Sind wir wirklich so dumm, Katastrophen zu brauchen?
Die Menschheit lässt sich nur durch Katastrophen retten. Gott weiß es schon seit langem. Revolutionäre Linke und religiöse Fundamentalisten haben es sich bei ihm abgeschaut. Katastrophen bringen Läuterung und Einkehr. Angesichts von Katastrophen wächst die Bescheidenheit. Im Alltag vor der Katastrophe sieht man sich verzerrt wie durch eine Linse, jedes Detail des Herzens und der Selbsteinbildung ist übergroß auf die Leinwand des Egos geworfen. In der Katastrophe hingegen wird so gut wie alles, was man für wichtig hielt, plötzlich unwichtig. Die Umwertung aller Werte. Die Katastrophe führt zum Nachdenken, auch wenn man nichts versteht. Katastrophen fördern die Relativierung der Selbsteinbildung. Zwar nimmt das Überleben die Priorität auf der Instinktlaufbahn ein und das Denken gleitet im Orbit um die Bewahrung des Selbst, aber dafür fliegen auf der Umlaufbahn um das Ich all die anderen sonst so übergewichtigen Sorgen davon.
Katastrophen reduzieren uns auf unsere grundlegende Menschlichkeit, die erstaunlich menschlich, anstatt so wölfisch grausam ist, wie man es sich allgemein unter dem Keuschheitsschleier der Kultur einbildet.
Katastrophen ziehen uns nackt aus, reißen herunter die tausend Kleider der Zivilerrungenschaften.
Der Bettler, der gestern noch von der Tür gewiesen wurde, bekommt heute einen Kanten vom letzten Brot. In der Katastrophe ist die kalte Berechnung der eigenen und allgemeinen Zukunft außer Kraft gesetzt. In der Katastrophe bekommt der Moment an sich wieder einen Wert an sich. Bekommt die Erfüllung der Grundbedürfnisse wieder eine Wertschätzung gegenüber der atemlosen Spirale des Immermehr. Was heute noch für unverzichtbar gilt, ist 5 Minuten nach der Katastrophe bereits ohne Wert. Die Katastrophe lässt uns die elementaren Kräfte wieder spüren, wirft uns auf uns und die Mitmenschlichkeit zurück. In der Katastrophe braucht es weder Ritalin noch Melatonin. Sind wir wirklich so dumm, Katastrophen zu brauchen?
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