Liechtenstein wird für fünf Tage zum Inspirationsfeld, von dem eine geballte Ladung von Zukunftsimpulsen ausgeht. Das wünscht sich der Mit-Initiator des MorgenLand-Festivals, Christof Brockhoff, für die nächste Woche, in der eine enkeltaugliche Zukunft erprobt werden soll.
Yvonne von Hunnius: Ist das Rheintal noch nicht enkeltauglich, sodass es dieses Festivals bedarf? Christof Brockhoff:Es geht nicht nur um das Rheintal, sondern darum, was das Rheintal generell zu einer globalen enkeltauglichen Zukunft beitragen kann. Uns ist natürlich wichtig, bestehende Aktivitäten im Nachhaltigkeitsbereich zu unterstützen. Aber die Überlegung ist zentral, wo unsere Verantwortung im globalen Kontext liegt. Gerade die Vernetzung ist ein zentraler Aspekt: Hier sollen sich lokale Akteure vernetzen und neuen Mut fassen können. Vielleicht kann man auch internationale Akteure dazu bewegen, von dieser Region aus langfristig zu agieren. Yvonne von Hunnius:Was bedeutet in diesem Kontext Enkeltauglichkeit in einem MorgenLand überhaupt? Christof Brockhoff:Die Diskussion hierum ist offen. Man kann auch darüber sprechen, ob Bhutan oder Liechtenstein in diesem Zusammenhang weiter ist. Fakt ist: Wir haben viel Zeit, um über diese Fragen nachzudenken – uns geht es gut. In anderen Ländern ist neben der Existenzsicherung für derlei kaum Zeit. Und dennoch gibt es im kulturellen, gesellschaftlichen Bereich hierzulande nur wenige Möglichkeiten, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Eines der Ziele ist es, dass Räume geschaffen werden, in denen nicht nur unbezahlt in der Freizeit Zukunftsarbeit geleistet wird, sondern im Rahmen einer finanziell abgesicherten Struktur. Von unserem Projekt leben bereits sieben Menschen. Yvonne von Hunnius:Gerade im Vorfeld des Festivals scheinen bereits fast alle Rheintaler involviert – aus welcher Ecke kam das grösste Feedback? Christof Brockhoff:Natürlich aus Liechtenstein. Doch besonders auch Akteure aus Vorarlberg waren sehr aktiv, da unser Verein hier sehr gut vernetzt ist. In der Ostschweiz wollen wir in Zukunft unbedingt noch mehr Unterstützer finden. Ein Festival für alle Das MorgenLand-Festival für eine enkeltaugliche Zukunft in Liechtenstein findet vom 18. bis 22. Mai 2011 an verschiedenen Orten in und um Schaan und Vaduz statt. Es wurde vom Club Benefactum, einem interdisziplinäre Netzwerk für die Förderung gesellschaftlichen Engagements, sowie dem TAK Theater Liechtenstein initiiert. Es werden Vorträge, Theateraktionen, Musik und vieles mehr geboten. Neben dem Soziologen Harald Welzer oder dem Philosophen Thomas Pogge werden unter anderem auch der Snowboardprofi und Umweltaktivist Nicolas Müller oder der Initiator der weiltweit grössten Anti-Terror Demonstration Oscar Morales Guevara erwartet. Jeder ist willkommen, der Zutritt zu den Veranstaltungen ist jeweils kostenlos – geben kann dennoch jeder, was er will. Wer Interesse an speziellen Workshops des Festivals hat, kann sich auf www.morgenland.li informieren und sollte sich im Vorhinein anmelden: www.morgenland.li/anmeldung Generell waren besonders der Kultur-, Sozial-, Ökologie-Bereich und gemeinnützige Institutionen für die Sache zu haben. Aber auch verschiedenste Unternehmen liessen sich begeistern. Zudem haben sich viele Schulen eingeklinkt. Und auch die Liechtensteiner Regierung hat schon früh das Patronat übernommen und das Projekt stark unterstützt. Insgesamt sind über 300 Personen involviert.Yvonne von Hunnius:Auch das EU-Programm „Jugend in Aktion“ ist beteiligt – richtet sich das Projekt mit dem Angebot an Musik, Vorträgen, Ausstellungen denn nur an Jüngere? Christof Brockhoff:Nein – es richtet sich an alle. Die Jugendlichen sind vornehmlich direkt eingespannt in die Organisation. Zum Beispiel nehmen sie an einem Mediencamp teil, in dem sie das Festival aufbereiten. Diese Schüler haben die ganze Woche schulfrei und werden mit Profis die Kommunikation des Festivals