Die ersten Gärten auf New Yorks Dächern versorgen die Städter schon mit Gemüse. Und wenn es nach den Betreibern ginge, wären zehntausende Flachdächer der Metropole schon begrünt. Die Grossstadtfarmer erfüllen sich somit einen Traum, der inzwischen Schule macht. Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Bildmontage. Die grandiose Aussicht auf die Skyline von Manhattan – und die jungen Leute, die mit Feuereifer, Kompost und Schaufeln dabei sind, einen Gemüsegarten anzulegen. Doch nichts ist manipuliert, alles echt. Die Grossstadtfarm liegt in New York, auf dem Dach eines Hochhaus am Northern Boulevard, nur durch den East River getrennt von Midtown Manhattan. Die Dachfarm ist der bislang spektakulärste Erfolg einer Bewegung, die zehntausende Flachdächer von New York City zu Hochhausgärten umfunktionieren will. Rund 5000 Hektar Dachfläche besitzt die Stadt, und wenn man dort überall Gemüse anbauen würde, müsste New York kein Grünzeug mehr importieren, haben Experten ausgerechnet. Soweit die Theorie. Doch immerhin, die ersten Schritte sind getan. „Brooklyn Grange“, Hof von Brooklyn, nennt sich das Projekt am Northern Boulevard. Der Name ist irreführend, denn das Haus steht im Stadtteil Queens. Er rührt daher, dass der Gründer, Ben Flanner, im Nachbarviertel Brooklyn lebt. Er wollte das Projekt dort auch starten, doch es ist gar nicht so einfach, Hauseigentümer zu finden, die ihr Dach ein paar Öko-Visionären zur Verfügung stellen. Deshalb griff Flanner zu, als ihm die Immobilienfirma Acumen Capital Partners das Dach des früheren Fabrikgebäudes in Queens anbot. Es umfasst stolze 4000 Quadratmeter und ist damit so gross wie ein Fussballfeld. Mit der ersten Fuhre Setzlinge waren Flanner und seine Helfer tagelang beschäftigt – es waren 9000 Stück. Hochhausgärten breiten sich aus Nicht nur in New York ist die Begeisterung über Dachgärten entbrannt, die Bewegung gewinnt in immer mehr amerikanischen Städten Anhänger. In Chicago etwa wird biologische Landwirtschaft auf dem Dach eines Jugendzentrums betrieben. Weitere Dachfarmen operieren in San Francisco und Sarasota (Florida); mit der „Cornerstone Rooftop Farm“ in Richfield gründete sich der erste Höhen-Bauernhof in Minnesota. Die Gründer müssen inzwischen nicht mehr bei Null anfangen – mehrere Firmen haben sich auf die Konstruktion und Aufstellung von Dachgarten-Systemen spezialisiert. Auch in der Schweiz verfolgen die Urban Farmers zunächst in Zürich ähnliche Ziele. Fast wäre das Projekt in letzter Minute gescheitert, denn die Baubehörde der Stadt New York verhängte kurzerhand einen Stopp über das Projekt. In ihrer Begeisterung hatten die Grossstadtfarmer den Nachweis vergessen, dass ihr Vorhaben das Gebäude nicht zum Einsturz bringen kann. Eine berechtigte Sorge - allein die Erde wiegt 500 Tonnen. Doch ein Statiker gab grünes Licht, und nachdem die Granger ein Bussgeld von 5537 Dollar gezahlt hatten, dürften sie mit demAnlegen der Beete beginnen. Das war vor einem Jahr. Tomaten, Zwiebeln, Dach-Honig Der 30jährige Flanner arbeitete früher als Marketingexperte bei der Online-Handelsfirma E-Trade. Eigentlich wäre er gern Farmer geworden, konnte sich aber nie vorstellen, auf dem Land zu leben. Als er von den luftigen Grossstadt-Gärten hörte, war das für ihn die Lösung. Er schmiss seinen Bürojob. Mit Unterstützung der Firma Goode Green, die in Manhattan Dachgarten-Systeme herstellt, baute er vor zwei Jahren zunächst eine Test-Farm auf einem Lagerhaus in Brooklyn, auf rund 550 Quadratmetern. Das Projekt war ein Erfolg. Es läuft nach wie vor und produziert neben Tomaten und Zwiebeln auch Dach-Honig, mit vier Bienenstöcken. Die Produkte werden auf Wochenmärkten verkauft und an Lokale in der Nachbarschaft geliefert. Noch ist es Liebhaberei Reich werden Flanner und seine Partner – darunter einige Restaurantbesitzer – mit den Dachgärten vorerst nicht. Die Projekte funktionieren zurzeit überhaupt nur, weil die Dächer nichts kosten, ein Grossteil der Arbeit von enthusiastischen Freiwilligen geleistet wird und die Investition für die Geldgeber eher eine Liebhaberei ist als eine ernst gemeinte Kapitalanlage. Doch mit steigender Lernkurve und verbesserter Technik könnte sich das ändern. Zumal der eine oder andere Immobilienbesitzer zu Subventionen bereit sein könnte – immerhin senkt ein Dachgarten den Energiebedarf des Gebäudes und kann die Lebensdauer eines Flachdachs sogar erhöhen. Hydrobasis soll ab Mai kommen Während Flanner und seine Helfer die Pflanzen auf einer speziellen Kompostmischung ziehen, die besonders gut Regenwasser speichert, will ein anderes Projekt ganz ohne Erde auskommen. Viraj Puri, Gründer der Initiative Gotham Greens, plant eine Dachfarm allein auf Hydrobasis. Er will die Pflanzen mit Regenwasser füttern, dem Nährstoffe beigefügt werden. Rund 30 Tonnen Gemüse im Jahr will Puri so produzieren und an die Bioladenkette Whole Foods liefern. Puri hat den Projektstart allerdings schon mehrfach verschieben müssen; mal gibt es technische Probleme, mal fehlen Genehmigungen. In diesem Mai soll es nun endlich soweit sein, sagt er. Dass die Technik prinzipiell funktioniert, haben ihre Macher schon vor Jahren bewiesen – auf einem Boot im Hudson, der so genannten Science Barge. Fans haben die Idee aufgegriffen. So entstand zum Beispiel ein „Greenhouse Lab“ auf dem Dach einer Grundschule in der 93. Strasse von Manhattan, in dem die Grossstadtkinder praktische Biologie lernen, so wie früher im Schulgarten. Auch kommerzielle Immobilienentwickler sind dabei: So plant die Firma Blue Sea Developments auf einem achtstöckigen Wohnprojekt in der South Bronx ein Treibhaus, das den Gemüsebedarf von 450 Leuten deckt. Öffentlichkeit entdeckt Gartenliebe Bei den gartenvernarrten New Yorkern sind die Dachfarmen überaus populär. Auf Fanners Erstprojekt in Brooklyn werden inzwischen Yoga-Kurse veranstaltet und Vorträge über biologische Pflanzenzucht gehalten. Beim Zweitprojekt Brooklyn Grange nahm der Andrang von Journalisten kein Ende, selbst die New York Times schickte Reporter auf das Dach. Zeitweise gaben die Initiatoren überhaupt keine Interviews mehr: „Wir haben zuviel zu tun mit Pflanzen und Giessen.“ Die Fangemeinde erfährt durch Rundmails, was es Neues gibt. Bevorzugte Grussformel: „Love and Veggies“. Während die neuen Gärten viel Wirbel machen, fristet das vermutlich erste Projekt dieser Art ein Schattendasein. Schon seit 15 Jahren zieht der Kaufmann Eli Zabar an der Upper East Side von Manhattan Gemüse auf dem Dach einer alten Essig-Fabrik. Insgesamt fünf Gewächshäuser hat er angelegt, ein grosses und vier kleine, die er im Winter mit Abwärme aus einer Bäckerei beheizt. „Es war so viel Raum dort oben, ich wollte ihn für etwas Sinnvolles nutzen“, sagt er. Die einstige Fabrik hat Zabar inzwischen zur Markthalle umgebaut – und verkauft dort auch Tomaten und Salat aus seiner Höhen-Produktion. Bild: Anastasia Cole
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