Japans Unternehmen und Einwohner antworten auf das stärkste je im Land gemessene Erdbeben mit einem Spendenwettlauf. Doch nicht jede Hilfe kommt an, da die Höhe der Schäden noch immer nicht feststeht. Masayoshi Son wurde gerade erst von dem Wirtschaftsmagazin Forbes zum reichsten Japaner gekürt. Jetzt ist der 53jährige Mobilfunkunternehmer auch noch der größte Wohltäter des Landes. 10 Milliarden Yen (82 Millionen Euro/107 Millionen Franken) hat er aus seinem Privatvermögen für die Opfer des Großen Ostjapanbebens gespendet. Ausserdem gibt er alle zukünftigen Gehälter, die er in seiner Funktion als Chef seiner Firma Softbank verdient. Die Firma spendet ebenfalls in zweistelliger Millionenhöhe. Mobiltelefone für Waisenkinder Natürlich sei das auch Marketing, schreiben Japans Kommentatoren und Blogger, aber die Spendensumme sei so groß, dass die Menschlichkeit jede PR-Wirkung mehr als aufwiege. Früher als viele Regierungsvertreter besuchte der Vorzeigemanager das Katastrophengebiet und fragte Opfer und Helfer nach ihren dringensten Wünschen. Kurzerhand stellte der Mobilfunkboss den Freiwilligen tausende Handys kostenlos zur Verfügung und versprach allen Kindern, die durch das Beben zu Waisen geworden sind, kostenlose Handytelefonie bis zu ihrem 18. Geburtstag. „Ich will den Kindern helfen“, sagte der koreanischstämmige Japaner, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs und wegen seiner Herkunft ein nicht immer ungetrübtes Verhältnis zu seiner Heimat hatte. Erst 1990 nahm Son die japanische Staatsbürgerschaft an. Mit seiner Spende stellte er alle bisherigen Top-Spender in den Schatten. Spendenflut legt Geldautomaten lahm Die Spendenbereitschaft ist überwältigend. Japan Wirtschafts- und Künstlerelite versucht sich gegenseitig zu übertrumpfen. Jeden Tag können sich die Japaner zwischen einer Unzahl Benefizkonzerten und Sportveranstaltungen für einen guten Zweck entscheiden. Sportler spenden ihre Preisgelder. Der erst 19jährige Golf-Star Ryo Ishikawa versprach den Bebenopfern seine gesamten diesjährigen Einnahmen. Insgesamt haben die Japaner bislang 150 Milliarden Yen gespendet, schätzt der öffentlich-rechtliche Sender NHK. Gerade in den ersten Tagen nach dem stärksten jemals gemessenen Beben der japanischen Geschichte war der Ansturm auf die Geldautomaten so gross, dass die Spendenwilligen das Computersystem der größten japanischen Bank lahm legten. Vier Tage lang fielen wegen des Spendenandrangs alle Geldautomaten der Mizuho-Bank aus. Hilfe kommt nicht an Doch aller Spendenbereitschaft zum Trotz kommt die Hilfe bei den Opfern nicht an. Noch immer warten die mehr als 150.000 Flüchtlinge in den Evakuierungslagern sowie Tausende Menschen, deren Häuser beschädigt wurden, auf finanzielle Hilfe. Das Ausmaß der Katastrophe ist einfach zu groß. Auch fast vier Wochen nach dem Beben können die Behörden die Höhe der Schäden nicht beziffern. Die Suche nach Toten und Vermissten geht weiter. 12.608 Leichen wurden bislang geborgen. Mehr als 15.000 Menschen werden noch vermisst. Jetzt sollen „Verteilungskommittees“ gegründet werden, um zu entscheiden, auf welchem Weg und nach welchen Kritrien die Spenden verteilt werden. Um eine faire Verteilung zu gewährleisten, müsse man sich erst einen Überblick über das Ausmaß der Schäden verschaffen, erklären Präfektur- und Lokalverwaltungen. In den am schlimmsten betroffenen Gebieten mussten auch die Lokalverwaltungen zusammen mit den Bürgern in Evakuierungszentren umziehen. „Wenn wir den Ämtern jetzt Spendengelder auszahlen, ist das eher eine Belastung als eine Hilfe“, sagte ein Vertreter der Präfekturverwaltung von Iwate gegenüber der Mainichi-Zeitung. Zuerst müsse die Funktionsfähigkeit der Ämter wieder hergestellt werden, so der Beamte. Tepco zahl pro Anwohner 8200 Euro Unterdessen kündigte der Betreiber des havarierten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi baldige Zahlungen für die Anwohner der 30-Kilometerzone rund um das Kraftwerk an. Wie hoch die Entschädigung für die radioaktive Verseuchung der Region letztendlich ausfallen wird, ist noch unklar. In einem ersten Schritt will der Stromkonzern Tepco die Anwohner mit je 1 Million Yen (8.200 Euro(10700 Franken) pro Haushalt entschädigen. Ob und wenn ja wieviel die Bürger in ähnlich hoch vertrahlten Gebieten außerhalb der 30-Kilometerzone bekommen, ist noch offen. Den Verwaltungen der betroffenen Gemeinden hat der Konzern bereits je 20 Millionen Yen „Trauergeld“ ausgezahlt. Doch nicht überall ist die Finanzhilfe des Konzerns willkommen. Die Stadt Namie, die zum zum Teil evakuiert wurde und in der die Menschen wegen hoher Strahlung aufgefordert werden, ihre Häuser nicht zu verlassen, hat das Tepco-Geld abgelehnt. Aus Wut über das schlechte Krisenmanagement des Unternehmens. Solidarität für Bauern Viele Schäden sind ohnehin nicht mit Geld aufzuwiegen. Die Bauern aus Fukushima fürchten beispielsweise einen nicht wieder gut zu machenden Rufschaden, wenn immer mehr ihrer Produkte wegen radioaktiver Belastung vom Markt genommen werden müssen. Jetzt hat der Unternehmensverband Keidanren, der Klub der angesehensten Unternehmen Japans, seine Mitglieder aufgefordert, alle unbelasteten Agrarprodukte aus Fukushima zu kaufen. Das Gemüsse soll in den Firmenkantinen aufgetischt werden, um der Bevölkerung die Angst zu nehmen. Auch die Tepco verpflichtete ihre Mitarbeiter, getestete und für sicher befundene Agrarprodukte aus dem Katastropherngebiet zu kaufen. Supermärkte und Kaufhäuser veranstalten Werbekampagnen, um den Ruf der landwirtschaftlichen Erzeugnisse aus der Krisenregion zu retten. Noch greifen erstaunlich viele Japaner zu den beworbenen Produkten - doch die meisten von Fernsehjournalisten befragten Hausfrauen erklären, sie kauften das Gemüse hauptsächlich aus Solidarität mit den Opfern. Die Angst vor verstrahlten Lebensmitteln bleibt. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann die Angst über die Solidarität siegt. Bild: Unternehmen und Privatpersonen helfen den Opfern von Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe (Sebastian Maslow).
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