Der Atomausstieg bietet Chancen für die Wirtschaft, sagt Nick Beglinger, Präsident von swisscelantech. Der Verband der nachhaltig orientierten Unternehmen ist zuversichtlich, den Beschluss des Bundesrates im Parlament verteidigen zu können – trotz der millionenschweren Kampagne von Economiesuisse.
Steffen Klatt: Der Bundesrat hat sich klar für einen Atomausstieg entschieden. Überrascht Sie das? Nick Beglinger: Nein, das überrascht mich nicht. Ich habe seit Fukushima gesehen, dass sich die Regierung immer mehr auf Cleantech fokussiert. Die jetzige Strategie ist die Konseequenz daraus. Steffen Klatt:Die Entscheidung muss vor das Parlament. Glauben Sie, dass sie dort Bestand haben wird? Verwandte Themen| { Schweiz kehrt Atomkraft den Rücken, 26.05.11 } | | { Weichen für Cleantechzeitalter, 25.05.11 } | | { Atomausstieg braucht Sonne, 25.05.11 } | | { Erneuerbare Schweiz bis 2030, 04.05.11 } | | { MenschenStrom gegen Atom, 30.04.11 } | | { Atomkonzerne unter Druck, 21.04.11 } | | { Basel setzt auf erneuerbar, 24.03.11 } | | { Schnell Richtung Erneuerbare, 18.03.11 } | | { Gegen Atomkraft, gegen Europa, 28.02.11 } | | { Energieautarke Alpen, 24.11.10 } | | { Schaffst du´s ohne Vater Staat?, 15.11.10 } | | { Schweiz hat Atommüllproblem, 04.11.10 } | | { Grüne Pioniere gesucht, 29.09.10 } | | { Erneuerbare stärker fördern, 07.06.10 } | | { Klimawünsche ans Parlament, 27.05.10 } |
Nick Beglinger: Ja, das glaube ich. Wir haben in der Debatte gesehen, dass linke und bürgerliche Parlamentarier verstehen, welche Notwendigkeiten hinter dieser Energiestrategie stehen und welche Chancen sich mit Cleantech bieten. Denn es geht nicht nur um einen Atomausstieg, sondern auch um einen Einstieg in eine Cleantechstrategie.
Steffen Klatt:Mit economiesuisse sieht das der grösste Wirtschaftsdachverband nicht so und hat eine millionenschwere Kampagne gegen den Atomausstieg gestartet. Wird sie im Parlament Wirkung zeigen? Nick Beglinger: Economiesuisse ist in der Tat der grösste Dachverband der Wirtschaft. In Sachen Klima und Energie zeigt sich aber klar, dass economiesuisse die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. Es kann natürlich sein, dass ihre teure Kampagne zeigt. Die Argumente sind aber so klar auf unserer Seite, dass wir ruhig in die Parlamentsdebatte gehen können. Immer mehr Firmen verstehen, dass wir für Cleantech stehen. Steffen Klatt:Bundesrätin Leuthard hat darauf hingewiesen, dass der Anteil der neuen erneuerbaren Energien an der Stromproduktion heute bei unter 1 Prozent liegt. Und doch ruht auf ihnen die Hoffnung der Ausstiegsbefürworter. Wie kann ihr Anteil deutlich erhöht werden? Nick Beglinger: Erstens muss die Energieeffizienz erhöht werden, sowohl beim Verbrauch wie bei der Verteilung. Zweitens ist es absolut möglich, die neuen erneuerbaren Energien deutlich auszubauen. Es muss aber drittens auch in Netze investiert werden, auch in intelligente Netze. Damit kann der Verbrauch besser über den Tag verteilt werden. Viertens muss der Strompreis steigen. Der Markt erhält damit das Signal, die richtigen Technologien zur Verfügung zu stehen. Steffen Klatt:Belastet ein steigender Energiepreis nicht die Wirtschaft, die Sie vertreten? Nick Beglinger: Kurzfristig ist das eine Belastung für gewisse Bereiche der Industrie. Den energieintensiven Branchen können Ausnahmeregelungen angeboten werden. Wir sprechen da aber über einen kleinen Teil