Die Schweiz könnte das erste Land sein, in dem die Photovoltaik einen Anteil von 20 Prozent an der Stromproduktion hat, sagt Roger Nordmann. Der Präsident von Swissolar rechnet damit, dass die Photovoltaik in zehn Jahren die billigste Art sein wird, Strom herzustellen.
Steffen Klatt: Sie wollen bis 2030 die Stromversorgung in der Schweiz vollständig auf erneuerbare Quellen umstellen. Geht das überhaupt? Roger Nordmann: Selbstverständlich. Das ist die einfachste Umstellung. Das ist einfacher als etwa im Gebäudebereich, in dem es viele alte Gebäude gibt. Das ist auch einfacher als in der Mobilität, weil da die Lösungen nur bedingt vorhanden sind. Dagegen kann man im Strombereich sehr gut erneuerbare Energien ernten, durch Photovoltaik, Wind, Biomasse, Wasser. Beim Strom kann man auch sehr viel in Sachen Effizienz machen, weil die Geräte häufig ersetzt werden. Dabei müssen die effizientesten Geräte durchgesetzt werden. Verwandte Themen| { Erneuerbare Schweiz bis 2030, 04.05.11 } | | { Die Akzeptanz für Windkraft wächst, 18.04.11 } | | { Droege ist Eurosolar-Präsident, 06.04.11 } | | { Sonne lacht auch für die Schweiz, 21.03.11 } | | { Erneuerbare können AKWs ersetzen, 16.03.11 } | | { 5. Schweizer Energiepreis, 06.01.11 } | | { Den richtigen Weg wählen, 07.09.10 } | | { Atomkraft bremst Erneuerbare, 26.08.10 } | | { 2000 Watt müssen reichen, 29.06.10 } | | { Deckel angehoben, 18.06.10 } | | { Ästhetik ist der Schlüssel, 15.06.10 } | | { Schweizer hinken hinterher, 09.06.10 } |
Steffen Klatt: Trotzdem: Sind 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Quellen so schnell realistisch?
Roger Nordmann:Das ist absolut realistisch. Es braucht dafür Investitionen in der Grössenordnung von 2 bis 3 Milliarden Franken im Jahr. Das schützt uns gegen Verschwendung, das schützt uns gegen Schwankungen der Weltmarktpreise. Wir müssen einfach so mutig sein wie unsere Vorgänger, die einst die Wasserkraft ausgebaut haben. Die Wasserkraft von morgen, das ist die Sonnenenergie. Steffen Klatt: In der Schweiz müssen rund 40 Prozent der Stromproduktion, die heute aus Kernkraft kommen, ersetzt werden. Heute stammen rund 2 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen. Wie kann der Anteil innert 20 Jahren auf das Zwanzigfache steigen? Roger Nordmann:Der Löwenanteil muss aus der Photovoltaik kommen. Wir streben an, dass bis 2025 die Hälfte des Ersatzes, also 20 Prozent insgesamt, aus Solarstrom kommt. Die Solaranlagen können sehr leicht gebaut werden, verteilt auf die Dächer. Die Schweiz hat weltweit die besten Voraussetzungen, um als erstes Land einen Anteil der Photovoltaik an der Stromproduktion von 20 Prozent zu erreichen. Photovoltaik wird immer billiger werden. Ich gehe davon aus, dass sie in acht bis zehn Jahren die billigste Art sein wird, Strom zu produzieren. Steffen Klatt: Das klingt ehrgeizig. Heute ist die Photovoltaik eine der teuersten Arten, Strom zu produzieren. Roger Nordmann:In der Herstellung aller Komponenten sind noch grosse Fortschritte machbar. Auch in der Planung sind noch Effizienzfortschritte möglich. Und es wird die Skalenerträge geben. 1992 lagen die Erzeugungspreise bei über 2 Franken pro Kilowattstunde. Heute liegen sie bei 40 Rappen und darunter. Wir wollen auch Windkraft, denn sie fällt gerade im Winter mit seinem hohen Energiebedarf an. Wir streben 4 bis 5 Terawattstunden an. Steffen Klatt: 40 Rappen beim Solarstrom heute ist ein Mehrfaches dessen, was die Verbraucher heute zahlen. Roger Nordmann:In fünf Jahren wird man bei 20 Rappen sein. Beim Windstrom ist man auch in der Schweiz schon heute bei Gestehungskosten 20 bis 25 Rappen. Selbst ein neues Flusskraftwerk kostet heute 20 Rappen pro Kilowattstunde. Bei den Kernkraftwerken gingen seriöse Schätzungen schon vor Fukushima bereits von 10 Rappen aus. Das wird noch steigen. Man darf nicht die Kosten von neuen Anlagen mit denen von alten Anlagen vergleichen, die bereits amortisiert worden sind. Wer sagt, der AKW-Strom kostet nur 5 Rappen, der muss auch sagen, dass dies die Kosten für ein AKW sind, das vor 40 Jahren gebaut und bereits amortisiert wurde, aber gefährlich ist. Neue AKW – wenn man überhaupt eines baut – müssen auch mit einer Preisspanne zwischen 15 und 20 Rappen rechnen. Hinzu kommt die Wertschöpfung: Bei einem AKW fällt sie fast vollständig im Ausland an. Bei den Erneuerbaren dagegen fällt sie fast vollständig im Inland an. Steffen Klatt: Höhere Kosten schaden der Wirtschaft. Roger Nordmann: In allen Szenarien – auch bei einem Neubau von AKW – wird der Strompreis um bis zu fünf Rappen steigen, ein Plus von 20 Prozent. Aber wenn wir gleichzeitig die Effizienz erhöhen, reduzieren wir die Zahl der Kilowattstunden, die wir verbrauchen. Wenn wir so weitermachen, werden wir in Zukunft 72 Terawattstunden Strom verbrauchen. Wenn wir die Effizienz steigern, sind 60 Terawattstunden möglich. Das entspricht einer Effizienzsteigerung von 17 Prozent. Das wiegt die Preiserhöhung fast auf. Zur Person: Roger Nordmann, Jahrgang 1973, ist Präsident von Swissolar und seit 2004 Nationalrat (SP/VD). Anfang Mai ist bei Orell Füssli sein Buch „Atom- und erdölfrei in die Zukunft - Konkrete Projekte für die energiepolitische Wende“ erschienen. Darin zeichnet er den Weg auf, wie die Schweiz sich aus dem Öl- und Nuklearzeitalter verabschieden kann. Bild: Markus Senn Das vollständige Interview finden Sie auf Cleantech.ch
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