übernehmen. Am Ende werden die Jugendlichen auch ein Enkelmanifest vorstellen. Yvonne von Hunnius:Und worum geht es hier genau? Christof Brockhoff:Das weiss niemand. Während des Festivals wird täglich ein Zwischenstand präsentiert und es wird sich bis zur Endversion stetig weiterentwickeln. Unter anderem Theaterprofis und Experten von Universitäten wie beispielsweise Tabias Ballweg werden den Prozess inhaltlich begleiten. Yvonne von Hunnius:Spielt hier auch der von Euch initiierte grenzüberschreitende Bürgerrat Liechtenstein-Vorarlberg eine Rolle? Christof Brockhoff:Das kann gut sein, dass die schon zuvor präsentierten Ergebnisse des Bürgerrats einfliessen. In Vorarlberg existiert dieses Format schon längere Zeit und nun wurde es auf unsere Anfrage hin zu diesem grenzüberschreitenden Bürgerrat-Projekt. Eine zufällig getroffene Auswahl von Bürgern aus beiden Regionen debattieren hierbei eineinhalb Tage über ihnen wichtige Themen und präsentieren ihre Ergebnisse. Unsere Enkel-Vertreter werden dabei sein. Yvonne von Hunnius:Es ist ungewöhnlich, dass so viele unterschiedlichen Gruppierungen zusammenkommen – ist der Zugang nicht zu breit? Christof Brockhoff:Wir haben verschiedene Zugänge gesucht. Das Festival soll Volksfestcharakter mit einem Nachhaltigkeitsfokus besitzen und dabei für jeden Bürger und jede Bürgerin einen Zugang zum Thema bieten. Vielleicht regt die Küche oder ein Vortrag zum Nachdenken an. Wir bieten ein Inspirationsfeld mit einer geballten Ladung von Impulsen aus jeder Richtung. Denn gerade bei Nachhaltigkeit kann nur das unmittelbare Erleben zu einem Umdenken führen. Am Samstag wird gar der Dorfplatz beziehungsweise die Landstrasse ab 13 Uhr bis zum nächsten Tag um 17 Uhr nur für das Festival gesperrt sein. Wer will, kann die Messe oder die Vorträge besuchen, den Open Space zum Austausch nutzen oder sich mit seinem Tisch und Stuhl an den grossen Mittagstisch am Sonntag dazugesellen. Yvonne von Hunnius:Wollt Ihr ein soziales Experiment starten? Christof Brockhoff:Wenn wir den Banker und den Bauer zusammenbringen und Nachhaltigkeit auf unterschiedlichste Weise thematisieren, dann hoffen wir, dass die Chance für Impulse gross ist. Somit stellen wir ein Begegnungsfeld zur Verfügung, das ohne Zwang und Druck funktioniert. Mich freut besonders, dass kritische Themen wie zum Beispiel die Wahrheitsverschleierung um den 11. September in Liechtenstein Platz neben der Regierungspräsenz haben. Yvonne von Hunnius:Jeder Besucher muss nicht, kann aber soviel Geld geben, wie er will – was passiert damit? Christof Brockhoff: Nun, wenn wir weitermachen sollen, müssen wir auch nach dem Festival weiterexistieren können. Wir machen das inzwischen in Vollzeit und planen auch das kommende Festival, das gute Chancen hat, in zwei Jahren wieder stattzufinden. Somit dienen die Spenden in erster Linie der Nachbearbeitung des ersten Festivals und der Vorbereitung des nächsten Festivals. Zudem wollen wir entstandene Projekte mitfinanzieren können. Und dazu gehört auch, dass wir und viele weitere involvierte Personen in der uns zur Verfügung stehenden 600 Quadratmeter-Halle Möglichkeiten der Vernetzung und des Engagements im Sinne eines Hubs bieten. Unser Ziel ist, dass das ganze Jahr über MorgenLand ist und wir allen Interessierten mit Rat und Tat zur Seite stehen können – egal ob jemand zahlen kann oder nicht. Zur Person: Christof Brockhoff, Jahrgang 1985, ist in Schaan (Liechtenstein) aufgewachsen. Nach dem Bachelor in Tourismus- und Freizeitmanagement in Leeuwarden (Holland), Barcelona und Madrid (Spanien) studierte er drei Semester lang Entrepreneurship an der Hochschule Liechtenstein. Dieses Studium brach er dann aber ab, weil er die Chance sah, seine Vision konkret anzugehen. Seither widmet er sich dem Club Benefactum, den er selbst gegründet hat, sowie dem MorgenLand-Festival und dem Kulturverein 94.
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