Die erneuerbaren Energien können Kernkraft und Kohlestrom ersetzen. Dazu braucht es einen Mix der verschiedenen Energiequellen und eine dezentrale Energieversorgung, sagt der neue Eurosolar-Präsident Peter Droege. Die Energiesysteme werden mit der Informationstechnologie verschmelzen.
Steffen Klatt: Deutschland stellt seine Kernkraftwerke in Frage. Können die erneuerbaren Energien die Kernenergie ersetzen? Peter Droege: Das machen sie mit links. Denn die stagnierende Kernkraft liefert entgegen irreführender Industriestatistiken nur ein paar Prozent der gesamten kommerziellen Energieverbrauchs der Welt. Da sind die erneuerbaren auch heute schon weit überlegen. Abschalten ist in vielen Ländern auch möglich - eben in denen Nationen, die nicht den grossen Fehler begangen haben, gross auf Atom zu setzen. Das haben wir in Deutschland gesehen, dort wurden sieben Reaktoren ohne Probleme kurzfristig abgeschaltet, und Deutschland blieb im Saldo generell Energieexporteur. Verwandte Themen| { Atomkonzerne unter Druck, 21.04.11 } | | { Die Akzeptanz für Windkraft wächst, 18.04.11 } | | { Droege ist Eurosolar-Präsident, 06.04.11 } | | { Japan-Trauma in Kalifornien, 23.03.11 } | | { Schnell Richtung Erneuerbare, 18.03.11 } | | { Die Technik für den Umstieg ist da, 18.03.11 } | | { Energieautarke Alpen, 24.11.10 } | | { Schaffst du´s ohne Vater Staat?, 15.11.10 } | | { Die Klima-Rechnung, bitte!, 10.11.10 } | | { Atomkraft bremst Erneuerbare, 26.08.10 } | | { Life Klimastiftung: 1. Bilanz, 16.07.10 } | | { 2000 Watt müssen reichen, 29.06.10 } | | { Deckel angehoben, 18.06.10 } | | { Ästhetik ist der Schlüssel, 15.06.10 } | | { Schweizer hinken hinterher, 09.06.10 } | | { Energie muss schön sein , 25.05.10 } |
Aber es geht nicht nur um die Ersetzung der Kernenergie, sondern auch um den völligen Rückbau der Fossilen - und den grundlegenden Umbau der Energieversorgung. Sie ist heute auf spitzenlastorientierte Grundversorgung ausgerichtet, also auf Überproduktion. Damit wird Energie dramatisch verschwendet. Wir können allein durch sehr billige Effizienzmassnahmen nicht nur den gesamten Kernenergiepark verschrotten, sondern brauchen auch keine neue Kohlekraftwerke.Steffen Klatt:Warum sind diese Massnahmen noch nicht umgesetzt? Energieeffizienz spart Geld. Peter Droege: Die Hersteller von Atomenergie verdienen damit kein Geld. Auch die Betreiber von Kohlekraftwerken möchten weiter diese Grundlast herstellen, und Jahr für Jahr ausweiten - was sie leider weltweit auch tun. Steffen Klatt:Kann man die Stromproduktion am tatsächlichen Verbrauch ausrichten? Auch der Wind bläst nicht zwingend dann, wenn wir Strom brauchen. Peter Droege: Deshalb haben wir auch eine ganze Reihe von erneuerbaren Energien. Sie stützen sich gegenseitig. Speichersysteme - sowohl allein wie auch im intelligenten Netz - sind hier essentiell. Aber auch ohne intelligente Netze können wir je nach örtlicher Begabung schon heute den Strom- und thermischen Energieverbrauch weitgehend lokal decken. Diese lokale Abdeckung muss das primäre Ziel sein. Darauf kann man dann das Gesamtsystem aufbauen. Steffen Klatt:Stellt dann jedes Haus den eigenen Strom her? Peter Droege: Europaweit sollen bis 2020 alle neuen und auch alle renovierten Wohngebäude sich energetisch weitgehend selbst versorgen. Steffen