Salzburg will keine Querdenker

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Geschrieben von: Manfred Maurer, Wien 04.04.11
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Die Salzburger Festspiele haben 2011 schon lange vor der Eröffnung ihren Skandal: Der Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler wurde als Eröffnungsredner ausgeladen. Ziegler macht den Druck Schweizer Grosskonzerne dafür verantwortlich.

Für Jean Ziegler ist der Fall sonnenklar: “Das ist genau die Art und Weise, wie diese Geldsäcke arbeiten. Nestlé, Credit Suisse oder UBS sponsern die Festspiele ja nicht aus Liebe zur Kunst.” Tatsächlich drängt sich der Verdacht auf, dass hier jemand plötzlich Angst vor der eigenen Courage bekommen hat. Die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller hatte auf einer von der Festspiel-Leitung vorgelegten Liste möglicher Redner keinen genehmen Kandidaten gefunden. Die Sozialdemokratin suchte selber einen - und fand: Jean Ziegler. Der streitbare Globalisierungskritiker konnte in Zeiten wie diesen kein Fehlgriff sein. Der eidgenössische Soziologe, Sachbuchautor (”Die Schweiz wäscht weisser”) und Ex-Nationalrat ist auch in Österreich als einer bekannt, der keinen Konflikt scheut, wenn er den Grosskonzernen Saures und eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung predigt. Damit spricht er nicht nur Sozialdemokraten aus dem Herz. “Aufstand des Gewissens”, hatte sich Burgstaller als Titel der Eröffnungsrede gewünscht.

Zieglers Nähe zu einem Libyer

Doch dann passierte die Sache mit Gaddafi - oder vielleicht auch etwas ganz anderes, wie Jean Ziegler vermutet. In der offiziellen Version der Salzburger jedenfalls geht es um den libyschen Machthaber, den heute alle Diktator nennen, auch die, die bis vor kurzem noch bestens mit ihm im Geschäft waren. “Ich habe es - auch im Interesse von Jean Ziegler - nicht für sinnvoll gehalten, einen Redner einzuladen, bei dem zu erwarten war, dass in der Folge nicht die Inhalte seiner Festspiel-Rede, sondern die Diskussion rund um die Frage eines angeblichen Naheverhältnisses zu Al-Gaddafi im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gestanden wären” - so begründete Landeshauptfrau Burgstaller die Ausladung des Schweizers.

Plötzlich war man auch in Salzburg draufgekommen, dass Ziegler mit dem Libyer in der Vergangenheit etwas nachsichtiger umgegangen ist als mit Banken und Grosskonzernen. Damit stand er freilich in einer Reihe mit dem grossen österreichischen Sozialdemokraten Bruno Kreisky, der Gaddafi in den 80er Jahren aus der internationalen Isolation geholt und nicht bloss als gefährlichen Spinner abtun wollte. Dass Ziegler polarisiert, hätte sich schon bis Salzburg herumsprechen können. Seine Nähe zu Gaddafi war schon öfter ein Thema. Zum Beispiel vor zwei Jahren, als jüdische Organisationen ihren Protest gegen die Verleihung des Millenniumspreises der Hilfsorganisation CARE an den Eidgenossen unter anderem mit dessen Sympathie für den libyschen Revolutionsführer begründet hatten. Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in Libyen wirkt die Ausladung somit durchaus konsequent.

“Gaddafi ist ein Massenmörder!”

Aber warum hat man ihn dann überhaupt erst eingeladen? Immerhin hat Ziegler so wie viele andere gerade noch die Kurve gekratzt und Gaddafi schon vor Wochen einen “völlig verrückten Halunken” genannt. Auch in einem Interview mit der Austria Presse Agentur betonte er am Freitag noch einmal: “Gaddafi ist ein Psychopath, ein Massenmörder, dem man so schnell wie möglich Einhalt gebieten muss.” Wo ist also das Problem? Mit dieser Meinung liegt der Querulant schon wieder dermassen im Mainstream, dass es ihm eigentlich zuwider sein müsste.

Gab es da vielleicht doch ein ganz anderes Problem? Natürlich nicht! Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler setzt sich “mit aller Vehemenz gegen den Verdacht zur Wehr, man hätte Ziegler als Kniefall gegenüber den Sponsoren ausgeladen”. Keiner der Sponsoren hätte etwas von der Einladung gewusst. Ziegler bezweifelt das mit Verweis auf ein kürzliches Treffen Rabl-Stadlers mit dem Nestlé-Verwaltungsratspräsidenten Peter Brabeck-Letmethe in New York. Beweise für einen Druck der Konzerne, “die mich hassen”, hat er allerdings nicht.

Serviles Österreich

Vielleicht war Druck auch gar nicht nötig. Vielleicht wurde Ziegler nur Opfer jenes nicht ganz untypisch österreichischen Hanges zur Servilität, die sich unter anderem in vorauseilendem Gehorsam äussert. Vielleicht wurde die Salzburger Landeshauptfrau nur etwas zu spät drauf aufmerksam gemacht, dass Ziegler der Gottseibeiuns von ein paar Konzernen ist, die zufällig wichtige Sponsoren sind. Weil über solche Vorgänge normalerweise keine Aktenvermerke angelegt werden, wird es wohl nie absolute Sicherheit über die wahren Motive der Ausladung geben. Mit Sicherheit aber gibt es eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit des politischen Einflusses auf derartige Entscheidungen. Bislang fällt die Gestaltung der Festspiel-Eröffnung in die alleinige Kompetenz der Landesregierung. Festspiel-Präsidentin Rabl-Stadler würde den Festredner gern selber aussuchen. Dann wäre wohl der diesjährige Fauxpas nicht passiert. Denn die Festspielleitung weiss ganz sicher, was den “Geldsäcken” nicht zumutbar ist.

Grüne laden Ziegler ein

Jean Ziegler wird aber trotzdem Gelegenheit bekommen, während der Salzburger Festspiele im Juni darüber zu referieren, “dass alle drei Sekunden ein Kind am Hunger stirb, damit andere im Geld schwimmen”. Die Salzburger Grünen planen eine Gegenveranstaltung, bei der er sprechen soll.

 

Bild: C. Bertelsmann Verlag / Janosch Abel

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