Mississippi vom Pech verfolgt

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Geschrieben von: John Dyer Boston 19.05.11
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Am Unterlauf des Mississippi erlebt man die dritte Katastrophe nach Katrina und Ölpest. Die Gefahr durch das Hochwasser am Mississippi ist trotz neuerlicher Flutung von weiten Flächen, die praktisch einer Umleitung des Flusses entspricht, noch nicht gebannt. Bisher stehen rund 9000 Quadratkilometer besten Ackerlandes unter Wasser.

Bürgermeister Hyram Copeland von Vidalia im nordöstlichen Louisiana sieht das Schicksal seiner Stadt eng mit dem Mississippi verbunden, der mitten hindurch fliesst. „Der ist eine Lebensader unserer Gemeinden“, sagt Copeland. „Und manchmal sagt er dir: Hey, du glaubst, du hast mich gezähmt? Dir zeig’ ich es. Hoffentlich können wir ihn in diesen Tagen ein bisschen besser kontrollieren als früher. Aber es ist eben der mächtige Mississippi.“ Und der Mississippi ist in diesen Tagen verärgert.

Pegelstand bei 19 Metern

Die Ufer des mächtigen Flusses sind in den vergangenen Tagen unter Wasser gesetzt worden. Der Pegel erreichte am Dienstag in Vidalia 19 Meter und noch fünf Meter in New Orleans, weit stromab, wo der Scheitel des Hochwassers noch gar nicht angekommen ist. Die steigenden Fluten ruinieren Ackerland, auf dem Sojabohnen und Mais wachsen sollten, sie ruinieren die Austernbänke an der Küste durch die gewaltige Zufuhr schlammigen Süsswassers. Der Handel am Fluss ist zum Erliegen gekommen, die Schifffahrt ruht grösstenteils, Evakuierungen werden vorgenommen, ganze Dörfer versinken unter den Fluten, die Schienen der Eisenbahnen werden unterspült wie auch andere Teile der Infrastruktur.

Das Desaster trifft eine Region, wie noch geschwächt ist von den Auswirkungen des Hurrikans Katrina 2005, den Folgen der Finanzkrise 2008 für die Wirtschaft und die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, die die Küste verschmutzte. Zehntausende haben ihre Arbeit verloren, ein schwerer Schlag für die regionale Wirtschaft. Der setzen auch die Einbussen in der Landwirtschaft sowie die Verluste durch die Blockade des Transportwesens auf dem Fluss zu.

Überlauf auf 1200 Kilometern

Entlang des Mississippi von Memphis in Tennessee bis nach New Orleans an der Golf-Küste sind auf Anweisung des Präsidenten auf einer Strecke von 1200 Kilometern Fluttore geöffnet worden, die den eigentlichen Flusslauf entlasten, indem ein grosser Teil des Wassers in die flachen Gebiet neben dem eigentlichen Flussbett abgelassen wird. Der Überlauf kommt fast einer Umleitung des gigantischen Flusses gleich.

Die Pioniere der US Army stellten fest, dass allein die Flutöffnung bei Morganza in Louisiana den ganzen Dienstag über 396 Millionen Kubikfuss (11.215.480.320 Liter) Wasser pro Stunde auf den „Umweg“ ins flache Land schickte.

Rund 4000 Bewohner des Atchafalaya Bassins, ein einsamer Landstrich im Bezirk Pointe Coupee, wo man noch Creole statt englisch spricht, wurden zwangsevakuiert. Rund 100.000 Acres ( 405 Quadratkilometer) an Zuckerrohrfeldern und Reiskulturen wurden dort zerstört.

Die staatliche Verwaltung hat überall in den betroffenen Gebieten Hinweisschilder aufgestellt mit Warnungen vor den giftigen Wasserschlangen der Region wie Copperhead, Cottonmouth, Canebrake Rattler und andere.

9000 Quadratkilometer geflutet – bisher

Da ist noch eine fürchterliche Menge Wasser auf dem Weg zu uns, und es wird hier bleiben, oft wochenlang und nicht nur ein paar Tage“, warnte Louisianas Gouverneur Bobby Jindal.

Die Wasserableitungen verändern den Mississippi nicht wirklich, sondern sollen ihn nur in Richtung seines Normalzustands führen. Im Süden stehen bisher mehr als 2,2 Millionen Acres  (9000 Quadratkilometer) sonst trockenen Landes unter Wasser. Das entspricht einem Prozent der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche der USA.

Nicht nur der Ernteausfall verursacht Kosten. Auch landwirtschaftliches Gerät, Anlagen und Getreidesilos sind überflutet.

Selbst die Austernbänke an der Küste bleiben nicht verschont. Durch den nicht mehr in seinem Bett fliessenden Mississippi sind sie durch Schmutzwasser verseucht. „Unsere Austern sind geopfert worden“, sagt Harlon Pearce, Direktor des Verbands der Meeresfrüchte-Poduzenten von Louisiana. „Das Wasser kam zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt.“

Wirtschaftliche Lebensader getroffen

Entlang des Flusses steigen sogar die Benzinpreise von derzeit noch vier Dollar pro Gallone (ca. vier Liter). Denn der Treibstoff wird von den Raffinerien bei Baton und New Orleans im Süden auf Tankschiffen und Frachtkähnen nach Norden gebracht. Die aber liegen seit Tagen fast alle fest. Durch das Hochwasser ist der Mississippi kaum noch schiffbar. Ein Tag Stillstand kostet pro Frachtkahn rund 10.000 Dollar an Verlusten. Die Kähne werden auf dem mächtigen Fluss normalerweise zu grossen Schubverbünden zusammengefügt mit bis zu 45 Frachtern. „Ein einziger davon transportiert so viel wie 16 Eisenbahnwaggons oder 70 Lastwagen“, erläutert Sprecherin Anne Burns von American Waterways Operators.

Wie gross die Schäden letztendlich sein werden, weiss noch niemand. Michael Hicks, Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts der Universität Indiana schätzt den Schaden bisher auf sechs bis neun Milliarden Dollar. Einen schwachen Trost haben die Farmer: wenn das Hochwasser abzieht, sind ihre Böden bestens regeneriert und gedüngt.

Bild: Mississippi

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