Unwirtschaftlich

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Steffen Klatt, Cleantech.ch 26.04.11
Bookmark and Share

Wer heute auf neue Kernkraftwerke setzt, schadet der Zukunft der Stromunternehmen, untergräbt die Versorgungssicherheit, macht ausländischen Grosskonzernen Milliardengeschenke, raubt der einheimischen Wirtschaft eine einmalige Chance und treibt den Strompreis. Die economiesuisse will eine millionenschwere Kampagne für neue Atommeiler anwerfen. Warum eigentlich?Schade. Die economiesuisse setzt sich für einen verantwortungsvollen Umgang des Staates mit Steuergeldern ein und wirft selbst das Geld ihrer Mitglieder zum Fenster hinaus. Anders kann man die Ankündigung von Gerold Bührer nicht verstehen, eine mehrere Millionen schwere Kampagne zugunsten neuer Kernkraftwerke anzuschieben.

Denn neue Kernkraftwerke nützen in der Schweiz niemandem.

Sie nützen den Energieversorgern nicht, denn diese könnten den Strom auch aus günstigeren Quellen produzieren. Ob der Strom aus dem Kernkraftwerk kommt oder aus einem Park von Windmühlen und Photovoltaik, ist für den Umsatz gleichgültig. Aber bei den Erneuerbaren gibt es am Drumherum mehr zu verdienen, als bei zentralen Grosskraftwerken. Die Kraftwerksbetreiber müssten sich bloss aus Energieproduzenten zu Energiedienstleistern mausern. Tun sie es nicht, werden sie aussterben wie einst die Dinosaurier. Oder die Postkutschen am Gotthard. Das belastet den Steuerzahler, denn die Stromerzeuger gehören in der Schweiz meist den Kantonen und Gemeinden.

Neue Kernkraftwerke nutzen der Volkswirtschaft nicht, denn sie verlängern die Abhängigkeit von ausländischen Energiequellen um Jahrzehnte. Uran kommt nur in wenigen Ländern vor, anders als Öl oder gar Erdgas. Wenn ein Kernkraftwerk mal am Netz ist, muss es Jahrzehnte laufen, um zu rentieren. Ist auf Dauer gesichert, dass jene Länder ihr Uran verkaufen? Wo aber Abhängigkeit ist, da ist auch Erpressungspotential. Versorgungssicherheit sieht anders aus.

Neue Kernkraftwerke nutzen auch Schweizer Unternehmen nicht, denn sie schaffen keine Arbeitsplätze. Das bisschen Beton ist schnell gemischt. Der Stahl wird importiert, die Turbinen ohnehin. Und die Stellen für den Betrieb und die Wartung gibt es längst. Neue Kernkraftwerke wären ein Milliardenprogramm für Kraftwerkbauer wie die französische Areva und die russische Rosatom, auf Kosten der Schweizer Verbraucher. Anders bei der Photovoltaik: Da bleibt mindestens die Hälfte der Investition in der Region. Die Energiewende zu den Erneuerbaren ist ein Marshallplan für die innovative Bauwirtschaft und das lokale Gewerbe.

Und schliesslich nutzen neue Kernkraftwerke auch den Stromverbrauchern nicht, denn Energie aus Kernkraft wird immer teurer. Und zwar gleich aus mehreren Gründen.

Ein Teil der Kosten der Kernkraft ist bisher verdeckt worden: Die für den Bau nötige Forschung war staatlich finanziert. Die Kosten für den Abbau wurden bisher schöngerechnet. Die Kosten für die Lagerung und Endlagerung sind offen. Die Kosten für eine Katastrophe – möge sie niemals eintreten - wurden auf lächerliche 1,8 Milliarden Franken gedeckelt. Wieviel würde es kosten, wenn ein Gebiet von 20 Kilometern rund um Mühleberg nicht mehr bewohnt werden dürfte, wie jetzt in Fukushima? Die Steuerzahler werden aber zunehmend die Kostenwahrheit durchsetzen, damit sie nicht eines Tages auf den Kosten sitzen bleiben. Das wird den Preis treiben.

