Das einstige Paradies für alternatives Leben in Kopenhagen ist mächtig unter Druck. Die alternative Freistadt Christiania in Kopenhagen wurde gar von den Einwohnern geschlossen, um auf ihre Existenzbedrohung durch die Regierung aufmerksam zu machen. Die will den inzwischen lukrativ gewordenen Teil Kopenhagens „normalisieren”.
Wer dieser Tage nach Kopenhagen reist, um bei einem Frühlingsspaziergang alternativen Indienschmuck oder gar Haschisch in der Freistadt Christiania zu kaufen, kommt nicht rein. „CHRISTIANA ER LUKKET - CHRISTANIA IS CLOSED”, steht am Eingang der alternativen Freistadt in Kopenhagen auf einem handbemalten, roten Schild in lebensfrohen, gelben Buchstaben mit extra dicken i-Punkten. In Englisch steht es dort auch, damit die meisten Besucher, also die Touristen, die Lage verstehen. Und das auf „unbestimmte Zeit” laut Flugblatt und „für ein paar Tage” laut Christianias Presseabteilung. Verantwortlich für die Schliessung des gesamten alternativen Stadtteils für die Aussenwelt sind dabei erstaunlicherweise nicht dänische Polizeibeamte, sondern erstmals die über 700 Einwohner selbst. An sämtlichen Durchschlüpflöchern haben sie am Mittwoch Holzwände aufgestellt, die Touristen und Haschkonsumenten den Zugang verwehren. Sämtliche Veranstaltungen, sämtliche Geschäfte, ob legal oder eher illegal, Cafés und Kneipen in der Freistadt, werden damit laut Einwohnern unmittelbar geschlossen. Dies im Protest gegen die von der Regierung betriebene „Normalisierungspolitik” für die Freistadt - einen Begriff, den die Christianitter selbst mit „Abschaffung” übersetzen. „Wir wollen darauf aufmerksam machen das unser aller Christiania unter Druck steht”, steht auf den Flugblättern, die Aktivisten am Mittwoch verteilten, um eine breitere Allgemeinheit in Dänemark für ihre Sache einzunehmen. „Wir haben 40 Jahre gebraucht um eine von Dänemarks grössten Touristenattraktionen zu erschaffen”, mit europaweit einmaligem Kultur- und Lebensraum, heisst es weiter. Das deutet auf einen Strategiewechsel im inzwischen über achtjährigen Konflikt mit Regierung und Polizei hin. Denn bislang gab sich die nun offen marktwirtschaftlich argumentierende Alternativgemeinde stets betont antikommerziell. Hausbesetzer statt SozialexperimentIm Februar hatte der höchste dänische Gerichtshof entschieden, dass die Regierung das inzwischen sehr wertvoll gewordene 34 Hektar grosse Landstück mitten in Kopenhagen an Investoren verkaufen darf, die dort gewöhnliche Wohnblöcke errichten wollen. Die Christianitter wurden durch den Richterspruch zumindest juristisch wieder zu dem, was sie einst waren, als sie die stillgelegte Militärkaserne übernahmen - illegale Hausbesetzter. Ein paar Jahre nach der Gründung von Christiania 1971 hatte das Parlament den Freistadt im damaligen Zeitgeist offiziell als „soziales Experiment” anerkannt. 1982 erhielten die Bewohner unbegrenztes Gebrauchsrecht, das 2004 mit der bürgerlichen Regierung wieder aufgehoben wurde. Der offene Drogenverkauf in der so genanten Pusher Street wurde verboten. Die Folge war dessen Verteilung von einem konzentrierten Ort, den die Polizei noch einigermassen gut überwachen konnte, hin über die ganze Stadt, mit unzähligen Bandenkriegen im Schlepptau. Aufgrund der langen Tradition muss sich die Regierung nun, trotz Rechtssieg auf letzter Instanz, um einen Kompromiss mit den Bewohnern bemühen. Die versuchen nun vor allem durchzuhalten und so wenig am Verhandlungstisch preiszugeben wie möglich. So soll Zeit gewonnen werden, bis es irgendwann zu einer linken Regierung in Dänemark kommt, die der Hippiegemeinde freundschaftlicher gegenüberstehen dürfte. Kreativ findet woanders stattAllerdings hat die Freistadt auch bei linksliberalen Dänen nicht mehr die Unterstützung, die sie einst hatte und die sie früher mit vor einem Zugriff des Staates beschützte. Für Kopenhagener ist es seit Langem klar, dass die einst vor Kreativität und Inspiration blühende Alternativmetropole mit gelebter Basisdemokratie immer mehr Eintags-Touristen, Alkoholiker, Haschfreunde und herumhängende Vorortjugendliche anzieht. Die eigentlichen Bewohner sind eine zunehmend älter werdende Schar von Ex-Hippies mit etablierten Jobs und extrem niedrigen Mieten. „Christiania wird grau und alt”, titelte selbst die der Freistadt wohlgesinnte linksliberale Tageszeitung Politiken. Nicht nur das Strassenbild erweckt heute er einen traurigen Anschein. Statistisch gesehen, ist der Durchschnitts-Christianitter heute männlich, und zwischen 40 und 60 Jahre alt mit einem Jahreseinkommen von 160.000 Dänenkronen (21.500 Euro/ 27.600 Franken). Die Arbeitsplätze liegen grösstenteils ausserhalb von Christiania, im normalen Dänemark. Der Anteil der Älteren ist damit inzwischen doppelt so gross wie im bürgerlicheren Rest von Kopenhagen. Musik, Kunst, Mode, Design, eigentlich fast alle kreativen Ereignisse finden schon lange anderswo in Kopenhagen statt. Bild: living-brand.blogspot.com
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