Der Berliner Schriftsteller Wolfgang Büscher lief drei Monate und 3500 Kilometer durch Amerika. Auffällig sind die Parallelen, die er zwischen dem Wanderland und seinem Heimatland entdeckte.
Roland Mischke: Sie liefen quer durch Amerika von Norden nach Süden. Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie die Route gewählt? Wolfgang Büscher:Ich dachte mir: So gut wie alle amerikanischen Wege laufen von Ost nach West, angefangen von den Pilgervätern über die Zeit der Trapper und Goldsucher, der Siedlertrecks und der trails of tears bis zur Hippiezeit – dann geh du anders, geh so, dass du alle diese Wege schneidest, geh vom tiefsten Dakota-Winter in den tiefen Süden. Roland Mischke: Sie haben die Leute reagiert, denen Sie erzählten, dass Sie zu Fuss durch Amerika gehen würden? Wolfgang Büscher:Alle gleich: Das ist kein Land zum Gehen. Nimm dir ein Auto, ein Motorrad oder wenigstens ein Pferd! Wenn du wirklich gehst, bist du ein Landstreicher, ein Hobo, dann schnappt dich der erstbeste Sheriff. Roland Mischke: Sie nennen sich „Amerikadepp“, gehören noch der Generation an, die Amerika als grosse Chiffre für Freiheit und ein unbegrenztes Leben definierte. Was davon haben Sie noch gefunden? Wolfgang Büscher:Das amerikanische Feuer brennt noch, lodert aber nicht mehr zum Himmel. Nun hat Amerika schon mehrmals Zeiten des Abstiegs und der Zerrüttung durchgemacht: Bürgerkrieg, Grosse Depression, Vietnamkrieg. Jedes Mal ist es daraus wieder aufgestiegen, darin Deutschland nicht ganz unähnlich. Wie es diesmal ausgeht, weiss ich nicht. Was mir zu denken gibt, ist das plötzliche Interesse so vieler Amerikaner an ihrer Geschichte. Roland Mischke: Eine Rückbesinnung in der Krise auf die Wurzeln? Wolfgang Büscher:1983, als ich zum ersten Mal dort war, war Amerika noch das junge, dezidiert antihistorische Land. Eine Geschichte zu haben und sich darin zu vertiefen, war etwas für Schwächlinge. Amerika machte Geschichte und war damit vollauf beschäftigt und zufrieden. Das ist anders geworden. Wer aber sich selbst historisch wird, ist kein junger Wilder mehr. Roland Mischke: Wie viele Wochen waren Sie unterwegs? Wie viele Kilometer haben Sie absolviert? Wolfgang Büscher:Im Spätwinter bin ich von Kanada her über die Grenze nach Norddakota gegangen, als ich den Rio Grande erreichte, waren es über 100 Grad Fahrenheit. Knapp drei Monate, rund 3500 Kilometer. Roland Mischke: Wie waren Sie ausgerüstet? Wolfgang Büscher:Das übliche: Ein schmaler Rucksack mit dem Nötigsten. Roland Mischke: Welche Laufschuhe benutzen Sie, welche Medizin war im Gepäck? Wolfgang Büscher:So eine Art Springerstiefel von einem Schuhmacher in der bayerischen Rhön. Medizin? Ich glaube nicht. Roland Mischke: Wie viel Abenteuer ist dabei, wenn Sie sich auf ein solches Projekt einlassen? Sie sind ja schon rund um die deutschen Grenzen und von Berlin nach Moskau gewandert. Wolfgang Büscher:Die meisten Tage sind still. Wind weht. Ab und zu braust ein Auto vorbei. Über mir gleiten Raubvögel. Gerüche von Staub nach Regen, brandige von Präriefeuern, manchmal Aas. Die erwarteten Gefahren – Raub, ein Berglöwe, Klapperschlangen, Kupferkopfschlangen – treten nicht ein. Roland Mischke: An der Grenze zwischen Kanada und den USA wurden Sie polizeilich verhört. Man spürt Ihren Ärger über die Behandlung. Wie sehr muss man Diplomat sein auf solchen Reisen? Wolfgang Büscher:Ich hatte absolutes Verständnis für Grenzer, die mich kontrollierten, meinetwegen auch intensiv, denn natürlich war ich eine sonderbare Erscheinung: Ein Mann taucht zu Fuss aus der Winterprärie von Saskatchewan an der US-Grenze auf und erklärt, bis nach Südtexas gehen zu wollen. Aber dann war da dieser Kerl, ohne Uniform, ohne Hoheits- oder Rangzeichen, namenlos, und drehte mich stundenlang durch die Mangel. Das hinzunehmen hat mich Kraft gekostet. Roland Mischke: Das leere Land, die Prärie, hat Sie offenkundig besonders berührt. Wolfgang Büscher:Wir Europäer kennen aus eigener Anschauung New York, vielleicht Floridas Strände, auch noch Los Angeles, also nur die Ränder. Wir haben eine ganz falsche Vorstellung von Amerika, so, als ob ein Amerikaner von Deutschland nur den Strand von Westerland und Berlin-Mitte kennt. Die amerikanische Leere ist nicht eine hübsche Idee des Malers David Hockney, sie ist eminente Wirklichkeit. Roland Mischke: Sie sind immer