Die ersten Befürworter der Atomenergie werden sich bald zurückmelden. Die Politik muss sich endlich mit der Vorstellung vertraut machen, dass eine Vollversorgung mit Erneuerbaren in den kommenden Jahrzehnten möglich ist.
Atomunfälle wie Tschernobyl 1986, Ölkatastrophen wie 2010 auf der Deepwater Horizon, Kriege, die um Öl und Ressourcen geführt werden – die Gefahren unserer konventionellen Energiequellen sind uns nicht erst durch die Katastrophe von Fukushima in Folge des Erdbebens vor Augen geführt worden. Und doch scheint es, als wäre der Mensch schlicht nicht imstande, aus den Fehlern zu lernen und alle notwendigen Schritte zu tun, diese unsicheren und zerstörerischen Energien hinter sich zu lassen. Wir werden die Uhr danach stellen können, bis die ersten Atomenergiebefürworter sich wieder lauthals zurückmelden und vor einem schnellen Ausstieg aus der Atomkraft warnen. Verständlich ist, dass die Bevölkerung vor allem dann für die Gefahren unserer derzeitigen Energieversorgung sensibilisiert ist, wenn die schrecklichen Bilder einer Katastrophe allgegenwärtig sind. Verantwortungslos allerdings sind Politiker, die sich immer nur in solchen Momenten für eine saubere Energieversorgung einsetzen, und ansonsten deren Einführung mit allen Mitteln blockieren.
In Deutschland, wo vor sechs Monaten noch eine vor allem den Energiekonzernen dienende Laufzeitverlängerung verabschiedet wurde, hat als Reaktion auf den Reaktorunfall in Japan und begleitet durch das hastig beschlossene Moratorium für die Laufzeitverlängerung die Debatte um Atomenergie wieder Fahrt aufgenommen. Allein am vergangenen Wochenende gingen in vier Städten zusammen über 200.000 Menschen auf die Strasse und forderten einen schnellen Atomausstieg. Die Regierung begründet das Moratorium damit, dass man erst einmal den gesellschaftlichen Konsens suchen müsse. Dies allerdings verwundert: Der von der rot-grünen Regierung beschlossene Atomausstieg stützte sich bereits auf die grosse Mehrheit in der Gesellschaft, die vor einigen Monaten beschlossene Laufzeitverlängerung dagegen nicht. Das Moratorium ist damit im Grunde das Eingeständnis der deutschen Regierung, die Laufzeitverlängerung nicht im Sinne der Versorgungssicherheit der Bevölkerung, sondern in erster Linie im Interesse der Energiekonzerne verabschiedet zu haben. Noch beim EU-Energiegipfel im Februar betonten europäische Energieminister die grosse Bedeutung der Nuklearenergie für das Erreichen der EU-Klimaziele. Die unvorstellbar hohen und weitreichenden Gefahren der Technologie für Mensch und Umwelt werden dabei mit dem Begriff Restrisiko beiseite debattiert und sogar für Wachstums- und Wettbewerbschancen in Kauf genommen. Fukushima zeigt nun, was der Begriff Restrisiko beinhaltet, welchen Preis dieses Risiko hat. Der Vorschlag von EU Energiekommissar Günther Oettinger nach Stresstests für alle europäischen Atomkraftwerke ist wohl eher der verzweifelte Versuch, die Atomenergie in Europa trotz der tragischen Bilder aus Japan am Leben zu halten. Freilich kann man gegen eine erneute Sicherheitsüberprüfung von Atomanlagen schwer etwas haben. Zu vermuten steht allerdings, dass diese Stresstest nichts als ein Placebo für die Bevölkerung sind, die im Angesicht der Katastrophe von Japan besonders empfindlich auf Atomenergie reagiert. World Future Council World Future Council heisst Weltzukunftsrat. Die gemeinnützige Stiftung wurde von Jakob von Uexküll gegründet. Die 50 Ratsmitglieder kommen von allen Kontinenten dieser Erde, aus Politik, Zivilgesellschaft, Geschäftswelt, Wissenschaft und Kultur. Sie sind