der Schweizer Wirtschaft, der 10 Prozent der Energie verbraucht, aber nur 3 Prozent der Arbeitsplätze stellt. Für den grössten Teil der Wirtschaft liegen die Stromkosten im tiefen einstelligen Prozentbereich. Für ihn ist ein höherer Strompreis verkraftbar. Mittelfristig und langfristig wird die ganze Wirtschaft von einer höheren Energiequalität profitieren. Steffen Klatt:Was heisst das? Nick Beglinger: Das heisst ein Vollkostenpreis ohne Subventionen, ohne Atomrisiko und mit geringer CO2-Belastung. Das kann auch ein Marketingargument für den Export Schweizer Produkte sein. Steffen Klatt:Braucht es Subventionen zur Förderung erneuerbarer Energien? Nick Beglinger: Ja, es braucht gewisse Subventionen. Die Forschung muss unterstützt werden, Pilotprojekte ebenfalls. Aber praktisch jede neue Technologie, die relevant für die Infrastruktur ist, wird oder wurde gefördert. Das gilt auch für die Atomenergie, die in ihrer Anfangszeit massiv subventioniert worden ist. Steffen Klatt:Soll der Deckel für die kostendeckende Einspeisevergütung für die Photovoltaik beseitigt werden? Nick Beglinger: Unser Modell sieht vor, dass dieser Deckel faktisch beseitigt werden soll. Das braucht aber noch genauere Berechnungen. Wir werden unser Cleantech-Energiemodell am 6. Juni präsentieren. Steffen Klatt:Braucht die Schweiz Gaskombikraftwerke? Nick Beglinger: Nein, die Schweiz braucht keine Gaskombikraftwerke. Wir sind erfreut, dass der Bundesrat das ähnlich sieht. Das Gas wird in Wärmekraftkopplungsanlagen gebraucht, wo Strom neben der Produktion von Wärme erzeugt wird. Steffen Klatt:Der Atomausstieg gefährdet also nicht Ihr Klimaziel, den CO2-Ausstoss in der Schweiz bis 2020 um 20 Prozent zu senken? Nick Beglinger: Das ist so. Es wäre widersinnig, die Risiken bei der Kernkraft zu senken und gleichzeitig die Risiken beim Klima zu erhöhen. Steffen Klatt:Bundesrätin Leuthard kann sich vorstellen, dass die bestehenden Kernkraftwerke bis in die 30er Jahre betrieben werden. Ist sie zu wenig ehrgeizig? Nick Beglinger: Nein. Es wäre falsch, die Kernkraftwerke von heute auf morgen zu schliessen. Unsere Berechnungen haben die gleichen Jahre ergeben wie die Berechnungen des Bundesrates. Die Sicherheit hat dabei die oberste Priorität. Dafür sollten wir die europäischen Sicherheitstests abzuwarten. Steffen Klatt:Die Schweiz ist lange Vorreiterin bei den erneuerbaren Energien gewesen. Diesen Vorsprung hat sie verloren. Kann sie ihn jetzt wieder aufholen? Nick Beglinger: Für Cleantech ist es jetzt ein historischer Moment. Gerade bei der Energie müssen wir jetzt einen entscheidenden Schritt vorankommen. Die Schweiz hat bei den erneuerbaren Energien Terrain verloren, das stimmt. In anderen Bereichen von Cleantech wie der Ressourceneffizienz, bei der Mobilität und vielen anderen ist sie aber immer noch weltweit Spitze. Jetzt hat sie wieder die Chance, bei den erneuerbaren Energien aufzuholen. Zur Person: Nick Beglinger, Jahrgang 1969, ist Gründer und Präsident von swisscleantech. Der 2009 gegründete Verband nachhaltig orientierter Unternehmen setzt sich für einen ökonomisch und sozialen Umbau der Schweizer Wirtschaft ein. Ihm gehören bereits mehr als 200 Unternehmen an, darunter auch Energieversorger wie die Zürcher EKZ und die Basler IWB, aber auch Dienstleister wie SIG, die Alternative Bank und die Gebäudeversicherung Bern
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