Der Meeresspiegel soll deutlich mehr ansteigen, als der UN-Klimarat vor vier Jahren vorausgesagt hat. Rund 150 Millionen Menschen könnten bis 2100 betroffen sein. Der in dieser Woche in Grönland tagende Arktische Rat wird die alarmierende Prognose behandeln.
Wer nach Grönland reist, bekommt von den alten Fischern zu hören, dass die majestätischen Gletscher nur noch halb so gross aus dem Eismeer ragen wie vor 40 Jahren. Neben dem groben Augenmass der Einheimischen zeichnen auch zahlreiche Studien ein immer düsteres Bild von der durch Menschenhand angefeuerten Eisschmelze. Im Vorfeld der Tagung des Arktischen Rates in Grönland in dieser Woche hat dessen Wissenschaftskomitee (AMAP) einen Bericht veröffentlicht, demzufolge der Meeresspiegelanstieg bis zum Jahrhundertwechsel noch viel dramatischer verlaufen wird als vom UN-Klimarat vor vier Jahren angenommen. Jährliche Schmelzzeit deutlich verlängertLaut AMAP soll der Meeresspiegel bis 2100 voraussichtlich um 0,9 bis 1,6 Meter ansteigen. 2007 hatte der Klimarat der UNO für den gleichen Zeitraum noch einen Anstieg 19 bis 59 Zentimeter vorausgesehen. In den Jahren 2005 bis 2010 sei die wärmste Periode gemessen wurden, die in der Arktis je registriert wurde. Die jährliche Schmelzzeit verlängerte sich in den letzten 50 Jahren um 40 bis 50 Tage. „Zum zwischen 2003 und 2008 registrierten Meeresanstieg von jährlich drei Millimeter trugen die arktischen Gletscher, Eiskappen und das grönländische Inlandeis mit mehr als 40 Prozent bei", heisst es im Bericht. Sollte die Voraussage der eher für konservative Berechnungen bekannten AMPA stimmen, dürfte dies bis 2100 dramatische Konsequenzen für 150 Millionen Menschen rund um die Welt haben. Denn die leben derzeit auf Landflächen, die weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel liegen. Der Schutz vor Überschwemmungen ist kostspielig und gerade dicht bevölkerte aber bitterarme Länder wie Bangladesh, haben dafür bislang nicht die Mittel. Auf wohlhabendere Länder mit zu flachen Küstenregionen würden zudem gigantische Küstenschutzinvestitionen zukommen.Aussenminister tagen in NuukBei der auf Aussenministerniveau stattfindenden Konferenz des Arktischen Rates am 12. Mai in der grönländischen Hauptstadt Nuuk soll die Vorhersage des Wissenschaftskomitees eingehend behandelt werden. Gastgeber ist Dänemark, zu dem Grönland auf teilautonomer Basis gehört. Dem Arktischen Rat gehören weiterhin die Anrainerstaaten Russland, Kanada, Island, Norwegen, Schweden, Finnland und die USA an. Letztere stehen für einen Grossteil des weltweiten, Klimaerwärmenden Schadstoffausstosses. Die dänische EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard bezeichnete das Ergebnis der Studie des AMPA als besorgniserregend und als Mahnung dafür, wie dringend es sei, die Klimabedrohung in den Griff zu bekommen. Enorme Bodenschätze unterm EisAuch wenn der 1996 gegründete Arktische Rat Klimafragen behandelt, kritisieren Umweltschützer, dass es der Organisation vor allem um eine möglichst friedliche Koordination der Anrainerländer bei der Ausbeutung der enormen Bodenschätze gehe. In eine immer eisfreiere Arktis könnten Fischfangflotten vordringen. Hinzu kommt die bislang grösstenteils zugefrorene Nordost-Passage. Sie würde den Seeweg zwischen Europa und Asien dramatisch abkürzen. Doch im Zentrum liegen Öl- und Gasvorkommen. Bis zu 90 Milliarden Fass Öl und 47 Billionen Kubikmeter Gas sollen in der Region schlummern, schätzte der US Geological Survey. Die Gebietsansprüche für 1,2 Millionen Quadratkilometer Arktis sind trotz Konventionen bislang rechtlich kaum geregelt. Aleksandr Postnikov, General der russischen Bodenstreitkräfte, hat erst Mitte März angekündigt, die eigenen Streitkräfte um eine „arktische Brigade“ auszubauen. Das sorgte vor allem in Norwegen für Schlagzeilen. Ausbeutung nicht aktuellDass es bislang nicht zum offenen Streit kam, führen Beobachter wie Greenpeace darauf zurück, dass es sich eben noch nicht lohne, weil die Ausbeutung der Region wegen ihres noch vorhandenen dicken Eisschutz keine tagesaktuelle Frage sei. Das könne sich aber sehr schnell ändern, warnt die Umweltorganisation, der vor allem die zusätzliche Schädigung des empfindlichen, im Klimawandel befindlichen Ökosystems durch Wirtschaftsinteressen ein Graus ist. Für die Anrainerstaaten sei die Ausbeutung der Arktis wichtiger als der Küstenschutz in fern ab liegenden, oft armen Nationen, kritisierten Sprecher von Entwicklungsländer wie Bangladesch bereits auf dem gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen. Bild: Yvonne von Hunnius
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