Kernkraft wird zudem immer teurer werden, weil die Sicherheitsanforderungen – zu recht – immer höher geschraubt werden. Nach Fukushima wird es da nochmals einen Schub geben.

Kernkraft wird auch immer teurer, weil der Bau immer aufwendiger und teurer wird. Das zeigt sich am ersten Reaktorneubau in Westeuropa seit Tschernobyl: Der Reaktor 3 im finnischen Olkiluoto, gebaut von Areva, sollte 3 Milliarden Euro kosten und bereits fertig sein. Nun kostet er mindestens 5,5 Milliarden Euro, fertig wird er vielleicht 2013.

Kernkraft wird schliesslich immer teurer werden, weil der Brennstoff endlich ist, siehe oben. Je weniger davon verfügbar ist, desto teurer wird er. Wie schnell das geht, zeigt der Ölpreis. Vor weniger als einem Jahrzehnt waren 30 Dollar pro Fass hoch. Heute sind 120 Dollar Alltag. Umgekehrt bei den Erneuerbaren: Die Preise für Solarmodule sind allein in der Krise um 40 Prozent gefallen. Die Sonne scheint ohnehin umsonst.

Es ist also klar, dass neue Kernkraftwerke in der Schweiz aus wirtschaftlicher Sicht unsinnig sind. Fragt sich nur, warum sich economiesuisse für sie einsetzt.

Offensichtlich ist, dass economiesuisse keine Werbeagentur von Areva oder Rosatom ist, den einzigen potentiellen Profiteuren. Bleibt also nur, dass economiesuisse gar nicht will, was sie vorgibt zu wollen. Statt neuer Kernkraftwerke will sie nur möglichst lange Laufzeiten. Wirtschaftlich ist das sinnvoll, denn was schon bezahlt ist, bringt Gewinn. Vorausgesetzt, die Sicherheit stimmt. Das könnte also heissen, dass economiesuisse eine Maximalforderung aufstellt, die sie selbst nicht will, um das eigentliche Ziel zu erreichen.

Dazu passt, dass der ebenfalls freisinnige Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann sich am gleichen Tag und sogar in der gleichen Zeitung – der SonntagsZeitung –zu Wort gemeldet hat wie Gerold Bührer. Und er hat genau dieses Ziel formuliert: Keine neuen Kernkraftwerke, aber dafür möglichst lange Laufzeiten. Gerold Bührer hat womöglich also in den sauren Apfel gebissen und spielt den „bad guy“, damit sein Parteifreund Schneider-Ammann um so besser als „good guy“ glänzen kann.

Dazu passt auch, dass economiesuisse für seine Kampagne „nur“ noch Ausgaben im einstelligen Millionenbereich vorsieht statt einer fast zweistelligen Millionensumme wie noch vor Fukushima.

Dazu passt erst recht, dass Bührer von einem „Interregnum“ bei der Kernkraft spricht. Er hält es also – angeblich - für denkbar, dass neue Kernkraftwerke ans Netz gehen, während die alten schon längst abgeschaltet sind. Das ist wirtschaftlich nicht sinnvoll, da riesige Infrastrukturen eingemottet werden müssten. Und das kostet viel Geld. Also kann es der einstige Finanzchef eines Grosskonzerns mit dem „Interregnum“ nicht wirklich ernst gemeint haben.

Schlau, die Strategie der economiesuisse. Aber wäre es im Interesse der Schweiz und der Schweizer Unternehmen nicht noch schlauer, gleich auf die Förderung von erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und Cleantech zu setzen, wie es etwa swisscleantech tut?

 

Steffen Klatt hat Nachhaltigkeit.org mitgegründet und ist leitender Redaktor des Informationsdienstes Cleantech.ch

 

 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Deprecated: Function ereg_replace() is deprecated in /home/www-data/nachhaltigkeit.org/components/com_jcalpro/config.inc.php on line 405

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren