Grüne Stadt in der Wüste

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 03.10.08
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Energiesparende Gebäude sind heute zumindest bei Neubauten Alltag geworden. Doch die wirklich grossen Einsparungen werden erzielt, wenn ganze Städte auf niedrigen Ressourcenverbrauch ausgerichtet werden. In Masdar bei Abu Dhabi entsteht eine solche grüne Stadt.

Lord Foster baut die Zukunft. Diesmal errichtet der britische Spitzenarchitekt kein Hochhaus wie die Gurke der Swiss Re in London und keinen Parlamentssitz wie den Reichstag in Berlin. Er baut eine Stadt, die ihren Energieverbrauch selber deckt, keinen Abfall produziert und kein Treibhausgas Kohlendioxid ausstösst. Bis zu 50000 Einwohner sollen hier ab 2015 leben, weitere 40000 täglich zu Arbeit hereinpendeln. Der Verkehr innerhalb der Stadt wird durch eine U-Bahn und durch Elektromobile getragen. Autos bleiben draussen. Diese Zukunft des Städtebaus hat bereits begonnen: Am 9. Februar war bei Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, der erste Spatenstich für Masdar, wie die Stadt einst heissen soll.

Musterstadt mit globalem Anspruch

Aus der Sicht Lord Fosters sind die grössten ökologischen Gewinne dort möglich, wo sie am wenigsten kosten: bei der Planung der Stadt und bei der Gestaltung der Gebäude. Über die Hälfte der der Einsparungen beim Ausstoss von Kohlendioxid seien hier zu holen, erläuterte er bei der Vorstellung des Planes für Masdar in Abu Dhabi im Januar. „Die Form spart Energie.“ Dabei greift Foster auf die Erfahrungen alter arabischer Städte zurück: enge Gassen, die im Schatten der angrenzenden Gebäude liegen, aber gleichzeitig die Zugluft durchlassen. Bäume und Sträucher senken die Temperatur nochmals. Masdar wird durch die enge Bebauung sehr klein: Gerade mal 2,8 Quadratkilometer beansprucht die bebaute Fläche. Gleichzeitig spendet die Sonne den Grossteil der Energie: Fast vier Fünftel der Energie stammt aus der Sonnenkraft, der Rest aus der Abwärme, der Abfallverbrennung und der Windkraft. Das wenige, was dennoch an Kohlendioxid ausgestossen wird, wird eingefangen und zur Ölförderung genutzt.

Das Emirat Abu Dhabi investiert 15 Milliarden Dollar. Private Geldgeber sollen weitere 7 Milliarden Dollar aufbringen. Der Anspruch ist klar: Masdar soll nicht nur eine grüne Musterstadt für die Anwendung „sauberer“ Technologien sein, sondern selbst ein globales Zentrum der Entwicklung von Nachhaltigkeit werden. Kern der Stadt ist eine Technologieuniversität, die bereits im September 2009 öffnen soll. Wichtigster Partner ist das MIT in Boston. Um die Universität herum sollen sich Unternehmen aus aller Welt ansiedeln, mit Forschungs- wie mit Produktionseinrichtungen. Wichtigster Partner bei der Finanzierung ist die Credit Suisse.

Betonierte Verschwendung

Wenige Kilometer entfernt ist freilich das Gegenteil von Masdar zu sehen: die gebaute Energieverschwendung. Darauf weist Christopher Choa hin. Der Architekt und Städteplaner, der an Städtebauprojekten in aller Welt gearbeitet hat und Partner in der international tätigen Planungs- und Beratungsfirma EDAW ist, macht auf das Strassenmuster Abu Dhabis aufmerksam. Dieses beruht auf Abständen von mehreren hundert Metern zwischen den Kreuzungen und Schnellstrassen mit mehrspurigen Fahrbahnen. Damit haben Fussgänger kaum noch eine Chance. Der öffentliche Verkehr steckt in den Kinderschuhen. Die Bewohner der Stadt sind auf das Auto angewiesen. Selbst wer nur auf die andere Strassenseite wechseln will, muss bis zu einem Kilometer fahren. Darüber hinaus verstärken die Häuserschluchten die Hitze zusätzlich. Die Bewohner lassen daher die Kühlung laufen. Die Emirate sind das Land mit dem grössten Pro-Kopf-Verbrauch an Energie, noch vor den USA.

Vorbild Manhattan

Dabei müssen Modernität und Nachhaltigkeit einander nicht ausschliessen. Choa verweist auf die aus seiner Sicht grünste Stadt der Welt: Manhattan. Hier sind die Abstände zwischen den Kreuzungen 60 Meter kurz, die Strassen eng – schlecht für den Autoverkehr, ideal für Fussgänger. Der öffentliche Verkehr ist bestens ausgebaut. „Alles, was der New Yorker braucht, kann er innerhalb von fünf Minuten zu Fuss und 15 Minuten mit einem öffentlichen Verkehrsmittel erreichen“, sagt Choa: Büros, Läden, Parks, öffentliche Räume und Freizeitmöglichkeiten. Die dichte Bebauung erlaube einen schonenden Umgang mit den Ressourcen. Entsprechend niedrig ist der Ölverbrauch: 3,0 Tonnen pro Einwohner. Selbst Japan, das energieeffizienteste der grossen Industrieländer, braucht 4,2 Tonnen.

Doch auch die europäische Stadt mit ihrer Ausrichtung auf das Zentrum bringe gute Voraussetzungen für die Nachhaltigkeit mit, sagt Choa. „Ideal wäre es, zur traditionellen Stadt zurückzukehren.“ Dazu müsste der Individualverkehr erschwert und Arbeiten und Wohnen wieder zusammengeführt werden. „Das ist schwer zu verwirklichen.“

Die Schwierigkeit liegt dabei nicht bei den Technologien – sie sind vorhanden. Es braucht auch nicht den Sonnenreichtum der arabischen Wüste. „Die Prinzipien von Masdar können in andere Regionen und Klimazonen übersetzt werden“, sagt Lord Foster. Doch dazu braucht es den politischen Willen.

Von Steffen Klatt, Abu Dhabi

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