Viel Erdöl und wenig Benzin

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Geschrieben von: Axel Eichholz, Moskau 02.05.11
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Benzin wird in Russland knapp und teuer, obwohl das Land genug davon hat. Da der Ölpreis auf internationalen Märkten seit Ausbruch der arabischen Revolutionen rapide steigt, exportieren die russischen Ölgesellschaften möglichst viel Rohöl, statt es umständlich und womöglich mit Verlust im Inland zu Benzin zu verarbeiten.

In mindestens zehn russischen Regionen wird das Benzin knapp. Trotz offiziellen Verbots klettern die Spritpreise hinauf. In den Gebieten Belgorod, Murmansk und Brjansk sowie in den Regionen Altai und Krasnojarsk bekommt man an den Tankstellen grosser Ölgesellschaften nur 20 Liter auf vorher bezahlte Tankkarten. Bargeld wird nicht angenommen. Kleinere private Tankstellen mussten zum Teil vorübergehend schliessen, weil die Grossen nur ihre hauseigenen Tankstellen beliefern. Im sibirischen Tomsk blieben 20 Prozent aller Linienbusse stehen. Die russische Antimonopolbehörde FAS wittert Kartellbildung, was zumindest in der Altai-Region auch zu stimmen scheint. Die Staatsriesen Rosneft und Gasprom Neft werden unlauterer Geschäfte verdächtigt. Die Spritknappheit tastet sich an Moskau heran.

Erste Anzeichen auch in Moskau

Es gebe bereits Anzeichen dafür, behauptet der Präsident der Moskauer Treibstoffunion Jewgeni Arkuscha. Er hoffe aber, dass eine Katastrophe wie im Altai im Grossraum Moskau ausbleiben werde. Er gab dabei zu, dass die traditionellen Lieferanten der russischen Hauptstadt, die Raffinerien in Jaroslawl und Rjasan, „aus objektiven Gründen“ ihre Produktion drosseln mussten und vor der Moskauer Ölraffinerie Tankwagen tagelang nach Benzin anstehen. Arkuscha machte für die einsetzende Misere den Staat verantwortlich, der einerseits die Steuern heraufsetze und andererseits niedrigere Preise fordere. Finanzminister Alexej Kudrin meint hingegen, schuld seien nicht die böse Akzise oder die behördliche Willkür, sondern die späte Reaktion der Treibstoffhersteller, die die steigende Nachfrage übersehen hätten.

Putin verbot Benzinpreiserhöhungen

Im Februar hatte Regierungschef Wladimir Putin den Herstellern weitere Benzinpreiserhöhungen verboten und Sündern hohe Geldstrafen angedroht. Im Februar und März gingen die Preise denn auch um ein bis zwei Rubel pro Liter zurück. Brancheninsider warnten aber, entweder werde der Preis kurz darauf hochschnellen oder Benzin an Tankstellen knapp werden. Nun trat beides ein. Der Benzinpreis werde um fünf bis sieben Prozent wachsen, weil er die Herstellungskosten nicht abdecke, sagt der Chef der Ölgesellschaft Lukoil, Wagit Alekperow. Es könne die Situation beruhigen, wenn der Staat die im Januar eingeführte höhere Akzise (Verbrauchssteuer) zurücknehme. Nach Angaben des russischen Statistikamtes stieg der Spritpreis seit Jahresanfang um drei Prozent, davon um 1,4 allein im April. Ein Liter Super kostet derzeit in Moskau knapp 28 Rubel (70 Eurocents). Mit sieben Prozent würde der Preis die psychologisch wichtige Grenze von 30 Rubel durchbrechen. Es sei immer noch weniger, als in der Ukraine, Weissrussland und im Baltikum, meint Alekperow. Solche Vergleiche ziehen bei der Bevölkerung aber nicht, weil Russland ja in Öl schwimmt.

Export bringt mehr

Da der Ölpreis auf internationalen Märkten seit dem Ausbruch der arabischen Revolutionen rapide wächst, ziehen die russischen Ölgesellschaften es vor, möglichst viel Rohöl zu exportieren, statt es umständlich und womöglich mit Verlust im Inland zu Benzin zu verarbeiten. In diesem Jahr wurden schätzungsweise 90 Prozent der gesamten geförderten Ölmenge ins Ausland geliefert. Hinzu kommt, dass mehrere Ölraffinerien gleichzeitig zur Renovierung schliessen. Auf dem flachen Land beginnt die Frühjahrsaussaat, die traditionell Unmengen Treibstoff schluckt.

Die Benzinpreiserhöhung wird sich unweigerlich auf alle Verbraucherpreise niederschlagen, was der Kreml im Vorfeld der Parlaments- und Präsidentschaftswahlen nicht brauchen kann. Deshalb wies Putin „kompetente Organe“ an, die Ursachen der Benzinkrise zu finden und zu beseitigen. Die Antimonopolbehörde FAS soll Ölgesellschaften in 20 russischen Regionen genau unter die Lupe nehmen. Lukoil, Gasprom Neft, TNK-BP, Rosneft, Surgutneftegas, Tatneft, NK Allianz und Baschneft stehen auf der Liste. Es ist so ziemlich die gesamte Ölindustrie Russlands. Die Ergebnisse der Kontrollen sollen nächste Woche veröffentlicht werden.

Experte: „Teurer Rubel ist schuld“

Solche Feuerwehrmassnahmen können keine Dauerlösung bringen. Die Idee, Binnenmarktpreise an den Weltmarktpreis anzugleichen, liesse sich offenbar nicht umsetzen. Der Rubel sei international deutlich überbewertet, sagt der bekannte Wirtschaftsexperte Michail Chasin. Die russische Zentralbank halte am hohen Rubelkurs fest, um mehr Geld aus den Ölexporten zu kassieren und so „die Inflation zu bekämpfen“. Dabei gehen Produktion und Steuern zurück. Der Kreml müsste der Zentralbank und dem Finanzministerium klar sagen, was der Rubel kosten dürfe, so der Experte. Das würde den Ölexport um jeden Preis und die Benzinkrise unterbinden.

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