Vom Ästhetischen Trieb in der Politik

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Geschrieben von: Hans-Peter Schmidt 09.05.11
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Politiker, wenn sie denn den Namen verdienen, sind Künstler. Nicht allerdings, weil ihr Urteil vom blossen ästhetischen Trieb getrübt wäre, sondern weil sich ihre Leben über ihr Werk definiert, weil sie sich für ihr Werk aufopfern, weil es ihnen gelingt, ihr Werk über das eigene Ego zu hissen. Weil sie die Kreativität besitzen, trotz einer stets sich wandelnden Lage, eine vorausgerichtete Antwort zu finden.

Es ist ein Gesamtkunstwerk mit Menschen, das nur allzu oft im Machtgebaren erstarrt, aber das ungeachtet dessen seine Rechtfertigung daraus gewinnt, aus aussichtslos scheinenden Situationen einen für fast alle gangbaren Ausweg zu finden. Sie machen Fehler, sie vertuschen Fehler, aber sie akzeptieren sie auch, einem Künstler gleich, um gestärkt aus der Erfahrung hervorzugehen, sich zu korrigieren und zuvor ungeahnte Wege aufzutun.

Oder?

Wer Menschen lenkt, tut dies nicht für die Menschen, sondern für die Sache, die er durch das Lenken der Menschen zu erreichen hofft. Während Unternehmer manchmal so tun, als würden sie ihren Betrieb nur führen, damit die Belegschaft ihre Arbeit behält, tun Politiker häufig so, als würden sie nur regieren, damit das Volk ein glückliches Leben führen kann. Sollte die Belegschaft dem Unternehmer tatsächlich ans Herz gehen oder den Politiker das Volk, so doch nur in der Art, dass die Belegschaft oder das Volk als Teil eines Werkes angesehen wird, in dessen Realisierung sich der Schöpfer als selbst wiederzuspiegeln vermag. Egal wie idealistisch ein Regierungs-, Partei-, Kirchen oder Unternehmenschef seine Führungsaufgabe auch ansieht, am Ende geht es doch vor allem um die Wertschätzung für das eigene Werk. Was nicht heisst, dass es um schnöde Anerkennung, Wohlstand, Verdienst ginge. Es geht um die Widerspiegelung des Selbstes in der Verwirklichung eines Werkes mit Menschen.

Es ist der gleiche ästhetische Trieb, der einen Maler vor die Leinwand zwingt oder einen Komponisten an das Notenpult. Eine Firma zu lenken oder einen Staat oder eine Gemeinde, entspringt dem gleichen ästhetischen Trieb, ist das gleiche künstlerische Metier. Und so wie der Bildhauer oder Komponist seinem Werke gegenüber in keiner moralischen Verantwortung steht, so fühlt sich letztlich auch der Politiker von aller moralischen Verantwortung für sein Werk entbunden. Beziehungsweise der moralische Anschein wird Teil des ästhetischen Ganzen und ordnet sich diesem letztendlich unter.

 

Bild: Delegierte der Klimakonferenz in Cancun im Winter 2010 (http://www.cc2010.mx)

Der Text ist zuerst im Ithaka-Journal erschienen.  

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