Tepco ist ratlos

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Geschrieben von: Susanne Steffen 31.03.11
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Im havarierten Kernkraftwerk Fukushima läuft immer mehr radioaktives Wasser aus. Der Betreiber Tepco hat keinen Zeitplan für die Eindämmung der Katastrophe. Inzwischen steht er vor dem Bankrott und Konzernchef Masataka Shimizu wurde wegen Schwindelanfällen ins Krankenhaus eingeliefert.  

Die Hiobsbotschaften aus Fukushima reissen nicht ab. Im Meer vor dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi wurden neue Rekordwerte für radioaktives Jod 131 und Caesium 137 gemessen. 330 Meter südlich des Kraftwerks wurden nach Angaben des öffentlich-rechtlichen Senders NHK 3.355 Mal höhere Jodwerte sowie 352 mal höhere Caesiumwerte gemessen als gesetzlich zulässig. Ein Sprecher der japanischen Atomaufsicht warnte jedoch vor übertriebener Panik. Am Mittwoch erklärte er in einer Pressekonferenz, der Pazifische Ozean werde für einen sehr starken Verdünnungseffekt sorgen, so dass bei Fischen und Meeresfrüchten nur mit geringen Belastungen zu rechnen sei. Dennoch sei es äußerst wichtig, dass kein weiteres kontaminiertes Wasser ins Meer gelange, so der Sprecher weiter. Doch woher genau das Wasser stammt und auf welchem Weg es ins Meer gelangt, ist noch immer ungeklärt. Regierungssprecher Yukio Edano kündigte am Mittwoch weitere Untersuchungen an.

Arbeiten an Kühlung stocken

Hoch radioaktives Wasser in den zum Teil schwer beschädigten Reaktorgebäuden behindert auch die Arbeiten zur Stabilisierung der vier außer Kontrolle geratenen Reaktoren. Die Betreiberfirma Tepco will die Kühlsysteme der vier Reaktoren an ein neu gelegtes Stromkabel anschliessen, um eine längerfristig stabile Kühlung der Brennelemente sicherzustellen. Diese Arbeiten kommen seit Tagen nicht voran, da es immer neue Probleme bei der Beseitigung des kontaminierten Wassers gibt. Am Dienstag Abend mussten auch die Aufräumarbeiten in Reaktor 1 unterbrochen werden, nachdem die Arbeiter festgestellt hatten, dass der Kondensator, in den das verseuchte Wasser gepumpt werden sollte, voll ist. Auch die Kondensatoren in den Blöcken 2 und 3 sind bereits voll. Nun soll das Wasser in andere Tanks umgefüllt werden. Allein für diese Arbeiten rechnet die Betreiberfirma mit einem Zeitraum von drei Tagen.

Tepco vor dem Ruin

19 Tage nach dem Unfall wandte sich nun auch Tepco-Chef Tsunehisa Katsumata erstmals an die Öffentlichkeit. In einer Pressekonferenz erklärte Katsumata, bis die Anlage endgültig einen stabilen Zustand erreiche, werde noch sehr viel Zeit vergehen. Er räumte ferner ein, dass sein Unternehmen keinen genauen Zeitplan habe. Katsumata fungiert vorübergehend auch als Vorstandsvorsitzender des größten privaten Stromkonzerns der Welt, da Top-Manager Masataka Shimizu mit Bluthochdruck und Schwindelgefühlen im Krankenhaus liegt. Das Unternehmen steht auch vor dem finanziellen Ruin. Noch versorgen Japans Banken den Konzern mit Notfallkrediten, doch es gibt bereits Spekulationen über eine bevorstehende Verstaatlichung.

Stoffhülle für drei Reaktoren

Einen längerfristigen, detaillierten Plan zur Eindämmung der Katastrophe gibt es offenbar noch nicht. Die japanische Regierung erwägt nun laut Informationen lokaler Medien, die Reaktoren 1, 3 und 4, deren Dächer beschädigt sind, mit einer speziellen Stoffhülle zu versehen, um die radioaktive Kontamination in der direkten Reaktorumgebung zu senken, damit die Arbeiten zur Wiederherstellung des Kühlsystems zügiger vorangehen können. Um weitere Wasserstoffexplosionen zu verhindern, sollen diese Hüllen mit Filtern ausgestattete Belüftungsöffnungen erhalten. Ferner gibt es Überlegungen, das hoch radioaktive Wasser, das sich in den Reaktorgebäuden angesammelt hat, auf einen Tanker zu laden und abzutransportieren. Neben Sicherheitsbedenken für die Arbeiter wandte das Verkehrsministerium nach Informationen der Asahi Zeitung ein, es gebe keine ausreichenden Vorkehrungen, damit große Tanker vor dem Kraftwerk ankern können. Im Gegensatz zu früheren Naturkatastrophen setzt Japan nun verstärkt auf Hilfe aus dem Ausland. Frankreich, das ebenfalls einen Großteil seines Energiebedarfs mit Atomkraft deckt, hat Japan massive Unterstützung zugesagt. Präsident Nicolas Sarkozy will am Donnerstag nach Tokio fliegen, um mit Ministerpräsident Naoto Kan über umfangreiche technische Hilfe zu sprechen.

Wochenlang in Notlagern

Unterdessen forderten Greenpeace sowie mehrere Oppositionspolitiker eine großflächige Ausweitung der Evakuierungszone. Die Regierung empfiehlt Bürgen außerhalb der Sperrzone von 20 Kilometern nur, ihre Häuser nicht zu verlassen und die Fenster geschlossen zu halten. Doch schon jetzt sind die Evakuierungslager überfüllt. 1.200 Einwohner aus Futaba, das in unmittelbarer Nähe des havarierten Atomkraftwerks liegt, mussten am Mittwoch erneut umziehen. Nachdem ein Großteil der Bürger  vorübergehend in einem Sportstadion in der Präfektur Saitama untergekommen waren, stellten ihnen die Behörden nun ein ungenutztes Schulgebäude zur Verfügung. Geschlafen wird in Klassenzimmern, eine Privatssphäre gibt es nicht. „Das ist mein vierter Umzug“, erzählte ein sichtlich mitgenommener Mann im japanischen Fernsehen. „Aber ich freue mich sehr, dass wir nun endlich Tatami-Matten haben, auf denen wir schlafen können“, ergänzt er und lächelt erleichtert. Wochenlang musste er auf Pappkartons und Decken ausharren. In anderen Evakuierungslagern werden bereits Anträge für Übergangswohnungen angenommen, die in den kommenden Wochen fertiggestellt werden. Doch nicht alle Evakuierten wollen die staatliche Hilfe annehmen. „Wenn ich das mache, habe ich Angst, dass sie meine Heimat nie wieder aufbauen“, erzählt ein Vater von zwei Grundschülerinnen im NHK Fernsehen. Deshalb will er lieber mit seiner Familie von Turnhalle zu Turnhalle ziehen, bis die Regierung die Sperrzone um das Kraftwerk wieder aufhebt.

Bild: Masataka Shimizu wurde mit Bluthochdruck und Schwindelgefühlen ins Krankenhaus eingeliefert (Tepco).  

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