Am Aus- und Umbau der deutschen Strom-Übertragungsnetze führt für Dierk Bauknecht vom deutschen Öko-Institut kein Weg vorbei, wenn die von der Politik gesteckten Ziele bei der Nutzung der erneuerbaren Energien erreicht werden sollen. Die Neustrukturierung wird für den Wissenschaftler, der sich unter anderem mit Fragen der Netzregulierung und Integration dezentraler Stromerzeugung beschäftigt, mit der Abschaltung von Atomkraftwerken dringlicher als je zuvor.
Ulrich Glauber: Deutschlands Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hält einen Ausbau der deutschen Stromnetze für vordringlich, weil sonst ein Nord-Südgefälle entstehen würde, je mehr Atomkraftwerke vom Netz gehen. Denn Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien kann nach dieser Lesart vor allem in den Windparks vor den deutschen Küsten ausgebaut werden, während die Elektrizität vor allem in den grossen Industriezentren im Süden der Republik gebraucht wird. Stimmen Sie Brüderles Einschätzung zu?
Dierk Bauknecht: Mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien wird zweifellos ein Aus- und auch ein Umbau der Netze notwendig. Tatsächlich wird sich die räumliche Verteilung der Kraftwerke sehr stark verändern, und diese wird sich am offensichtlichsten an einem Nord-Süd-Gefälle zwischen Erzeugung und Verbrauch zeigen. Ausserdem werden durch den Ausbau der Erneuerbaren viel mehr Kraftwerke in die Verteilnetze einspeisen. Deshalb wird auch dort ein entsprechender Umbau notwendig sein. Durch das Abschalten der Atomkraftwerke werden zwar nicht kurzfristig grössere Probleme entstehen, aber der Prozess des Netzausbaus wird beschleunigt werden müssen.
Ulrich Glauber: Eine Studie der Deutschen Energieagentur (dena) beziffert den Netzausbaubedarf für die Stromübertragungsnetze bis 2020 auf bis zu 3.600 Kilometer. Halten Sie das für realistisch und können dabei auch bestehende Trassen benutzt werden, indem die Leitungen dort für höhere Spannung ausgelegt werden?
Dierk Bauknecht: Die dena selbst hat verschiedene Szenarien durchgerechnet. Dabei wurde beispielsweise auch das sogenannte Temperatur-Monitoring einbezogen. Dabei werden die Temperaturen in den Hochspannungsleitungen beobachtet, was dann höhere Durchleistungskapazitäten erlaubt. Dabei kommt die dena zu dem Schluss, dass in dieser Variante der Ausbaubedarf - in Kilometern gemessen - zwar geringer ist, die Kosten aber sogar höher sind. Das ist allerdings sicher ein Punkt, den man noch mal diskutieren müsste.
Ulrich Glauber: Oft wird der Widerstand der Trassen-Anwohner gegen den Ausbau der Hochspannungsleitungen als Hindernis beim Netzausbau angeführt. Liesse sich das nicht durch die Verlegung von Erdkabeln lösen?
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Dierk Bauknecht: Das wird oft als Alternative gefordert, und es ist technisch auch ein gangbarer Weg. Die Kosten steigen aber. Das ist einer der wesentlichen Gründe, warum es dann nicht so gern gemacht wird. Die Netzbetreiber unterliegen zudem einer strengen Regulierung, die bisher darauf ausgerichtet ist, die Kosten zu senken und die Effizienz zu erhöhen. Dazu passt es nicht, Stromübertragungsnetze zu höheren Kosten zu bauen. Ich habe übrigens meine Zweifel, ob immer der lokale Widerstand der Hauptgrund war, dass Trassen nicht gebaut wurden. Es gibt da sicher auch noch andere Faktoren wie die angesprochene Frage, inwieweit die Kosten der Unternehmen für den Netzausbau von der Regulierungsbehörde anerkannt werden. Bisher hat sicher auch eine Rolle gespielt, dass die Netzbetreiber und die grossen Erzeuger praktisch identisch waren. Aber das hat sich ja inzwischen deutlich geändert.
Ulrich Glauber: Manche Experten sind der Auffassung, dass das Nord-Süd-Gefälle gemildert werden könnte, wenn die bisherigen Atomkraftbefürworter Bayern, Baden-Württemberg und Hessen ihren Widerstand gegen den Ausbau der Windkraft aufgeben.
Dierk Bauknecht: Das beim Windenergie-Ausbau zu Lande gerade im Süden nicht so viel geschehen ist, wie möglich gewesen wäre, hat sicher auch landespolitische Gründe. Aber das ändert aus meiner Sicht nichts am grundsätzlichen Problem. Vor ein paar Wochen ist die neueste Leitstudie des Bundesumweltministeriums zum Ausbau der Erneuerbaren Energien herausgekommen. Darin kristallisiert sich bis 2030 die Offshore-Windkraft als entscheidende Grösse heraus. Die Windparks im Meer treiben die Entwicklung. Dazu kommt, dass auch zu Land die meisten Windkraftanlagen im Norden der Republik stehen. Damit wird sich dort auch das sogenannte Repowering entsprechend stärker niederschlagen, bei dem alte Anlagen durch neue Windkraftwerke mit höherer Leistung ersetzt werden. Natürlich ist es sinnvoll, dem im Süden etwas entgegenzustellen, aber ich glaube nicht, dass das an der grundsätzlichen Problematik der Verschiebung der Erzeugungsschwerpunkte etwas ändert.
