DAV nur bei grünen Spielen dabei

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Geschrieben von: Urs Fitze, St. Gallen 04.05.11
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Mit 895.000 Mitgliedern zählt der Deutsche Alpenverein zu den ganz grossen Interessensgruppen im Alpenraum. Für Geschäftsführer Thomas Urban sind Bergsport und Naturschutz, die beiden Kerndomänen des DAV, zwei Seiten derselben Medaille – auch bei der Olympiabewerbung Münchens, bei der der Verein aktiv mitwirkt.

Urs Fitze: Was macht der Deutsche Alpenverein?

Thomas Urban: Wir sind ein Bergsportverband, dessen Kompetenzen vom extremen Klettern bis zum Familienwandern reichen, und wir sind ein Naturschutzverband, der sich als Anwalt der Alpen betrachtet.

Urs Fitze:  Da wohnen wohl öfters zwei Seelen in Ihrer Brust?

Thomas Urban: Nein. Bergsport und Naturschutz sind zwei Seiten derselben Medaille. Als Bergsportler ist es unser ureigenstes Anliegen, uns in einer intakten Natur bewegen zu können. Aber ich möchte auch betonen, dass wir uns dabei in einem Spannungsfeld zwischen Ökologie, Ökonomie und sozialen Fragen bewegen. Uns geht es um den möglichst harmonischen Dreiklang.

Urs Fitze:  Der DAV arbeitet aktiv bei der Bewerbung für die olympischen Winterspiele 2018 in München mit, Sie sitzen selbst im Aufsichtsrat. Wie erreichen Sie bei diesem heiklen Thema den erwünschten Dreiklang?

Thomas Urban: Es ist ohne Zweifel eine Gratwanderung, und der Blick in die jüngere Vergangenheit von Winterspielen in den Alpen lässt tatsächlich wenig Gutes erahnen. Anderseits sind wir zur Überzeugung gelangt, dass wir für die Natur mehr erreichen können, wenn wir uns aktiv beteiligen statt nur die Protestfahne zu schwenken. Unser Ziel ist klar formuliert: München 2018 muss einen ökologischen Mehrwert bringen.

Urs Fitze:  Was haben Sie konkret erreicht?

Thomas Urban: Die Olympiabewerbung ist um einiges grüner geworden. Etwa bei den nordischen Disziplinen, wo die ursprünglich geplanten Veranstaltungsorte Kaltenbrunn, Krün und Oberammergau gestrichen wurden, weil sie entweder mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum zu erreichen oder in ökologisch besonders sensiblen Gebieten hätten stattfinden sollen. Beim Gut Schweiganger bei Murnau, wo die nordischen Wettbewerbe jetzt durchgeführt werden sollen, werden sensible Biotope nicht tangiert. Auch das Medienzentrum in Garmisch-Partenkirchen wird jetzt nicht mitten in der Grünzone ausserhalb der Stadt gebaut. Dazu kommen mehrere Naturschutzprojekte, die nichts direkt mit den Olympischen Spielen zu tun haben.

Urs Fitze:  Aber ist das genug? Sie erwähnen es ja selbst: Bislang sind die Ökobilanzen noch jeder grün angehauchten Spiele nie aufgegangen. Und auch die lokale Bevölkerung hat, wie die Erfahrungen in Turin 2006 gezeigt haben, ausser Bauruinen nichts davon gehabt.

Thomas Urban: Wie gesagt: Wir sind auf einer Gratwanderung, und ich bin mir dieser Probleme wohl bewusst. Sotschi ist das vielleicht noch abschreckendere Beispiel als Turin. Wir werden die ersten sein, die das Handtuch werfen, wenn eine ähnliche Entwicklung zu befürchten ist. Aber noch sind wir der Überzeugung, dass grüne Winterspiele, die weitgehend auf bestehenden Anlagen basieren, möglich und auch wünschenswert sind.

Urs Fitze:  Die Skiweltmeisterschaften 2011 in Garmisch-Partenkirchen dürften da kaum der Gradmesser sein. Für den Ausbau der Kandahar-Piste wurde erheblich ins Gelände eingegriffen. Der Eispanzer aus Kunstschnee, auf dem die Wettbewerbe bei teils hohen Temperaturen stattfanden, hatte mit Winter kaum mehr etwas gemein. Und auch 2018 soll wieder hier gefahren werden.

Thomas Urban: Das stimmt. Aber für diese Sünden können die Olympioniken nichts. Aber sie sind heute Teil der bestehenden Infrastruktur. Weshalb soll dann nicht darauf zurückgegriffen werden?

Urs Fitze:  Wie ist denn die Stimmung unter Ihren Mitgliedern bezüglich München 2018?

Thomas Urban: Mehrheitlich positiv. Aber die Meinungen gehen natürlich auch bei uns auseinander.

Urs Fitze:  Der DAV zählt bald 900.000 Mitglieder, jährlich kommen derzeit fast 50.000 dazu. Was macht eine Mitgliedschaft so attraktiv?

Thomas Urban: Man muss die Zahlen ein wenig relativieren. Wir haben tatsächlich in den vergangenen vier Jahren so rasant zugelegt. Zuvor waren die Zuwächse deutlich bescheidener. Die jüngste Entwicklung hat sicher mit dem Boom des Kletterns in der Halle zu tun, das sich in Deutschland vor allem in den Städten grösster Beliebtheit erfreut. Aber es geht nicht nur um das Klettern. Auch das Bergwandern boomt, wie verschiedene Untersuchungen zeigen. In den Bergen auf Schusters Rappen unterwegs zu sein, scheint derzeit der gefragte Kontrapunkt zum hektischen Alltag zu sein. Und da ist der DAV natürlich die erste Adresse.

