Sind Politiker blöd?

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Manfred Maurer, Wien 18.05.11
Bookmark and Share
Stichworte:       

Ein Spitzenbanker spaltet die österreichische Nation. ErsteBank-Chef Andreas Treichl vertritt öffentlich die Ansicht, Politiker seien „zu blöd und zu feig”, und hätten von Wirtschaft keine Ahnung. Die Politik kontert mit Banker-Schelte. Die Politik kontert mit Banker-Schelte, Stammtische sind hin- und hergerissen und Niki Lauda klatscht Beifall.

Die Zeit der kleinlauten Banker ist vorbei. Man schreibt wie vor dem Crash satte Gewinne, nimmt dicke Boni - und den Mund schon wieder ziemlich voll. Nach der Lehman-Pleite hatte auch die ErsteGroup dankbar staatliche Milliardenhilfe genommen, mit der die Politik systemrelevante Banken über Wasser hielt. Doch die Dankbarkeit währt nicht einmal bis zur Rückzahlung der Steuergelder. Erste-Chef Andreas Treichl hat nämlich die Politiker soeben in Bausch und Bogen für „zu blöd und zu feig” und in Wirtschaftsdingen ahnungslos erklärt.

Ärger über Basel III

Das hat er gesagt:

Treichls Aussagen vom vergangenen Freitag zitieren ORF Salzburg und Standard folgendermassen:

"Ich sehe jetzt eine riesige Gefahr dadurch, dass meine Branche relativ wenig aus der Krise gelernt hat. Denn die Chancen unfassbar schnell unfassbar viel Geld mit nicht traditionellem Geschäft zu verdienen, sind unheimlich hoch. Ich glaube, dass die nächste Krise nicht über die Immobilien, sondern über die Rohstoffe kommen wird. Es kommt die nächste Krise und sie wird noch ärger sein, als die jetzige."

Treichl sprach dann über die Kreditvergabe, die von Seiten der Politik zum Teil zu Recht in den letzten Jahren erschwert worden sei. Um die Sicherheit von Anleihen habe sich jedoch niemand gekümmert.

"Ein Beispiel: Eine Firma, die ich seit 100 Jahren kenne, die noch nie einen Verlust gemacht hat und 50 Prozent Eigenkapital hat, möchte jetzt einen Kredit von mir haben. Dann brauche ich als Bank heute zehn Mal so viel Eigenkapital, wie wenn ich eine Anleihe an Griechenland vergebe, wo ich jetzt schon weiss, dass die wenn dann nur über die Steuerzahler zurückgezahlt werden kann."

"Das ist eine Frechheit, das ist ein ganz grober Fehler. Unsere Politiker sind zu blöd und zu feig dazu und zu unverständig dafür, weil sie von der Wirtschaft keine Ahnung haben um dagegen zu wirken und das wird Österreich schaden und wir werden hinter andere Länder zurückfallen."

Was der Chef einer der grössten Banken Österreichs sagt, wird gehört in der Alpenrepublik. Noch dazu, wenn die Botschaft derart pointiert daherkommt. Anlass des Banker-Zornes sind die strengeren Kreditvergaberegeln des „Basel III”-Abkommens. Die tun den österreichischen Banken besonders weh, weil sich die Wirtschaft hier fast ausschliesslich über Kredite finanziert und viel weniger als anderswo über den Kapitalmarkt. Investmentbanken, also ausgerechnet jener Sektor, der die Finanzkrise ausgelöst hatte, seien gegenüber den konservativen österreichischen Banken bevorzugt, klagt Treichl, erklärt Politiker deshalb pauschal für blöd und ahnungslos - und spaltet damit die Nation.

Wasser auf die Steuermühlen

Die Stammtische sind hin- und hergerissen zwischen der Freude über die Bestätigung ihres schon viel früher gefällten Urteils durch einen hochgebildeten Mann und dem Ärger über den grosskotzigen Banker, der sich von eben diesen blöden Politikern aus der Patsche helfen lassen hatte. Der SPÖ kommt der verbale Ausrutscher durchaus recht, weil sie gerade über eine höhere Bankensteuer nachdenkt. Deshalb sind auch Treichls Bankerkollegen wenig glücklich über dessen ansonsten durchaus von ihnen geteilte Ansicht. Nur sagen hätt‘ er es halt nicht sollen. Jetzt können die Genossen volles Rohr zurückschiessen. Und die tun das auch. Bundeskanzler Werner Faymann las den Banken am Dienstag die Leviten. Es könne nicht sein, dass diese Risiken eingehen, und wenn es gut gehe, Gewinne machen und Managergagen erhöhen, und wenn es schief gehe, solle der Staat zahlen, so der rote Regierungschef. Bei Basel III gehe es darum, dass die Banken „die Suppe selbst auslöffeln”. SPÖ-Staatssekretär Josef Ostermayer wirft Treichl wörtlich „Abgehobenheit, Arroganz und Raffgier” vor.

Der schwarze Vizekanzler Michael Spindelegger ist mit öffentlicher Banker-Schelte etwas zurückhaltender, steht Treichl doch der ÖVP sehr nahe. Aber selbst Spindelegger sieht in dem Rundumschlag eine „Diktion, die man überdenken muss”. Gestern bat der ÖVP-Chef den streitbaren Banker zu einem „Kalmierungsgepräch”, morgen wird Treichl eine Pressekonferenz geben, in der er wohl sein Urteil etwas differenzierter umformulieren wird. Nach dem Motto: Nicht alle Politiker sind blöd.

Beifall aus der Wirtschaft

Gegen den Umkehrschluss, dass einige Politiker sehr wohl zu blöd sind für ihren Job, wird es dann wenig einzuwenden geben. Oppositionelle Politiker fühlen sich schon jetzt nicht angesprochen vom im Raum stehenden Pauschalurteil. FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky gibt Treichl sogar recht, freilich mit der Einschränkung: „Wir sind damit nicht gemeint”.

Beifall erntet der Erste-Chef vor allem aus Wirtschaftskreisen. „Andreas Treichl hat den Punkt getroffen. Daran ändern auch der Ton und die Verallgemeinerung nichts”, findet der Chef des internationalen Baukonzerns Strabag, Hans Peter Haselsteiner. Ex-Formel-I-Weltmeister und Airline-Chef Niki Lauda („Fly Niki”) teilt das vernichtende Urteil über die Politiker und beklagt, „ dass ich einen ziemlichen Verdruss habe”. Auch die Industriellenvereinigung zeigt Verständnis für Treichls Unmut, „der grundsätzlich bei Unternehmen vorhanden ist”.

Der angeblich weit verbreitete Unmut ist freilich verwunderlich. Denn Österreichs Wirtschaft ist vergleichsweise unbeschadet durch die Krise gekommen. Die Auftragsbücher sind voll, der Export boomt und die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie kaum wo in Europa. Die „blöden Politiker” scheinen zumindest nicht mehr falsch gemacht zu haben als ihre Kollegen anderswo …

Bild: Andreas Treichl (Erste Stiftung)

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Deprecated: Function ereg_replace() is deprecated in /home/www-data/nachhaltigkeit.org/components/com_jcalpro/config.inc.php on line 405

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren