Holland will Schächten verbieten

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Geschrieben von: Tobias Müller, Amsterdam 14.04.11
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Als erstes EU-Mitglied wollen die Niederlande ein Schächt-Verbot einführen. Die meisten Parteien befürworten dies aus Tierschutz- Gründen. Christliche Parteien sehen die Religionsfreiheit gefährdet.

Eine breite Mehrheit des Parlaments in Den Haag unterstützt den Antrag der tierschutzbewegten Partij voor de Dieren (PvdD), dass beim Schlachten von Tieren eine Betäubung fortan obligatorisch sein soll. Bislang geniessen koscheres und Halal- Schlachten eine gesetzliche Ausnahmestellung. Linke Oppositionsparteien sind schon länger dafür, diese abzuschaffen. Auch die Rechtspopulisten unter Leitung des Islamgegners Geert Wilders vertreten diesen Standpunkt. Mehrheitsfähig wird das Vorhaben allerdings erst durch die Unterstützung der Sozialdemokraten, die diese letzte Woche bekannt machten. Die PvdA, die unter Migranten das grösste Elektorat hat, schwankte bislang zwischen Tierschutz und Religionsfreiheit. Mit ihrem Sinneswandel dürften 91 von 150 Parlamentariern für ein Verbot stimmen.

Widersprüchliche Expertenmeinungen 

ei einer Parlamentsdebatte am Mittwoch berief sich PvdD- Fraktionsvorsitzende Marianne Thiele auf das Wohl der Tiere, das bei unbetäubtem Schlachten durch "zahllose Probleme" beeinträchtigt werde. Sie forderte, die Debatte vom Ausgangspunkt der Fakten zu führen. Wissenschaftler hätten "überwältigend, überzeugend und eindeutig" gezeigt, das Tieren beim Schächten "unannehmbares Leid" zugefügt würde. Bestätigt wird Thieme von Forschern der Universität Wageningen sowie niederländischen und europäischen Tierarztvereinigungen. Letztere veröffentlichten 2008 einen Bericht, demzufolge ein Tier nach dem traditionellen Halsschnitt anderthalb bis vier Minuten bei Bewusstsein bleibe und in dieser Zeit "möglicherweise Schmerzen leiden kann."

Doch auch die Befürworter des Schächtens berufen sich auf wissenschaftliche Untersuchungen, die das Gegenteil beweisen sollen. Laut Raphael Evers, Rabbiner der orthodox- jüdischen Nederlands Israëlitisch Kerkgenootschap (NIK), geht daraus hervor, dass der Blutdruck im Hirn eines koscher geschlachteten Tieres innerhalb von zwei Sekunden so weit sinkt, dass dieses keinen Schmerz mehr empfindet. Am Dienstag waren Rabbiner aus Belgien, Deutschland, Frankreich und den USA nach Amsterdam gekommen, um auf einer Pressekonferenz ihre Besorgtheit auszudrücken. Auch muslimische Verbände kündigten Proteste an. 

Religionsfreiheit oder Tierschutz?

Organisationen beider Glaubensrichtungen appellierten gemeinsam in einem offenen Brief an die Fraktionsvorsitzenden des Parlaments, die Religionsfreiheit zu schützen. Notfalls wollen sie bis vor den Europäischen Menschenrechtshof gehen, um das "populistische" Gesetz zu verhindern. Landwirtschaftsstaatssekretär Henk Bleker gab am Mittwoch zu, an der Richtigkeit des Vorhabens zu zweifeln. Seine Partei, die Christdemokraten, sehen ebenso wie die kleineren calvinistischen Parteien die Religionsfreiheit gefährdet. Bleker sprach von einer "unbequemen Abwägung". Vor einer Abstimmung will das Parlament deshalb noch muslimische und jüdische Organisationen anhören. 

Die Zahl der geschächteten Tiere in den Niederlanden liegt bei etwa zwei Millionen. Voraussichtlich wird die Parlamentsdebatte nächste Woche fortgesetzt. Bereits Ende April könnte über das Gesetz abgestimmt werden. Die Niederlande wären das erste EU- Land, das rituelles Schlachten verbietet. Auch im Nachbarland Belgien formiert sich zurzeit politische Unterstützung eines solchen Gesetzes.

Bild: Auf der Website turksenederlander.nl äussern sich Befürworter des Schächtens, diese Art des Schlachtens sei keineswegs pietätlos. (turksenederlander.nl)

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