Ulrich Glauber: Könnten denn im Süden der Republik nicht auch andere Formen der Gewinnung erneuerbarer Energien die regionale Versorgung sicherstellen? Ich denke da an Erdwärme, Holzpellet-Kraftwerke oder die Nutzung von Bioabfällen.
Dierk Bauknecht: Es gibt da sicherlich Ausbaumöglichkeiten, und die sollte man auch nutzen. Aber das hat meiner Ansicht nach nicht die Grössenordnung, dass man die Verschiebungsproblematik von Süd nach Nord damit auffangen könnte.
Ulrich Glauber: Der Verband Eurosolar kritisiert am Konzept von Bundeswirtschaftsminister Brüderle, damit sollten Grossstrukturen zementiert werden anstatt dezentrale Konzepte zu fördern, die für die Erneuerbaren Energien prädestiniert seien. Was sagen Sie dazu?
Dierk Bauknecht: Wenn wir die Erneuerbaren Energien ausbauen wollen, brauchen wir einfach ein anderes Netz, als wir es für die konventionellen Kraftwerke hatten. Natürlich werden die grossen Übertragungsnetze von den grossen Netzbetreibern unterhalten. Für diese Unternehmen ist das bei entsprechender Regulierung sicher ein neues Geschäftsfeld. Das widerspricht selbstverständlich der Vision einer Energieversorgung, die so stark dezentralisiert ist, dass man sich lokal vom übrigen Netz abkoppeln könnte. Für mich ist das keine Option. Dass eine Kommune zum Ziel erklärt, sich zu 100 Prozent mit Erneuerbaren zu versorgen, ist als Initiative zum weitestmöglichen Ausbau der Potenziale sinnvoll. Aber das kann nicht bedeuten, dass man sich ganz vom Übertragungsnetz unabhängig macht.
Ulrich Glauber: Inwieweit können denn neue Speichertechnologien bei der Regionalisierung und der Entlastung der Fernübertragung von Elektrizität eine Rolle spielen?
Dierk Bauknecht: Sicher wird der Bedarf an Speicherkapazität stark steigen, wenn die fluktuierenden Erneuerbaren Wind- und Solarenergie ausgebaut werden wie geplant. Wir haben dafür nicht genügend Pumpspeicherwerke, und für Neubauten gibt es in Deutschland wegen starker Widerstände vor Ort kaum Potenzial. Deshalb sind wir auf neue Speichertechnologien angewiesen. Dazu gehören Druckluftspeicher, bei denen Luft bei einem Strom-Überangebot in unterirdischen Kavernen komprimiert wird und bei Bedarf über Generatoren wieder in Elektrizität verwandelt wird. Eine andere Alternative wäre das „Windgas“, das von den Gasversorgern vorangetrieben wird. Dabei wird mit überzähligem Strom Wasserstoff erzeugt, der dann unter Beimischung von Kohlendioxid zu Erdgas wird. Bei der Verbrennung gelangt allerdings wieder CO2 in die Atmosphäre. Insgesamt jedoch können Speicher nur eine Ergänzung zum Netzausbau sein, aber kein genereller Ersatz dafür.
Ulrich Glauber: Wir haben uns in diesem Gespräch bisher auf die innerdeutschen Gegebenheiten bezogen. Hat die Bundesrepublik aufgrund ihrer geografischen Lage nicht auch eine europäische Verpflichtung zum Netzausbau?
Dierk Bauknecht: Die Europäische Kommission versucht ja schon lange, die grenzüberschreitenden Trassen auszubauen, um den Strombinnenmarkt voranzubringen. Jetzt kommen die neuen Anforderungen durch den Ausbau der Erneuerbaren Energien noch hinzu. Dabei geht es einerseits darum, durch einen möglichst grossräumigen Ausgleich regionale Produktionsschwankungen auszugleichen. Andererseits müssen europaweit Speicherkapazitäten verfügbar gemacht werden, indem man zum Beispiel Pumpspeicherwerke in Norwegen, Österreich und der Schweiz stärker nutzt. Auch dies ist ein Argument für den Aus- und Umbau der deutschen Hochspannungsnetze.
Zur Person: Dierk Bauknecht (39) ist Diplom-Politikwissenschaftler (Freie Universität Berlin) und hat einen Master in Science and Technology Policy von SPRU – Science and Technology Policy Research, University of Sussex mit dem Schwerpunkt Energiepolitik und -wirtschaft. Bevor er zum Öko-Institut an dessen Standort in Freiburg im Breisgau kam, arbeitete er drei Jahre lang bei einem englischen Beratungsunternehmen in den Bereichen Strommarktanalysen, Strompreisprognosen und Modellentwicklung.
Bild: Axpo
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