Universitätspräsidenten, Philosophen, Bürgerrechtler, Umweltexperten, Maori Älteste und vieles mehr. Es sind Menschen, die für ihre Vision einer gerechten, nachhaltigen und friedvollen Zukunft eintreten. Der Rat hat es sich zur Aufgabe gemacht, weltweit Politiker über gute Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit zu informieren. Auch ein Stresstest wird die Sicherheit von Atomanlagen nicht garantieren. Das weltweite Atommüllproblem und die Gefahr der militärischen Nutzung von Nukleartechnologie ("Proliferationsrisiko") bleiben ebenso ungelöst. Das alles wäre bereits Grund genug, schnellstmöglich aus der Atomenergie auszusteigen.100 Prozent Ökostrom sind möglichDie Forderung nach einem schnellen Atomausstieg ist richtig und notwendig. Ebenso deutlich müssen wir allerdings benennen, welche politischen Massnahmen ergriffen werden müssen, um den Ausbau der Erneuerbaren Energien und den effizienteren Umgang mit Energie konkret, zuverlässig und rasch zu erreichen. Dabei muss sich die Politik auch endlich mit der Vorstellung vertraut machen, dass eine Energieversorgung, die sich zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien speist, in Europa innerhalb der kommenden Jahrzehnte möglich und notwendig ist. Zahlreiche Organisationen, Institute und Verbände haben die technische und wirtschaftliche Machbarkeit bereits nachgewiesen. Berechnungen des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) zeigten bereits Anfang 2010, dass im Jahr 2020 statt der von der EU geforderten 18 Prozent in Deutschland bereits ein Anteil der EE von knapp 30 Prozent am gesamten Endenergieverbrauch möglich ist. Und genau so wie die Gefahren der Atomenergie müssen auch die enormen Möglichkeiten der Erneuerbaren Energien überzeugend in der Öffentlichkeit vermittelt werden. Denn nur dann wird die Bevölkerung die Transformation unserer Energieversorgung mittragen. Zusätzlich brauchen wir grössere Schritte auf europäischer Ebene. Die EU-Klimaziele, die bis 2020 einen Anteil der Erneuerbaren von 20 Prozent, eine Treibhausgasreduktion von 20 Prozent und eine Senkung des Energieverbrauchs von 20 Prozent vorsehen, müssen übertroffen werden. Zu den notwendigen Massnahmen gehören unter anderem die Stärkung der nationalen Förderinstrumente im Bereich erneuerbarer Wärme und der beschleunigte Ausbau der Stromnetze. Zu den Autoren: Stefan Schurig ist Direktor der Arbeitsgruppe Klima, Energie und regenerative Städte beim World Future Council. Er hat sich seit vielen Jahren als Kommunikations- und Energieexperte dem politischen Umweltschutz verpflichtet, unter anderem als hauptamtlicher Pressesprecher von Greenpeace Deutschland. Seine Themen sind Klimaschutz und Ausbau eines nachhaltigen Energiesystems sowie Strategien zur nachhaltigen Stadtentwicklung. Anna Leidreiter arbeitet als Policy Officer Climate/ Energy bei der Stiftung World Future Council in Hamburg. Während ihres Studiums in International Development Studies (MSc.) an der Universität Amsterdam beschäftigte sie sich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive mit dem Thema Umwelt und Entwicklung. Erste praktische Erfahrungen durfte Anna Leidreiter bereits in einem Aufforstungsprojekt in Ecuador sowie in dem Solarunternehmen Solarteam Nord machen. Als studentische Hilfskraft am German Institut for Global and Area Studies (GIGA Hamburg) arbeitete sie ausserdem zum Thema Klimawandel und Ressourcenmanagement in Afrika. Im Rahmen ihrer Masterarbeit führte Anna Leidreiter eine empirische Studie zum Thema „Community Participation in Natural Resource Management“ in Äthiopien durch.
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