Ohne die Wirtschaft geht es nicht

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Geschrieben von: Elena Ibello, Zürich 11.04.11
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Der WWF wird 50 Jahre alt. Die Umweltschutzorganisation verdankt ihren Einfluss auch ihrer Nähe zur Wirtschaft. Und Claude Martin hat in seiner Zeit als Chef von WWF International besonders auf diese Nähe gesetzt. Denn nur so liesse sich Umweltschutz durchsetzen, sagt der Biologe.

Elena Ibello: Sie haben insgesamt rund 40 Jahre für den WWF gearbeitet. Welches war Ihre Sternstunde?

Claude Martin: Ich würde sagen, die Jahre in den Entwicklungsländern haben mich in meiner gesamten Weltsicht stark beeinflusst. Vor allem natürlich in Bezug auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Das ist vielleicht keine eigentliche „Sternstunde“, aber das hat meine Arbeit für den WWF am stärksten geprägt.

Es gab aber auch andere prägende Momente. Ein absoluter Quantensprung war sicher der Report des Club of Rome mit dem Titel „die Grenzen des Wachstums“, der 1972 herauskam. Damals hat man zum ersten Mal realisiert, dass es überhaupt Limiten gibt auf unserem Planeten. Das war ein ganz neues Denken. Viele Leute aus der Wirtschaft sagten noch Jahrzehnte später, das sei Habakuk. Erst ungefähr in den 90ern kam auch in Wirtschaftskreisen die Einsicht.

Elena Ibello: Und nachdem sich die Wirtschaftskreise einsichtig zeigten, begannen Sie, mit ihnen zusammenzuarbeiten?

Claude Martin: Wir merkten irgendwann, dass wir mit neuen Gesetzen und internationalen Abkommen nicht mehr weiter kommen. Man muss den Einfluss bei den Wirtschaftsunternehmen finden. Gesetze folgen nur den Tatsachen, da kann man schlecht vorangehen.

Elena Ibello: Gegenüber Partnerschaften mit Wirtschaftsakteuren sind viele Umweltorganisationen eher skeptisch. Sehen Sie da kein Problem?

Claude Martin: Wenn wir die Wirtschaft nicht für unsere Ziele einspannen, haben wir keine Chance. Dieses Denken hat sich eigentlich im WWF durchgesetzt. Am Umdenken war ich massgeblich beteiligt und dafür wurde ich auch oft angefeindet. Aber es ist nun einmal so, dass der grosse Teil der Menschheit in der Wirtschaft arbeitet. Es gibt auch dort sehr viele Leute, die sich Gedanken machen über Ökologie und Nachhaltigkeit und die motiviert sind, etwas zu verbessern. Es gibt nicht einfach „angels“ und „devils“. Wir sind alle irgendwie wirtschaftlich tätig. Das heutige Verhalten vieler Unternehmen zeigt, dass wir mit der Zusammenarbeit sehr wohl etwas bewirkt haben. Ich glaube, sie ist ein wesentlicher Faktor für den Erfolg des WWF.

Elena Ibello: Wie haben Sie die 70er-Jahre erlebt?

Claude Martin: Zu der Zeit war ich fast immer im Busch. Das Jahrzehnt der 70er-Jahre war das Jahrzehnt des Aufbruchs. Es hat mich stark beeinflusst. Die grossen Umwelt- und Bevölkerungsfragen wurden gerade aktuell. Es lebte in Indien noch weniger als die Hälfte der heutigen Bevölkerung und es war völlig unklar, wie die Entwicklung ihren Weg finden soll, ohne die natürlichen Ressourcen vollkommen aufzubrauchen. Ich habe stark in diesem Kontext gelebt.

Elena Ibello: Was waren während Ihres Engagements die grossen Herausforderungen für den WWF?

Claude Martin: Ab 1990 leitete ich einige Zertifizierungssysteme in die Wege. Mit FSC hat man beispielsweise neue Kriterien geschaffen im Umgang mit der lokalen Bevölkerung und den indigenen Völkern in den Wäldern. Und dann waren 1992 die Klimakonvention in Rio de Janeiro und danach die Biodiversitätskonvention sehr wichtig. Obwohl die Klimakonvention nicht zu dem Ergebnis geführt hat, das wir uns gewünscht hätten, wurde sie später ein wichtiges Instrument.

Elena Ibello: Und welche Herausforderungen warten heute auf den WWF?

Claude Martin: In den vergangenen 20 Jahren hat sich einiges verändert. Damals waren wir noch in der Situation, dass wir oft belächelt wurden. „Das sind die mit der Umwelt“, sagte man, wenn wir beispielsweise am Weltwirtschaftsforum in Davos auftauchten.

Heute verneint niemand mehr, dass die Klimaveränderung weltweit eine grosse Bedrohung ist. Jetzt muss man Instrumente schaffen, um etwas zu verändern. Es braucht konkrete Lösungsansätze und dafür braucht es wiederum Fachkräfte, die sich auf bestimmten Gebieten auskennen, Verhandlungen führen, Gesetzesentwürfe erstellen können und so weiter. Die veränderten Bedingungen ändern natürlich die Arbeit einer NGO wie dem WWF. Heute geht es nicht mehr um Kommunikation, heute geht es um Lösungen.

Zur Person:
Claude Martin war von 1993 bis 2005 Generaldirektor des WWF International. Der heute 65-jährige Biologe entwickelte neue Ansätze im Umweltschutz und ging zahlreiche Partnerschaften ein, unter anderem mit internationalen Wirtschaftsunternehmen. Von 1995 bis 2006 war Claude Martin Mitglied des China Council on International Cooperation, Environment and Development (CCICED), eines Beratungsorgans der chinesischen Regierung. Vor seinem Engagement für WWF International war er Geschäftsleiter des WWF Schweiz. In den 70er-Jahren arbeitete er als Biologe in Indien und als Nationalparkdirektor in Afrika.

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