gibt für Unternehmen immer wieder andere Schwerpunkte. Nachhaltigkeit war kein vorübergehendes Thema. Es wird bleiben. Steffen Klatt: Pausiert die Nachhaltigkeit, bevor es wieder an nach oben auf der Tagesordnung rutscht? Björn Stigson: Ich würde es nicht eine Pause nennen. Unternehmen, die in Schwierigkeiten sind, konzentrieren sich jetzt auf sehr kurzfristige Themen. Aber viele Dinge, die sie beschäftigen, haben mit Nachhaltigkeit zu tun. Sie müssen sich unter anderem auf Effizienz etwa des Energieverbrauchs konzentrieren. Wenn Kohlendioxid einen Preis hat, dann müssen Unternehmen sich um Technologien bemühen, die einen niedrigen Ausstoss von Kohlendioxid haben. Das hilft dem Unternehmen, das nützt aber auch der Nachhaltigkeit. Steffen Klatt: Ist die gegenwärtige Krise auch die Folge eines Mangels an Nachhaltigkeit? Björn Stigson: Der Finanzsektor ist in Sachen Nachhaltigkeit ein Nachzügler gewesen. Das heisst nicht, dass es keine Unternehmen in diesem Sektor gäbe, die sich engagiert haben. Aber das Verständnis für Nachhaltigkeit ist in diesem Sektor begrenzt gewesen. Das hat zum Problem beigetragen. Denn es wurde nicht über die allgemeineren Risiken und die langfristigen Folgen des eigenen Tuns nachgedacht. Wenn Nachhaltigkeit ein grösseres Thema in diesem Sektor gewesen wäre, dann hätte es auch zu seiner reellen Entwicklung beigetragen. Steffen Klatt: Könnte diese Krise der Ausgangspunkt eines Wandels hin zu mehr Nachhaltigkeit sein? Björn Stigson: Die Krise bedeutet für den Finanzsektor, dass er über seine Rolle für die Gesellschaft nachdenken muss. Der WBCSD hat vier Schwerpunktbereiche: Energiekrise, Entwicklung und Armutsbekämpfung, Ökosysteme sowie die Rolle der Wirtschaft. Bei diesem vierten Punkt geht es um die Rolle in der Gesellschaft. Vertrauen, Reputation, Regulierung durch den Staat – das sind Themen, mit denen sich die Finanzindustrie auseinandersetzen muss. Ich habe das Gefühl, dass es in Zukunft mehr Regulierung geben wird, und mehr Diskussionen darüber, wer Banken besitzen sollte. Steffen Klatt: Welches werden Ihre Schwerpunkte in der nächsten Zeit sein? Björn Stigson: 2009 werden wir uns auf den Klimawandel konzentrieren. Ende des Jahres soll in Kopenhagen eine Einigung auf ein neues Klimaabkommen gefunden werden. Wir wollen sicherstellen, dass der Standpunkt der Wirtschaft gehört wird – etwas, das auch die Regierungen wollen. Den Regierungen ist heute klar – anders als früher -, dass sie das Problem nicht allein lösen können. Regierungen und die Wirtschaft müssen zusammenarbeiten, um eine Lösung zu finden. Sonst wird es nicht funktionieren. Worauf auch immer sich die Regierungen einigen – es muss aus der Sicht der Wirtschaft sinnvoll sein. Das setzt auch uns unter Druck. Wir müssen Empfehlungen erarbeiten, mit denen die Regierungen arbeiten können. Steffen Klatt: Wird es Ende des Jahres ein neues Klimaabkommen geben? Björn Stigson: Es wird eine Einigung geben. Die Frage ist nur, wie detailliert sie sein wird. In diesem Jahr werden die Regierungen in vielen wichtigen Ländern neu gewählt, jetzt Barack Obama, dann Mitte des Jahres eine neue EU-Kommission, es gibt Wahlen in Deutschland, in Indien, in Japan. In vielen wichtigen Ländern werden neue Leute die Verantwortung übernehmen. Steffen Klatt: Bedeutet das mehr Unsicherheit? Björn Stigson: Damit diese Regierungen in der Lage sind, in Kopenhagen zu einer Einigung zu kommen, braucht es eine gute Vorbereitung. Die Frage, welches Land in Zukunft wie viel zur Bekämpfung des Klimawandels tun muss, ist der grösste Stolperstein in diesen Verhandlungen. Und wenn die Regierungen jener wichtigen Länder nicht genug Zeit gehabt haben sich vorzubereiten, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass es mehr als eine prinzipielle Einigung in Kopenhagen gibt. Irgendeine Einigung gibt es auf jeden Fall. Die Regierungen werden Kopenhagen nicht verlassen, wenn sie einen Misserfolg eingestehen müssen. Steffen Klatt: Welche Rolle spielen Sie auf dem Weg zu einer Einigung? Björn Stigson: Wir sind die führende Stimme der globalen Wirtschaft in diesem Prozess. Wir koordinieren unsere Tätigkeit mit der Internationalen Handelskammer. Wir haben in Posen (am Weltklimagipfel im Dezember, die red.) einen Tag der Wirtschaft organisiert, an denen eine Gruppe von Wirtschaftsführern eine kohärente Sicht der Wirtschaft dargelegt hat. Wir engagieren uns auch als Einzelpersonen. Ich bin seit neun Jahren als Berater der chinesischen Regierung tätig. In diesem Rahmen bin ich jetzt Ko-Vorsitzender einer Arbeitsgruppe mit dem Titel „Weg zu einer kohlendioxidarmen Wirtschaft“. Die Arbeitsgruppe ist direkt der chinesischen Regierung unterstellt. Ich bin Mitglied einer Kommission, die vom US-Kongress eingesetzt worden ist. Von den 22 Mitgliedern bin ich der einzige Nicht-Amerikaner. Ich leite eine Untersuchung der deutschen Politik der nachhaltigen Entwicklung. Wir sind also sowohl als Organisation als auch als Einzelpersonen tätig. Zur Person: Der Schwede Björn Stigson ist seit 1995 Präsident des Weltwirtschaftrates für Nachhaltige Entwicklung (World Business Council for Sustainable Development, WBCSD), einem Zusammenschluss von mehr als 200 Unternehmen in 35 Ländern. Vorher war er selbständiger Unternehmensberater, Vizepräsident der Schweizerisch-schwedischen ABB und Chef der schwedischen Fläkt-Gruppe gewesen. Das Interview wurde während des World Future Energy Summit im Januar in Abu Dhabi geführt.
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