Atomkonzerne unter Druck

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Geschrieben von: Ulrich Glauber, Frankfurt 21.04.11
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Deutschen Stromkonzernen bläst der Wind ins Gesicht. Doch das Umsteuern fällt schwer. Bei RWE kommt Konzernchef Grossmann für sein Festhalten am Atomstrom unter Druck. Bei EnBW macht sich der politische Machtwechsel bemerkbar.

Man kann RWE-Chef Jürgen Grossmann als alten Fahrensmann sehen, der sich von politischen Stimmungslagen nicht beeindrucken lässt, oder als einen Methusalem der Kernkraft, der den Untergang eines Energiedinosauriers nicht mehr verhindern wird. Eins jedenfalls ist klar: Weder von der Katastrophe im japanischen Fukushima noch von der Ankündigung einer Energiewende durch die deutsche Regierung lässt sich der 59jährige von seinem Atomkurs abbringen. „Die deutschen Kernkraftwerke erfüllen die geltenden Sicherheitsanforderungen“, rief der Konzernlenker vor mehr als 6000 Aktionären auf der RWE-Hauptversammlung aus. „Daran ändern die Ereignisse in Japan nichts“.

Lautstarke Proteste

Der Konzernlenker, dem barocke Züge nachgesagt werden, liess sich auch von lautstarken Protesten in die Essener Gruga-Halle eingedrungener Atomkraftgegner nicht in seiner Angriffslust bremsen. „Statt den volkswirtschaftlichen Schaden zu begrenzen, konzentriert sich die Politik darauf, Schadenersatzforderungen der Versorger zu vermeiden“, kritisierte Grossmann den Wendekurs der deutschen Regierung. Dass sein Unternehmen als einziger der vier Atomkraftbetreiber E.on, RWE, EnBWund Vattenfall gegen das Moratorium geklagt habe, mit dem die Bundesregierung die ältesten Meiler der Bundesrepublik erst einmal drei Monate für eine Sicherheitsüberprüfung stillgelegt hatte, sei man „den Aktionären schuldig“ gewesen.

„Gefahr für RWE-Zukunft“

Ein Häuflein Atomkraftgegner hatte mit Sitzblockaden und vor der Halle kreuz und quer gespannten Wollfäden dafür gesorgt, dass die Hauptversammlung mit Verspätung begann. Doch mit solchen Protesten kann ein Wirtschaftsboss wie Grossmann leben. Heikler ist da, dass auch ein Teil der Anteilseigner seinen Kurs in Frage zu stellen beginnt. Jedenfalls hatte Spiegel online berichtet, an RWE beteiligte Kommunen vorrangig aus dem Ruhrgebiet hätten Grossmann bei einer vorbereitenden Sitzung vor der Hauptversammlung massiv kritisiert. Grund sei das Festhalten des Managers an der Atomkraft, während ein Teil der Anteilseigner aussteigen wolle, hiess es.
Die Opposition im deutschen Bundestag sieht bereits Gefahren für den nach Umsatz zweigrössten Energiekonzern heraufdämmern. „Grossmann führt RWE in die Sackgasse: Der Konzern wird nur noch als technisch und strategisch veralteter Dinosaurier wahrgenommen, dem die Kunden weglaufen und mit dem niemand Geschäfte machen will", sorgt sich SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber um das RWE-Image. „Auf die Renditen alter Atommeiler zu setzen statt in den Zukunftsmarkt der Erneuerbaren Energien zu investieren, ist keine Erfolg versprechende Unternehmensstrategie", pflichtet Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn bei.

Nicht nur Frage des Willens

Allerdings ist ein Schwenk in der Strategie der Energieriesen nicht nur eine Frage von Einsicht und Willen. Das war am Dienstag bei der Hauptversammlung des baden-württembergischen Versorgers EnBW mit den Händen zu greifen. Während RWE trotz des Atom-Moratoriums bei seiner Ergebnisprognose bleiben konnte, schockte EnBW-Chef Hans-Peter Villis die Anteileigner mit einer Gewinnwarnung. Damit wird das Dilemma offenkundig. Die deutsche Privatwirtschaft muss für die angestrebte Energiewende einen dreistelligen Milliardenbetrag einsetzen, schätzt jedenfalls Grossmann. Woher das Geld kommen soll, wenn die satten Profite aus der Atomkraft ausbleiben, ist nicht abzusehen.

So scheint auch bei den Grünen keine grosse Begeisterung zu herrschen, dass sie nach ihrem furiosen Wahlsieg bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg jetzt ein Wörtchen beim Energiekonzern EnBW mitreden können. Denn der bisherige Ministerpräsident Stefan Mappus - ein CDU-Politiker und AKW-Befürworter - hatte dem französischen Konzern EdF ein Anteilspaket von fast der Hälfte der Aktien abgekauft. Entsprechend wurde die ehemalige Grünen-Vorsitzende Gunda Röstel am Dienstag in den EnBW-Aufsichtsrat bestellt. Dass die heutige Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden gar nicht erst zur Hauptversammlung nach Karlsruhe anreiste, spricht Bände über den Enthusiasmus, mit dem die Grünen ihre neuen Möglichkeiten beim klammen Energieunternehmen angehen.

Zu spät umgedacht

Kritiker werfen den Energieriesen in Deutschland vor, sie hätten sich zu spät auf den Weg in Richtung Erneuerbare gemacht. Eine am Dienstag veröffentlichte Studie im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace beleuchtet das Versäumnis: Danach wird Strom aus erneuerbaren Energieträgern fast ausschliesslich von Regionalversorgern, Stadtwerken, Bürgerwindparks und Privathaushalten zur Verfügung gestellt. Von E.on, RWE, EnBW und dem deutschen Abalger des schwedischen Konzerns Vattenfall kommen gerade mal 0,5 Prozent.

Bild: Dr. Jürgen Grossmann, Vorstandsvorsitzender RWE AG (RWE)

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