neu auf Spuren deutscher Siedler gestossen. Wie hat Sie das berührt? Ich war erstaunt, wie verbreitet das ist. Von Norddakota bis Südtexas erklärt jeder Dritte, den man trifft, dass er deutsche Grosseltern habe. Die Geschichte dieser Einwanderung ist nicht nur hell und leuchtend, sie hat auch dunkle Kapitel, etwa die aus schierer Not zum Arbeiten auf andere Farmen weggegebenen kleinen Kinder, die ihre Eltern und Geschwister nie wieder sahen. Roland Mischke: Hartland, das Ihrem Buch den Titel gab, aber ursprünglich Heartland hiess, ist vielleicht auch von Deutschen gegründet worden. Es gibt viele historische Berichte von Auswanderern, die vor allem im 19. Jahrhundert in Amerika das Glück suchten, dort aber oft enttäuscht wurden. Wie nahe sind Sie den Schicksalen gekommen? Wolfgang Büscher:Ich denke, deren Schicksale dort unterscheiden sich nicht allzu sehr von denen anderer europäischer Einwanderer. Die Motive waren ähnlich: Armut oder Unfreiheit daheim, Glückssuche, Abenteuerlust oder Sektenemanzipation. Daraus ist die Legierung meistens gemischt. Roland Mischke: Sie stiessen auf die Geschichte der Indianer und der Bisons, beide wurden verdrängt und reduziert durch den Siedlungswillen des weissen Mannes. Teilen Sie die merkwürdige, an Karl May und den Verfilmungen seiner Bücher orientierte Romantisierung der Indianer durch die Deutschen? Wolfgang Büscher:Nein, da gibt es bessere Zeugen. Trotzdem ist an der deutschen Indianerliebe etwas Berührendes und Wahres. Es mag damit zu tun haben, dass Deutschland in Amerika nie als interessierte und darum notwendigerweise grobe Macht auftrat, sondern eher in seiner feinnervigen, humboldtschen Gestalt als Reisender, als Forscher, Zeichner und Erzähler. Roland Mischke: Waren die Begegnungen mit den indianischen Cowboys, die Sie als wurzellose Zeitgenossen schildern, und anderen Nachfahren der Ureinwohner Amerikas nicht sehr ernüchternd? Wolfgang Büscher:Ein Volk – eigentlich viele Völker – haben eine vernichtende Niederlage erlitten vor rund 150 Jahren; was sollte ich da erwarten in den Reservaten? Ich habe getan, was ich immer tue: Mich an einzelne Orte, an konkrete Leute halten, nur so entstehen neue, dreidimensionale Bilder. Roland Mischke: Sie vertiefen sich immer wieder in die amerikanische Mentalität, stellen zum Beispiel fest, dass das Herz amerikanischer Städte an ihren Rändern schlägt. Wolfgang Büscher:Für einen Europäer ist die Menschenleere einer Innenstadt in Nebraska oder Kansas ein Faszinosum, vor dem er halb verwundert, halb erschrocken steht. In Wichita hatten sie das Stadtzentrum mit menschengrossen Skulpturengruppen möbliert, die menschlich-städtisches Treiben darstellen – in Ermangelung desselben. Da bin ich lange herum gelaufen. Seltsame Erfahrung – aber ich hatte das Gefühl, im wirklichen Amerika zu sein. Roland Mischke: Im Mittleren Westen frühstücken Sie mit Ihrer Gastgeberin Carol in deren feudalem Haus und testen Ihr politisches Empfinden. Sie sprechen die sozialen Unterschiede an, die die meisten Amerikaner nicht egalisiert haben wollen (wie die Deutschen in ihrem Land). Haben Sie die Dame verstanden? Wolfgang Büscher:Natürlich. In meiner Lebensspanne hat sich unser Empfinden an diesem Punkt radikal verändert. Das Pflichtdenken ist, bis auf Inseln, verschwunden, das Anspruchsdenken bis in die marginalsten Gruppen hinein verbreitet. Ich bin nicht sicher, ob das gut geht. Roland Mischke: Es wird auch klar, was hart arbeitende Menschen gegen Präsident Obamas Reformen haben. Sie hörten immer diese Sätze: „Ich will keine Regierung, die mir sagt, wie ich leben, wirtschaften, vorsorgen soll. Ich will ein Leben auf eigene Faust, wie es meine Vorväter suchten, als sie in dieses Land kamen. Und ich will nicht für die sorgen, die nicht für sich selbst sorgen.“ Ist da noch ein Rest von Freiheit und Glückssuche, die Menschen einst nach Amerika zog? Wolfgang Büscher: Es scheint so, ja. Die Amerikaner, die ich im Herzland traf, sind oft noch von diesem Schlag. Die Frage ist, ob Amerika noch dasselbe ist. Ob es realistisch ist zu glauben, es könne wieder werden, was es war. Auch darin liegt eine ferne Ähnlichkeit zu Deutschland. Zum Buch: Wolfgang Büscher: „Hartland. Zu Fuss durch Amerika.“ Rowohlt Berlin, 2011, 304 S., 19,95 Euro Bild: Manuel Krug / rowohlt
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