Nur noch ein Drittel der Berliner fahren Auto. Und dieser Trend setzt sich nicht nur in Deutschlands Hauptstadt durch. Das Automobil hat als Statussymbol seinen Glanz verloren. Laut einer Senatsstudie zur Mobilität findet gerade ein gewaltiger Umbruch statt.
In Berlin, Deutschlands grösster Stadt, gibt es 1,1 Millionen Autos, verteilt auf 3,4 Millionen Einwohner. 324 Vierradgefährte pro 1000 Berliner, ein bundesweiter Spitzenwert – nach unten. Noch nie gab es so wenig Autos in einer Metropole. In München sind es zwar – zum Vergleich – immerhin noch 548 Autos pro 1000 Einwohner, aber in Stockholm 520, in Paris gar nur 483. Berlin toppt alle europäischen Grossstädte: Dort hat fast die Hälfte der Bevölkerung gar kein Auto (mehr). „Sogar bei jungen Leuten geht der Trend weg vom Pkw“, wundert sich Verkehrsstaatssekretärin Maria Krautzberger (SPD). Die 56-Jährige konnte sich bis vor kurzem ein Leben ohne Fahren auf vier Reifen nicht vorstellen, wie sie zugibt. Nun muss sie aber aufgrund der Datenlage in der jüngst erschienenen Senatsstudie „Mobilität der Stadt – Berliner Verkehr in Zahlen“ zugeben, dass da gerade ein gewaltiger Umbruch stattfindet. Denn Berlin steht durchaus für einen bundesweiten Trend: Das Automobil hat als Statussymbol seinen Glanz verloren. Für andere deutsche Gross- und Mittelstädte liegen noch keine exakten Zahlen vor. Aber Berlin ist seit 2010 Europas Pkw-ärmste Metropole. Der Berliner verbringt auf dem Weg zur Arbeit, zu Schule und Uni, zum Einkaufen oder anderen Zwecken im Schnitt 70 Minuten pro Tag im Verkehr und legt dabei 20 Kilometer zurück. Mit dem Auto tun das aber nur noch 31 Prozent der Bevölkerung – sechs Prozent weniger als vor zehn Jahren. Fast ebenso viele gehen zu Fuss (30 Prozent), andere benutzen Bus, S- und U-Bahn (26 Prozent) oder das Fahrrad (13 Prozent). Der Sprit wird immer teurerVerkehrsforscher sagen, dass es 2025 den klassischen Individualverkehr der herkömmlichen Art nicht mehr geben wird. Der in Braunschweig lehrende Mobilitäts- und Zukunftsforscher Stephan Rammler kennt den Grund dafür: In den nächsten Jahren werden sich Benzin und Diesel extrem verteuern, weil es immer weniger Erdöl gibt. „Darauf muss sich die Politik bereits heute einstellen“, so Rammler. Das heisst: Verzicht auf den Neubau von Strassen, mehr Mittel in den Ausbau des Nahverkehrs. Berlin hatte das vor 90 Jahren schon mal versucht: In den 20-ern wurde gegen den Auftrieb der Autodroschken das Strassenbahnnetz flächendeckend ausgeweitet auf über 600 Kilometer. Der Zweite Weltkrieg zerstörte diese Infrastruktur. Berlin jetzt wieder Vorreiter Jüngst wurde der Olivaerplatz am Kurfürstendamm neu gestaltet, die Parkplätze zugunsten von Grünanlagen abgeschafft. Wer mit dem Auto in die Innenstadt will, braucht eine Umweltplakette vom TÜV an der Heckscheibe. Aber es lohnt sich kaum, denn wo soll man den Wagen abstellen? Parkplätze werden immer rarer. Es ist entspannter, den Nahverkehr zu nutzen. Die S-Bahn zählte 2010 über 370 Millionen, die U-Bahn- und Busgesellschaft BVG 925 Millionen Fahrgäste. Das Verkehrsnetz der öffentlichen Bahnen und Busse ist– trotz des allwinterlichen S-Bahn-Chaos – optimal. Es erreicht im Stadtgebiet eine Länge von 1900 Kilometern. Das entspricht der Entfernung zwischen Berlin und Moskau. Mehr als 1500 Kilometer davon sind Radwege, 650 Kilometer Strassen und 125 Kilometer Radfahrstreifen auf Fahrbahnen. Durch die allmähliche Verdrängung des Autoverkehrs ist die Zahl der Verkehrsunfälle (rund 125 000 pro Jahr) um zehn Prozent gesunken. Keine Ikone mehrEs ist nicht nur die rasante Verteuerung des Autobesitzens – seit dem Jahr 2000 um 35 Prozent –, das vor allem junge, oft in unsicheren Jobs tätige Leute davon abhält, sich einen fahrbaren Untersatz zuzulegen. Das Auto ist nicht mehr die Ikone der modernen Mobilität, es verliert an kulturellem Wert. Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) belegte bereits 2008, dass 18- bis 24-Jährige das Auto um zwölf Prozent weniger nutzen als noch 2002. Das Deutsche Mobilitätspanel beim Karlsruher Institute of Technology (KIT) bezeichnet die Entwicklung als „in ihrer Deutlichkeit eher unerwartet“. 1998 hatten noch knapp 90 Prozent der jungen Leute bis 25 den Führerschein in der Tasche, 2008 waren es nur noch 75,5 Prozent. Und jedes Jahr werden es weniger. Glaubt man den Szenarien der Zukunftsforscher, zu denen auch das renommierte Fraunhofer-Institut gehört, ist der drastische Rückgang des Individualverkehrs via Pkw unaufhaltsam. Das sei, so die Experten, schon aufgrund der sinkenden Bevölkerungszahlen und der zunehmenden Alterung absehbar. Am meisten werden aber die gewaltig ansteigenden Energiekosten das Ende des Dinosauriers beschleunigen. Er ist zu gefrässig geworden, braucht zu viel Platz und macht zuviel Dreck. Bild: Fahrradfahrer vor dem Reichstag in Berlin (2008 Hotel Gates Berlin)
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