Mit dem kürzlich erschienen Buch „Domino - Handbuch für eine nachhaltige Welt“ wollen die Schweizer Autoren Christopher Blaufelder, Stephan Sigrist, Burkhard Varnholt, Gerd Folkers eine ganzheitliche Sicht auf Nachhaltigkeit bieten. Ansatz ist, dass unser Handeln von fünf Dimensionen beeinflusst wird und kann zu negativen oder positiven Auswirkungen führen. Das Buch will dazu 210 Vorschläge und Anregungen bieten. Denn „Nachhaltigkeit bedeutet die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, ohne andere daran zu hindern, sowohl heute als auch morgen.“
Christoph Rohrmoser: Was bringt es einem Anleger, Ihr Buch zu lesen? Stephan Sigrist: Domino präsentiert zunächst bewusst keine konkreten Anlageempfehlungen, dies ist nicht der Fokus unseres Think Tanks. Auf den zweiten Blick eröffnet das Buch gerade für Investoren mit langfristigem Horizont verschiedene Grundlagen. Zunächst geht es darum, den Begriff der Nachhaltigkeit, der heute zunehmend zu einem Modewort verkommt, wieder verstärkt in seinem eigentlichen Sinn zu definieren. Christoph Rohrmoser:Und wie defininieren Sie ihn? Stephan Sigrist:Erstens hat Nachhaltigkeit primär nichts mit „Gutmenschentum“ und Altruismus zu tun, es beschreibt vielmehr ein Konzept, das sicherstellt, dass unsere Gesellschaft, Unternehmen und nicht zuletzt wir selbst in Zukunft noch Existenzgrundlagen haben. Nachhaltigkeit bedeutet also Zukunftsfähigkeit und steht in einem betriebswirtschaftlichen Kontext gleichbedeutend mit einer erfolgreichen Wachstumsstrategie, die allerdings nicht auf kurzfristige Gewinnmaximierung, sondern auf langfristigen Erfolg ausgerichtet ist. Verwandte Themen| { Berns Amerikaner werden grün, 30.03.11 } | | { Generationengerechtigkeit, 04.03.11 } | | { „Man will mich mundtot machen“, 24.12.10 } | | { Ethik gehört zu Nachhaltigkeit, 26.11.10 } | | { Ausgezeichnete Hotelketten, 23.11.10 } | | { Albert auf dem Natur Kongress, 10.11.10 } | | { Mit fürstlicher Familie Gutes tun, 10.11.10 } | | { Belohnung für Wandel von unten, 01.10.10 } | | { Ein Banker, der nicht spekuliert, 25.08.10 } | | { Aktien für den Klimaschutz, 10.06.10 } |
Zweitens wird Nachhaltigkeit heute primär mit ökologischen Themen identifiziert. Dies ist nur ein Teil des Konzepts, das eben genau auch die soziale und die ökonomische Komponente berücksichtigt. Für Investoren sind deshalb nicht nur Unterernehmen attraktiv, die sich mit alternativen Energien neue Märkte erschließen, sondern auch solche, die eine ausgereifte Mitarbeiterkultur haben, weil diese Arbeitgeber mit hoher Mitarbeiterzufriedenheit potentiell innovativer sind. Das Buch plädiert entsprechend für einen offenen Horizont und den Mut neben dem Mainstream die Augen für Titel und Produkte offen zuhalten, die sich langfristig ausrichten. Dies kann die Investition in Katastrophenanleihen genau so beinhalten wie Unternehmen, die Mitarbeitern Ruhepausen anbieten. Christoph Rohrmoser:Was möchten Sie mit diesem Buch bewirken bzw. ist ein Buch dazu überhaupt in der Lage, etwas zu bewegen? Stephan Sigrist: Ein Buch allein kann nie etwas bewirken, nur die Handlungen von Menschen können dies. Indem wir einerseits einen großen Bogen mit der Analyse der wichtigen Alltagstätigkeiten gespannt haben und andererseits aber konkrete, exemplarische Einzelmaßnahmen vorschlagen, die aufzeigen, wie wir die Welt nachhaltiger machen könnten, besteht durchaus die Hoffnung, dass der eine oder andere Leser über eine Verhaltensänderung nachdenkt. Christoph Rohrmoser:Ist das Menschenbild, von dem Sie ausgehen, nicht zu optimistisch? Stephan Sigrist: Der eigentliche Kern des Buches ist es ja gerade, dass wir nicht von einem idealisierten, optimistischen Menschenbild ausgehen, sondern den Menschen mit seinen uralten, individuellen Bedürfnissen, eingebettet in gesellschaftliche Normen und abhängig von Regulierungen ins Zentrum stellen. Dem Menschen seinen Egoismus abzuerziehen ist – unabhängig vom Verhalten Einzelner – in der Regel illusorisch. Christoph Rohrmoser:Wie kann Nachhaltigkeit denn überhaupt funktionieren? Stephan Sigrist: Nachhaltigkeit kann als Konzept nur funktionieren, wenn es uns gelingt, Anreizsysteme zu entwickeln, die unserer Natur gerecht werden. Eine Forderung dabei: Nachhaltigkeit braucht Status. Wir werden beispielsweise erst auf einen überbordenden Fleischkonsum verzichten oder unsere Mobilität einschränken, wenn dieses Verhalten sozial akzeptiert, ja sogar angesehen und statusträchtig wird. Echte Innovation heißt in diesem Zusammenhang, soziale Prozesse in Gang zu bringen, die traditionelle Produktinnovation ist zwar nach wie vor wichtig, der große Hebel erfordert aber einen gesellschaftlichen Wertewandel. Hierzu hoffen wir, einen kleinen Beitrag leisten zu können. Christoph Rohrmoser:Wie waren die bisherigen Reaktionen und Feedbacks aus Wirtschaft und Politik? Stephan Sigrist: Bis jetzt ist das Buch außerordentlich gut rezipiert worden, wir haben sehr positive Rückmeldungen von unterschiedlichen Ansprechgruppen erhalten. Aus der Wissenschaft, der Politik und auch aus der Wirtschaft. Neben den Inhalten hat dies aber mit Sicherheit mit der sehr schönen und innovativen Gestaltung zu tun, auf die wir bei W.I.R.E. sehr viel Gewicht legen. Zur Person: Dr. sc. ETH Stephan Sigrist studierte Stephan Sigrist ist Gründer und Leiter des Think Tanks W.I.R.E. (Web for Interdisciplinary Reseach & Expertise) der Bank Sarasin und des Collegium Helveticum von ETH und Universität Zürich. Der Forschungsschwerpunkt von W.I.R.E. betrifft Entwicklungen und Trends in den Bereichen Life Sciences, Wirtschaft und Gesellschaft. Stephan Sigrist hat zum Thema "Wandel im Gesundheitswesen: strategische Ausrichtung der Pharmabranche" promoviert und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Entwicklungen in den Bereichen Pharma / Biotechnologie, Gesundheit und Food sowie mit generellen Makro-Trends in Wirtschaft und Gesellschaft. Das Interview ist zuerst auf der Finanzseite Foonds.com erschienen.
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