Klatt:Wird in Zukunft auf jedem Haus eine Photovoltaikanlage installiert sein? Peter Droege: Es muss für jeden Ort die geeignete Lösung geben. Das kann in der Tat bedeuten, dass in geeigneten Lagen jedes Haus Photovoltaik hat, auch in Fassaden integriert. Wenn man heute Häuser baut oder sogar erst in der Ausbildung ist, dann ist man gut beraten, so zu denken, dass jedes Gebäude mindestens selbstversorgend, wenn nicht Überschussstrom produzierend sein muss. Das bedeutet häufig eine Kombination von Suffizienz, Energieeffizienz und –dämmung und wahrscheinlich einer maximalen Ausstattung der Fassade und des Daches mit Photovoltaik sowie Wärmepumpen. Steffen Klatt:Müssen wir uns von dem alten Modell verabschieden, dass grosse Kraftwerke die Energie produzieren, die dann in den energiehungrigen Gebäuden verbraucht werden? Peter Droege: Unbedingt. Es ist nicht vorstellbar, dass es auch nur mittelfristig weiter so funktionieren kann. Steffen Klatt:Ihre dezentrale Energiezukunft bedeutet doch praktisch, dass jeder Hauseigentümer auch sein eigener Energiewirt werden muss. Heute erledigen das die Stadtwerke für ihn. Wird die Arbeitsteilung damit wieder aufgehoben? Peter Droege:Arbeitsteilung ist hier ein beschönigender Begriff. Es ist eine Form von Abhängigkeit in einem monopolistischen System. Ausgerechnet im wichtigsten Bereich der Versorgung haben wir keine Kontrolle. Künftig kann ich wählen zwischen einer energetischen Unabhängigkeit oder verschiedenen Angeboten der Stadt – 'reinen' Strom also, eben aus Wind-, Wasser und Solarkraft. Steffen Klatt:Wie lange braucht die mentale Anpassung der Verbraucher an die neue Welt einer dezentralen Energieversorgung? Peter Droege: Das geht sehr schnell. Als ich angefangen habe, mit Computern zu spielen, haben wir noch ganz beschränkt mal Nachrichten ausgetauscht. Damals haben wir noch gemeint, email sei etwas für Rüstungsunternehmen. Innerhalb weniger Jahre wurde das zu einem weltweiten Netz. Es gab mal die Idee, dass es nur sieben oder acht Computer in der Welt braucht. Heute gibt es in jedem Apparat winzige Computer überall, auch der kleinste mit der Leistung der ersten Riesenmaschinen. Dieser Umschwung kann auch in der Energieversorgung stattfinden. Steffen Klatt:Wird die Energieversorgung ähnlich dezentral werden wie das Internet? Peter Droege: In der Tat. Die Energieversorgung wird mit der Informationstechnologie verschmelzen. Die Produktionskapazitäten, die Speicherkapazitäten werden miteinander vernetzt. Zur Person: Peter Droege ist seit Anfang April als Nachfolger des 2010 verstorbenen Hermann Scheer Präsident von Eurosolar, dem europäischen Verband für erneuerbare Energien. Droege lehrt seit 2008 nachhaltigen Städtebau und Raumentwicklung an der Universität Liechtenstein. Dort leitet er ein grenzüberschreitendes Projekt zur vollständigen Versorgung der Bodensee-Alpenrhein-Region mit erneuerbaren Energien. Droege hat an der Technischen Universität München sowie am Massachusetts Institute of Technology studiert und an den Universitäten Tokio, Sydney und Newcastle gelehrt. Er war mit Scheer Gründungsmitglied des Weltrats für Erneuerbare Energien. Das vollständige Interview finden Sie auf Cleantech.ch Bild: Sven Beham / Kaiser Ritter Partner
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