In Berlin wurde der neueste Bericht zum Weltkulturerbe vorgestellt, er fällt überwiegend erschreckend aus. Icomos, der Internationale Rat für Denkmalpflege hält in seiner Analyse „Heritage in Risk“ fest: Weltweit ist der Zustand vieler historisch bedeutender Bauwerke, Parks und Kulturlandschaften besorgniserregend.
Kurz vor Ostern tagte Icomos, der Internationale Rat für Denkmalpflege, in Berlin. Im Alten Museum stellt er den Bericht „Heritage in Risk“ vor, eine einzige Trauerveranstaltung. Noch nie war weltweit der Zustand so vieler historisch bedeutender Bauwerke, Parks und Kulturlandschaften derart besorgniserregend; eine breit angelegte Publikation listet das penibel auf. Nachlässig: Saudis und Türken Darunter befinden sich auch archäologische Fundorte, die durch Kriege und Katastrophen bedroht sind wie nie zuvor. Massive staatliche Ignoranz gegenüber dem gebauten Kulturerbe unterstütze passiv ein wild agierendes Investorentum, das gegenüber den Hinterlassenschaften früherer Generationen und Kulturen immer weniger Gnade walten lässt. Auch scheint das Bewusstsein für architektonische Schönheit und die Meisterleistungen der Baukunst vergangener Epochen insgesamt im Schwinden zu sein – und zwar nicht nur im Westen, sondern auch in allen anderen Kulturen der Erde. So droht der Altstadt von Jeddah in Saudi-Arabien der Verfall, es ist die altehrwürdigste Stadt im Staat der Ölscheichs, einem der reichsten Länder der Welt. Es werden keine Erhaltungsmittel zur Verfügung gestellt. Eine ebensolche Tragödie ist die Istanbuler Altstadt. 2010, als die türkische Metropole Europas Kulturhauptstadt war, hat man dort halbherzig einiges getan, doch das war nur Fassadenflickschusterei für die Touristen, keine systematische Bestandserhaltung. Viele Gebäude sollen nun vor dem Zusammenklappen stehen. Die alte rumänische Stadt Rosia Montana im Apuseni-Gebirge soll sogar gänzlich ausgelöscht werden. Dort hatten schon die Römer vor zwei Jahrtausenden unter Kaiser Trajan Gold aus der Erde geholt, nun versucht man es abermals, hat wohl ein glänzendes Potenzial entdeckt und ist sogar bereit, einen rumänisch-kanadischen Konzern dort anzusiedeln, um den neuen Goldrausch unter Kontrolle zu halten. Dafür wird ein Welterbe geopfert.Denkmalsverachter BerlusconiZu den größten Sündern am errichteten Weltkulturerbe gehört Italien unter dem Denkmalsverachter Berlusconi. Der verscherbelt antike Stätten, um durch Teilprivatisierung den maroden Staatshaushalt zu entlasten. Das weltberühmte Pompeji ist davon betroffen, aber auch Cagliari auf der Insel Sardinien, die bedeutendste Nekropole im gesamten Mittelmeerraum. Der Wiederaufbau der Altstadt von L’Aquila in den Abruzzen, die vor zwei Jahren von einem Erdbeben hart getroffen wurde, stagniert. Berlusconi hatte eine zügige Sanierung zugesagt. In Moskau und St. Petersburg ist es der Turbo-Kapitalismus, der Bauten der russischen Avantgarde bedrängt. Eine beispiellose Bauwut nimmt keinerlei Rücksicht auf das Denkmalserbe. In Moskau verkommen grotesk die Doppelzylinder der berühmten Melnikow-Villa und das Narkomfin-Haus des Künstlers Ginzburg von 1930. Obwohl deren Sanierung mehrmals versprochen wurde, lässt man diese Bauten zerbröckeln. In St. Petersburg ist der Hochhaus-Boom die größte Gefahr für das Weltkulturerbe rund um den Fluss Newa – durch die Pläne werden die Sichtachsen zerstört. Lage in Japan noch unklar In Brasilien, Pakistan und der Türkei versinken Weltkulturschätze in riesigen Staudämmen. In Chile, Haiti und China haben die Erdbeben der letzten drei Jahre Verheerendes angerichtet. Die Lage in Japan nach dem Erdbeben und Tsunami im März ist noch unklar; bisher ist belegt, dass 150 historische Bauwerke Schaden nahmen. Gegenüber diesen Auswüchsen kommt Deutschland glimpflich davon. Die Denkmalschützer dürfen immer noch hoffen, dass die geplante Brücke bei St. Goar im Rheintal durch Bürgerprotest verhindert wird. Der vieldiskutierte Pergamon-Streit in Berlin um die Neugestaltung des Museums auf der Museumsinsel hat bei der Unesco keinen Alarm ausgelöst, dagegen die eigenwilligen neuen Denkmalschutzgesetze in Sachsen und Niedersachsen. Gelobt wird von den Welterbe-Wächtern das millionenschwere Investitionsprogramm des Bundes für Wohnsiedlungen der deutschen Moderne. Bild: Weltkulturerbe Florenz (Langella, G. / UNESCO)
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