Urs Fitze:  Dann müsste der DAV vor allem in den Städten derzeit besonders gefragt sein.

Thomas Urban: Durchaus. Hamburg etwa bildet die fünftgrösste Sektion des DAV. Aber das liegt auch einfach daran, dass Deutschlands Anteil an den Alpen vergleichsweise klein ist. Von den 353 Sektionen des DAV ist die grosse Mehrheit nach wie vor in ländlichen Gefilden zu finden.

Urs Fitze:  Der Deutsche Alpenverein ist nicht nur für den Erhalt der Hütten, sondern auch für die insgesamt rund 50‘000 Kilometer Bergwege in den Ostalpen zuständig. Wie bewältigen Sie diese gewaltige Aufgabe?

Thomas Urban: Was die Hütten betrifft, die zum Teil weit über 100 Jahre alt sind, haben wir einen jährlichen Investitionsbedarf von rund 20 Millionen Euro. Ohne Beiträge der öffentlichen Hand wären diese Gelder nicht zu finanzieren. Darüber hinaus stecken auch in den Hütten nach wie vor immense ehrenamtliche Leistungen unserer Sektionen, denen diese ja gehören. Für die Wege sind die Sektionen nicht nur zuständig, sondern sie haften im Schadensfall auch. Das ist eine grosse Aufgabe. Verantwortlich für den Unterhalt sind die Wegewarte, die, wie die meisten Funktionäre im Alpenverein, ehrenamtlich arbeiten.

Urs Fitze:  Gibt es hier keine Rekrutierungsprobleme?

Thomas Urban: Durchaus, allerdings Gott sei Dank nicht in erster Linie bei den Wegewarten. Wir haben aber zunehmend Mühe, klassische Funktionärsposten auf ehrenamtlicher Basis zu besetzen. Viele Leute machen begeistert bei kurzfristigen Projekten mit, sie möchten sich aber nur ungern langfristig einspannen lassen.

Urs Fitze:  In den Alpen häufen sich Trendsportarten. Wie steht der DAV dazu?

Thomas Urban: Auch bei solchen Sportarten muss bei der Ausübung auf die Natur Rücksicht genommen werden und auch die Naturerlfahrung und das Naturerlebnis muss eine Rolle spielen. Aber es braucht auch hier das vernünftige Mass. Bei den derzeit boomenden Skitourenrennen etwa gilt es, bei der Streckenführung auf die Natur grosse Rücksicht zu nehmen.

Urs Fitze:  Manche mögen es bequem. Wie stehen Sie zu den in immer grösserer Zahl gebauten Aussichts-Plattformen?

Thomas Urban: Wenn eine solche Plattform als Teil einer bestehenden Infrastruktur zu sehen ist, ist dagegen grundsätzlich nichts einzuwenden. Wieso soll nicht auch dem des Kletterns oder Bergwanderns Unkundige oder der Mensch im Rollstuhl ein solches Erlebnis gegönnt sein. Die Grenzen setzt hier die Natur: Eine Neuerschliessung kommt für uns nicht in Frage. Das gilt übrigens nicht minder für die Erschliessung neuer Skigebiete oder die grossflächige Erweiterung von bestehenden.

Urs Fitze:  Die Alpen sind im Wandel. Die Landwirtschaft geht zurück, es entwickeln sich Zentren, während ganze Landschaften verwildern. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Thomas Urban: Sie ist in den Ostalpen, wo wir schwergewichtig unterwegs sind, sicher weniger akut als in den südlichen oder westlichen Alpen. Aber wir bedauern vor allem den Rückgang der Landwirtschaft und die teilweise Entvölkerung sehr und suchen etwa mit unserer Kampagne Bergsteigerdörfer etwas Gegensteuer zu geben. Aber die touristische Entwicklung hat ihre Grenzen. Ein weiterer Ausbau der massentouristischen Infrastruktur kommt für uns nicht in Frage.

Urs Fitze:  Aber auch Bergsteiger und Wanderer scheinen sich mehr und mehr auf den gewohnten Trampelpfaden zu bewegen, wie die teils extrem unterschiedliche Auslastung der Hütten zeigt.

Thomas Urban: Das stimmt. Während die Hütten im Allgäu der Nachfrage kaum mehr Herr werden, sieht es etwa in Teilen der Hohen Tauern schon anders aus. Ich kann mir das auch nicht recht erklären. Vielleicht liegt es einfach daran, dass es beim Bergerlebnis heute mehr um innere denn äussere Befindlichkeit und Lorbeeren geht. Ein Gipfelsieg in einem abgelegenen Gebiet der Alpen scheint weniger attraktiv als das Besteigen etwa eines Grossglockners, den jeder kennt.

Urs Fitze:  Werden damit auch die Hütten bald hotelähnlichen Komfort bieten?

Thomas Urban: Nein. Aber wenn es die Bedingungen einer ökologischen Energieversorgung, auf die wir grossen Wert legen, zulassen, ist eine warme Dusche nicht tabu. Aber das wird auch in Zukunft die Ausnahme bleiben.

Bild: Thomas Urban, Geschäftsführer des Deutschen Alpenvereins. (DAV)

 

Urs Fitze schreibt darüber auch im Alpenmagazin.

 

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