Erneut ist in Moskau eine Demonstration von Homosexuellen gewaltsam aufgelöst worden. Den Vorwand dafür boten gewaltsame Angriffe von Schwulengegnern auf Demonstranten. In der russischen Gesellschaft ist die Toleranz für Schwule und Lesben weiter gering und es scheint, als würde die Tradition der Schwulenfeindlichkeit vom Staat aufrecht erhalten.
Die Hoffnung der russischen Homosexuellen auf eine Lockerung der behördlichen Haltung nach dem Rücktritt des Moskauer Oberbürgermeisters Juri Luschkow ist nicht aufgegangen. Sein Nachfolger Sergej Sobjanin wies den Antrag der russischen Gemeinschaft der Schwulen und Lesben auf die Durchführung einer Gay-Parade mit der Begründung zurück, dies liefe der vorherrschenden Stimmung in der Gesellschaft zuwider. Es sei auch nicht abzusehen, dass sich die Situation einmal ändern werde. Sonderpolizei eingesetztTrotzdem gingen „sexuelle Minderheiten“ am vergangenen Samstag auf die Straße. Den ersten Anlauf unternahmen sie vor der Ewigen Flamme an der Kremlmauer. Dort wurden sie von bärtigen „christlich-orthodoxen Aktivisten“, Skinheads und Nazis verschiedener Couleur empfangen. Es kam zu Handgreiflichkeiten. Dann griff die Sonderpolizei OMON „schlichtend“ ein. Gewaltsames Vorgehen gegen friedliche Demonstrationen ist von der Verfassung verboten. Die Schlägereien zwischen den Schwulen und ihren Gegnern lieferten den willkommenen Vorwand. Nach offiziellen Angaben wurde scheinbar die Parität gewahrt. 18 Demonstranten und 16 Russisch-Orthodoxe wurden vorübergehend festgenommen. Augenzeugenberichten zufolge richtete sich die Polizeigewalt aber vor allem gegen Schwule und Lesben. Ein Foto zeigt, wie junge Mädchen einen kräftigen Burschen mit dem Plakat „Töte einen Pidor“ aus ihrer Mitte zu vertreiben suchten. „Pidor“ ist ein verbreitetes Schimpfwort im Russischen. Zwei von ihnen, die T-Shirts mit der Aufschrift „Ich liebe sie“ trugen, wurden abgeführt. Auch Sympathien der Zuschauer waren unverkennbar auf der Seite der Schwulengegner. Alte Mütterchen und junge Leute wetterten gegen „Sodomie“. Auch der Versuch eines weiteren Schwulenauftritts vor dem Bürgermeisteramt wurde niedergeworfen. Zum Teil wurden dabei auch Journalisten verprügelt. Eine Korrespondentin der liberalen „Nowaja Gaseta“, die die Demonstranten öffentlich unterstützt hatte, musste mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Journalisten und Ausländer misshandeltMehrere Ausländer wurden misshandelt und festgenommen. Der amerikanische Schwulenaktivist Dan Choi wandte sich an die US-Außenministerin Hillary Clinton mit der Forderung, „das schändliche Vorgehen der russischen Behörden gegen sexuelle Minderheiten bei der Gay-Pride-Aktion am 28. Mai zu verurteilen“. Menschenrechtler sprachen sich klar für die Teilnehmer der Gay-Parade aus. „Es war eine weitere Verletzung des Rechts auf friedliche Demonstrationen“, erklärte die 82jährige Vorsitzende der Moskauer Helsinki-Gruppe Ludmila Alexejewa. Es sei eine friedliche Aktion gewesen, bis Schläger deren Teilnehmer angegriffen hätten. In demokratischen Ländern würden die Rechte der Minderheiten respektiert, so Alexejewa. Russland respektiere weder die Rechte der Minderheiten, noch die der Mehrheit. „Bei uns haben nur die Machthaber alle Rechte“, sagte die Menschenrechtlerin. Tradition der SchwulenfeindlichkeitBereits in der Sowjetunion wurde die männliche Homosexualität strafrechtlich verfolgt. Der entsprechende Paragraph des Strafgesetzbuches wurde in Russland.1993 abgeschafft. Der Hass auf Schwule ist tief in der russischen Geschichte verwurzelt. Der Generalsekretär der KPdSU Nikita Chruschtschow hatte die Entstalinisierung eingeleitet. Bei einem Besuch in der ersten Ausstellung der informellen Kunst in Moskau beschimpfte er deren Teilnehmer aber als „Abstraktionisten und Pederasten“. In russischen Straflagern werden unliebsame Gefangene auf Geheiß der Mafiapaten vergewaltigt. Danach gelten sie als „unrein“ und sogar „unberührbar“. Nach ungeschriebenen Gesetzen der Unterwelt verdienen solche Menschen künftig nur die allgemeine Verachtung. Vor diesem Hintergrund bleibt die Hoffnung auf eine Änderung der Stimmung in der Gesellschaft eine Illusion.
|