Die Innenstadt ist gerade mal dreieinhalb Kilometer entfernt und der im Bau befindliche Hauptbahnhof liegt praktisch gegenüber: In Wien wird die nach eigenen Angaben „die größte Passivhaus-Siedlung Europas“ gebaut, und das ganz zentral. Die S-Bahnanbindung gibt es schon. Etwas gespenstisch klingt das unermüdliche Klackern der Rolltreppen an der Station St. Marx im dritten Wiener Gemeindebezirk, die momentan noch niemand nutzt. Kein Wunder: Die Förderstiegen am Haltepunkt der S-Bahnlinie 7 führen gegenwärtig in eine Mondlandschaft. Mächtige Bulldozer schieben das Erdreich umher, wo einmal ein Park entstehen soll. In der Ferne kreisen unablässig himmelhohe Kräne über gewaltigen Rohbau-Blöcken in den unterschiedlichsten Fertigstellungsstadien. Im Herbst die ersten Mieter Die Emsigkeit hat ihren Grund: Schon im Herbst sollen die ersten Mieter in die Passivhaus-Bauten auf den Wiener Aspanggründen einziehen. 740 Wohnungen werden auf der Fläche von 3,8 Hektar in einer ersten Phase entstehen, 1.600 bis 2.000 könnten es bis 2019 werden, wenn der heutige Entwicklungsplan umgesetzt wird. Zudem soll es 8.000 neue Arbeitsplätze geben. Die Lage im Wiener Süden, der sich mitten im Umbruch vom Industriegebiet zum Standort für hochklassige Dienstleistungen unter anderem der IT- oder Biotechbranche befindet, ist hervorragend geeignet. So liegen die Aspanggründe an der Route vom Zentrum zum Flughafen Wien-Schwechat, der durch Straße und Schiene hervorragend angebunden ist, und zum aufstrebenden Technologiezentrum im 80 Kilometer entfernten Großraum rund um die slowakische Hauptstadt Bratislava. Masterplan von Norman Foster Bis zu seinem Abriss 1977 stand hier der Kopfbahnhof der Aspangbahn, die ins gleichnamige Städtchen 85 Kilometer südlich von Wien führt. Zu Habsburger Zeiten gab es sogar Pläne, die Strecke bis in die nordgriechische Metropole Saloniki zu verlängern, die aber aufgegeben werden mussten. Viel Zeit verging noch, bis die Brache im zukunftsträchtigen Wiener Süden zur Bebauung ausgeschrieben werden konnte. Schließlich wurde der Londoner Architekt Norman Foster von einem Konsortium österreichischer Bauträger damit beauftragt, einen Masterplan zur Belebung des südlichen Teils von Wien zu entwickeln. Geringe Anpassungen Hans Peter Graner stellt allerdings schmunzelnd klar, dass das Konzept des Büros Foster eine gewisse Verfeinerung erforderlich gemacht hat. „Er hat im Park einen Weiher vorgesehen, aber das ließ sich nicht verwirklichen“, erzählt der Zielgebietskoordinator der zuständigen Magistratsabteilung (MA) 21A. „Das Büro Foster hat den Höhenunterschied im Gelände nicht genügend berücksichtigt - immerhin 13 Meter“, ergänzt Graners Kollege Markus Olechowski, der sich unter anderem um die Medienarbeit der MA 21A kümmert. Inzwischen hat das Projekt, das neben seiner Bezeichnung Aspanggründe noch mit der modischen Ergänzung Eurogate versehen wurde, allerdings konkrete Formen angenommen. In einer Ausschreibung haben sich fünf Wohnbauträger bei der Auftragsvergabe zur Umsetzung des Projekts durchgesetzt. Die Konzeption steht in der Tradition des oft avantgardistischen Gemeindebaus im „Roten Wien“ des vergangenen Jahrhunderts. Nun kommt noch der ökologische Aspekt hinzu. „Offen für viele“ Umweltfreundlich und sozial zu bauen, bedeutet in Zeiten teurer Energie auch gar keinen Widerspruch. „Einerseits ersparen sich die Mieterinnen und Mieter eines Passivhauses rund 230 Euro an Heizkosten im Jahr im Vergleich zu einem Niedrigenergiehaus. Andererseits profitiert auch die Umwelt, denn jede Wohnung im Passivhausstandard spart rund 500 Kilogramm an Treibhausgasen jährlich", erläutert Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. Nach seinen Angaben werden die Aspanggründe „die größte Passivhaus-Siedlung Europas“. Ghettobildung, wie sie während der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den traditionellen Gemeindebauten den rechtspopulistischen „Freiheitlichen“ in die Hände spielten, glauben die Sozialdemokraten an der Spitze des bevölkerungsreichsten Bundeslandes vorgebeugt zu haben. „Durch die Mischung von geförderten Miet-, Eigentums- und Superförderungswohnungen sowie einem Anteil an freifinanzierten Wohnungen wird ein Beitrag zur sozialen Durchmischung geleistet“, sagt Christian Kaufmann, Mediensprecher des Wiener Wohnbaustadtrats aus den Reihen der Sozialdemokraten. Zudem ist die jährliche Einkommensgrenze, bis zu der ein Zugang zu einer Sozialwohnung auf den Aspanggründen möglich ist, nach Kaufmanns Worten mit 75.340 Euro für eine vierköpfige Familie sehr großzügig gewählt. Es geht noch besser Nach heutigen Gesichtspunkten ist die Passivhaus-Siedlung, die gerade auf den Aspanggründen hochgezogen wird, auf dem neuesten Stand. Hoch wärmegedämmte Wände, Decken und Fenster, energieeffiziente Lüftung, bestmöglicher Schallschutz, möglichst emissionsarme Beheizung und Warmwasserbereitung, gute Sommertauglichkeit durch entsprechende Lüftungstechnologie und hohe Primärenergieeffizienz bei der Versorgung mit Strom, Fernwärme und Gas waren nach Angaben des MA 53-Sprechers Kaufmann wichtige Kriterien bei der Auftragsvergabe an die fünf Bauträger. Vergleichen lässt sich das durchaus mit dem Schweizer Minergie-P-Standard oder den Anforderungen, die bei der Zertifizierung mit dem Deutschen Gütesiegel für nachhaltiges Bauen (DGNB) angelegt werden. Für Hans Peter Graner von der MA 21A geht es allerdings immer noch ein Stückchen besser. „Die Entwicklung wird weitergehen“, prophezeit der Oberstadtbaurat. Demnächst werde auch im Siedlungsbau der Maßstab gelten, dass Häuser mehr Energie produzieren als sie verbrauchen. Um den Zuschlag bei großen Ausschreibungen zu erhalten, müsse in Zukunft zudem der gesamte Lebenszyklus der Gebäude in den Blick genommen werden: Dabei werde dann die Energiebilanz der verwendeten Baustoffe ebenso eine Rolle spielen wie der zu erwartende Aufwand bei einer fälligen Sanierung oder die Umweltkosten bei einem späteren Abriss. Bild: Beste Gemeindebautradition plus Ökologie: In Wien entsteht in zentraler Lage die größte Passivhaus-Siedlung Europas (Ulrich Glauber).
|